Windenergie: Forschungsfeld Vechigen

Kurztext:Infoabende, Mitwirkungsverfahren, Gemeindeversammlungen zum Thema Windenergie: Trotz Mitsprache stossen manche Projekte auf Skepsis in der Bevölkerung von Vechigen. Stefanie Müller will dies ändern.

Galerie
Auf den Hügeln Vechigens stehen vielleicht schon bald Windräder. (Bild: zvg)

Windenergie sorgt für kontroverse Diskussionen. Während es Befürwortern mit der Planung neuer Windparks nicht schnell genug gehen kann, versuchen Gegner, die Vorhaben zu verhindern. Sie bemängeln, es werde zu wenig Rücksicht auf Natur und Landschaft genommen. Vor allem fühlen sie sich während der Planung aussen vor gelassen: Selbst Sympathisanten der Windkraft wehren sich, wenn ein Windrad in ihrem bevorzugten Naherholungsgebiet geplant wird.

Künftig wird die Bedeutung der Windkraft wohl zunehmen und damit auch die Zahl der Windanlagen. Doch wie kann das Planungsverfahren der dafür notwendigen Anlagen für alle Beteiligten verbessert werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Geografin Stefanie Müller in ihrer Dissertation. Ihr Ansatz: Die Bevölkerung besser in den Planungsprozess miteinbeziehen. Dafür hat die Geografin Interviews in Vechigen, Schwyberg und Surselva durch. In diesen drei Regionen sind Windanlagen geplant.

Drei Landschaftstypen

Ausgewählt hat Stefanie Müller die drei Standorte, weil sie verschiedene Landschaftstypen repräsentieren: die alpine und voralpine Landschaft sowie das Mittelland. Die Bedingungen seien aber überall ähnlich: «In jedem Ort gibt es seit Jahren aktive Gegner von Windkraftanlagen.» Bei den rund 20 Interviews, die sie in jeder Gemeinde geführt hat, habe sie darauf geachtet, dass jede Seite zu Wort kommt. Dabei will sie herausfinden, wie die partizipativen Prozesse ablaufen, wie die Bevölkerung diese wahrnimmt und wie sie in Zukunft optimiert werden können.

Bedeutung von Orten

«Heute werden für die Planung von Windparks vor allem technische und wirtschaftliche Faktoren berücksichtig», erklärt Stefanie Müller. Soziale Aspekte würden jedoch meist ausgeblendet. Das führe zu Widerstand innerhalb der Bevölkerung. Die Geografin will deshalb ein «Werkzeug» entwickeln, das dem Abhilfe schafft.

«In jeder Gemeinde gibt es Orte, die von besonderer Bedeutung sind», erklärt sie. Beispielsweise Orte, die eine schöne Aussicht bieten oder als Naherholung genutzt werden. Die Bedeutung eines Ortes könne allerdings für jede Person unterschiedlich sein, was häufig für Konflikte sorge. Diese spezifischen Bedeutungen will Stefanie Müller erfassen und die Daten für die Entwicklung ihres Instruments nutzen.

Mit einem sogenannten Geoinformationssystem, kurz GIS, werden die Daten erfasst, visualisiert und kommuniziert. So kann mithilfe von unterschiedlichen Karten sichtbar gemacht werden, welche Orte den Menschen besonders wichtig sind und warum sie ihnen wichtig sind. «Mit diesem Instrument lassen sich soziale und damit schwer fassbare Aspekte in den Planungsprozess miteinbeziehen.»

Verbesserte Mitwirkung

Das Tool solle keine Konkurrenz zum klassischen Planungsverfahren sein, sondern – falls es sich bewährt – ein ergänzendes Element bilden. «Meine vorläufigen Resultate zeigen, dass herkömmliche Mitwirkungsverfahren besonders bei grösseren Infrastrukturprojekten wie Windenergieanlagen häufig nicht mehr ausreichen», sagt Stefanie Müller. Ihr Werkzeug könne daher für Gemeinden ein zusätzliches Hilfsmittel sein, das den Dialog und das gegenseitige Verständnis fördert. «Dabei geht es nicht darum, die Akzeptanz für Windenergieanlagen zu steigern, sondern die Akzeptanz für derartige Planungsverfahren zu verbessern.»

Schilt ist gespannt

In Vechigen sind die Arbeiten für die Windanlage noch in einem frühen Stadium: Momentan nimmt die Könizer Firma Considerate AG Windmessungen vor. Falls die Winde ausreichend sein sollten, braucht es eine neue Überbauungsordnung. Unumstritten wäre diese wohl nicht.

Gemeindepräsident Walter Schilt (SVP) ist deshalb gespannt auf die Ergebnisse des Projekts. «Ich hoffe, wir gewinnen die eine oder andere Erkenntnis daraus.» Als langjähriger Gemeindepräsident kenne er die Probleme, die mit der Planung von grossen Projekten einhergingen. Zwar suche man immer das Gespräch mit allen Beteiligten. Doch das ist nicht immer einfach, wie Schilt am Beispiel des Windparks aufzeigt: «Wir haben zuerst mit Grundeigentümern gesprochen. Andere Einwohner fühlten sich deshalb vernachlässigt.» Hätte die Gemeinde alle zur selben Zeit informiert, so ist er sich sicher, wären wiederum die Grundeigentümer überrumpelt gewesen.

Negative Reaktionen gebe es zudem nicht nur während der Planungsphase, sondern auch darüber hinaus. So höre er oft nach Abschluss von Bauarbeiten: «Wieso habt ihr das so gemacht? Wäre es anders nicht viel besser gewesen?» Dann frage er: «Habt ihr das Mitteilungsblatt gelesen?» Oder: «Wieso wart ihr nicht an der Infoveranstaltung?» Man könne es nicht allen recht machen.

Europäische Zusammenarbeit

Stefanie Müller forscht an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wind, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf. Ihre Dissertation wird sie im geografischen Institut der Universität Zürich einreichen. Die naturwissenschaftlich ausgerichtete WSL betätigt sich in den Forschungsfeldern Biodiversität, Naturgefahren und Landschaftsschutz. Sie betreibt Grundlagenforschung, erarbeitet aber auch Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Fragen. Erneuerbare Energien seien dabei ein noch relativ junges Forschungsfeld, erklärt Matthias Buchecker. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und betreut die Arbeit von Stefanie Müller. 

Müllers Forschung ist Teil eines Projekts der European Cooperation in Science and Technology (Cost) und wird durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation finanziert. Das Cost-Projekt beschäftigt sich damit, wie die Erzeugung von erneuerbaren Energien mit dem Landschaftsschutz optimal vereinbart werden kann. Dabei geht es vor allem darum, Wissen aus Forschung und Praxis in Europa zusammenzuführen. Resultieren soll aber auch ein Endprodukt: Die beteiligten Forscher entwickeln eine Art Werkzeugkiste, um die partizipative Planung von Energieprojekten zu optimieren. Damit können Gemeinden in ganz Europa auf das von Stefanie Müller entwickelte Tool zurückgreifen. js

 

Autor:Stephanie Jungo, Berner Zeitung BZ

Kommentare

Noch 0 Zeichen
Mit dem Absenden Ihres Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass sich die Redaktion vorbehält, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische oder unsachliche Kommentare. Kommentare mit offensichtlich falschen Namen werden abgelehnt.
  • Verliebt 1

    Anna Fankhauser lebensmittel, Utzigen vor 2 Monaten

    Danke an alle Befürworter der Windenergie, die sicher gerne ihren Garten, ihren Rasen oder ihren Platz für ein Windrad zur Verfügung stellen. Falls es nicht so ist, lautet das Motto: "Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem andern zu." Viel Interessantes zum Thema gibt es unter www.windpark-vechigen.ch zu lesen.

    • Marianne Ryter, Konolfingen vor 2 Monaten

      Erneuerbare Energien sind die Voraussetzung, wenn wir den Klimakollaps oder ein noch grösseres Atomdesaster (als das was bereits mit dem Abfall auf uns zukommt) vermeiden wollen. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Es muss aber trotzdem sehr genau abgewogen werden, was Sinn macht und der Natur am wenigsten Schaden zufügt! Das Optische ist auch unerfreulich, doch etwas müssen wir alle in Kauf nehmen. Hätten wir mehr Geld in entsprechende Forschung investiert, wären wir viel weiter. Da jede Energiegewinnung mehr oder weniger Nachteile hat, müssten wir nach dieser Erkenntnis sparsam und bewusst damit umgehen. Jeder kann und muss endlich mithelfen!

      • Tom Welti, Stettlen vor 2 Monaten

        "Müllers Forschung ist Teil eines Projektes der European Cooperation....." und "Erneuerbare Energien seien dabei ein noch relativ junges Forschungsfeld". Wenn man weiss, dass der Start der modernen Windkraftanlagen 1957 auf der Schwäbischen Alb eingeläutet wurde, frage ich mich schon, was es denn da noch zu forschen gibt?? Die einzig vernünftige Aussage im Artikel scheint mir zu sein: "Momentan nimmt man Windmessungen vor. Falls die Winde ausreichend sein sollten...." (Aha... wäre das nicht das absolut Erste was man machen sollte??) In Norddeutschland und Dänemark hat man schon gemerkt, dass die Winde auf offener See stärker und beständiger sind als auf dem Festland, weshalb man vermehrt Offshore-Windparks (auf dem Meer) baut. Da frage ich mich natürlich schon, was denn so zwei, drei Windräder in Vechigen bringen....

        • Rick Schaller, Ortschwaben vor 2 Monaten

          Ganz richtig, Herr Christen. Ein grosser Teil der Bevölkerung will keine AKW mehr. Und ein grosser Teil dieser Menschen will ebenfalls keine Windräder. Zumindest nicht in ihrer Nähe. Ja was wollt ihr denn? Die Eier legende Wollmilchsau gibt's leider nicht! Einen Kompromiss eingehen müsst ihr schon. Und wenn ich mir einen Kommentar aus meiner Sicht erlauben darf: 1000 Mal lieber 10 Windräder in meiner Nähe als ein altes AKW! 👍

          • Ueli Lehmann, Boll vor 2 Monaten

            Das Volk will doch einfach nur genug Strom, möglichst billig und keine Kraftwerke!

            • Wütend 1

              P Christen, Worb vor 2 Monaten

              Ja, das wollen wir! Wenn wir keine AKW's mehr wollen, müssen wir Kompromisse machen.

              • Daniel u. Monica Arm Rest. Mänziwilegg AG, Utzigen vor 2 Monaten

                Eigentlich würden die geplanten Windräder alle um Vechigen liegenden Gemeinden etwas angehen. Die über 10 Windturbinen auf der Anhöhe der Gemeinde Vechigen werden ungefähr 180 m hoch, der Bantigerturm ist 197 m hoch, das heißt man wird die Turbinen von sehr sehr weit aus sehen. Wollt Ihr das wirklich????