Der reformierten Kirche geht der Nachwuchs aus: "Die Jugendlichen versickern irgendwo"

Kurztext:An Auffahrt werden wieder Tausende von Jugendlichen konfirmiert. Die Pfarrer dürfen sich zumindest an diesem Tag auf volle Kirchenbänke freuen. Danach wird jedoch kaum jemand dieser «iPhone-Generation» für einen normalen Gottesdienst in die Kirche zurückkehren.

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Sie sind ziemlich ernüchtert, weil die jungen Erwachsenen nach der Konfirmation die Kirche weitgehend meiden: Der Walkringer Pfarrer Peter Raich (l.) und sein Oberdiessbacher Amtskollege Hans Zaugg. (Bild: Andreas Blatter)

Sie geraten beinahe ins Schwärmen, wenn sie von früher sprechen. «Vor 20, 30 Jahren hatten die Jugendlichen noch Zeit», sagt Peter Raich. Und Hans Zaugg ergänzt: «Damals waren die Konfirmanden religiös viel sattelfester als heute. Sie wussten beispielsweise, dass sie mit der Konfirmation ihre Taufe bestätigen.» Raich ist reformierter Pfarrer in Walkringen, Zaugg in Oberdiessbach. Auf Einladung dieser Zeitung sprechen sie vor der diesjährigen Konfirmation über den veränderten Zeitgeist, den Einfluss des Smartphones und die Nachwuchsprobleme der reformierten Kirche. Wobei beiden gemeinsam ist, dass sie trotz einer gewissen Ernüchterung nach wie vor viel Freude an ihrem Beruf haben und die jungen Leute sehr wertschätzen.

Sowohl Raich wie auch Zaugg beobachten in ihren Kirchgemeinden, dass die Gottesdienste zwar zufriedenstellend besucht sind. Aber: Unter 40-jährig ist kaum ein Kirchgänger oder eine Kirchgängerin, die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Was das mit der Konfirmation zu tun hat? Es gelingt der reformierten Kirche nicht, die jungen Erwachsenen über die Konfirmation hinaus zu halten. Das bedeutet nicht, dass sie aus der Kirche austreten werden. Aber sie kehren höchstens für eine Taufe, eine Hochzeit, eine Beerdigung in die Kirche zurück. Normale Gottesdienste besuchen sie nicht. «Die Jugendlichen sind nach der Konf weg, sie versickern irgendwo», sagt Peter Raich. «Ich erinnere mich, dass die Konfirmanden früher der Kirche eher erhalten blieben. Einige begleiteten ein paar Jahre später das Konflager, engagierten sich in der Jugendarbeit und unterstützten den Pfarrer.»

Konfirmation erst mit 18?

Hoffnungen, dass sich das ausgerechnet in diesem Jahr ändert, wenn der 500. Jahrestag der Reformation gefeiert wird, macht sich Raich nicht. Denn er hält die Problematik ein Stück weit für hausgemacht. Er, der von Haus aus Mitglied der katholischen Kirche war und während Jahren als Jugendseelsorger und Gemeindeleiter in verschiedenen katholischen Gemeinden wirkte, wirft einen Blick zu den katholischen Kollegen. «Vielerorts in den Bistümern wurde der Start der Firmvorbereitung vom 16. auf das 18. Altersjahr verschoben. Das könnte auch für die reformierte Kirche ein interessanter Weg sein.» Raich ist der Meinung, dass Jugendliche im Alter von 15 Jahren nicht in der Lage sind, sich bewusst für den Glauben zu entscheiden. «Dafür fehlt ihnen die Reife. Sie zu solch einer Entscheidung zu motivieren, ist ein Widerspruch in der Sache.» Mit über 18 Jahren sei ein solcher Entscheid hingegen möglich und auch sinnvoller. Hans Zaugg ist skeptisch: «Wenn wir die Jugendlichen nach der kirchlichen Unterweisung in der neunten Klasse nicht konfirmieren, sind sie weg, in alle Richtungen zerstreut. Wir verlieren sie, können ihnen später vom Glauben nichts mehr mitgeben.» Es sei nicht mehr möglich, zwei Jahre später 100 Prozent von ihnen wieder zu erreichen. Raich kontert: «Das macht doch nichts. Ich habe im schlimmsten Fall sogar lieber nur 35 Prozent von ihnen, dafür die, die sich wirklich zur Kirche und zum Glauben bekennen. Das wäre doch viel ehrlicher.» Raich denkt, dass auf diesem Weg ein neuer Kern von Gemeindemitgliedern entstehen könnte.

«Anderer Stellenwert»

Hans Zaugg geht in einem Jahr in Pension. Er teilt die Feststellungen und Sorgen von Peter Raich zwar weitgehend, hat sich aber für eine pragmatische Haltung entschieden: «Ich habe mich damit abgefunden, dass die Konfirmation heute einen anderen Stellenwert hat als früher, dass sie weltlicher und weniger religiös geprägt ist. Ich habe deshalb meine Ansprüche nach unten korrigiert.» Er habe auch ein gewisses Verständnis dafür, dass die Jugendlichen heute für ihre Hobbys mehr Zeit aufwendeten und deshalb kaum Zeit für den Besuch eines Gottesdienstes bleibe.

Was heute auch anders ist als früher, ist die Nutzung neuer Medien. Positiv sei, dass dadurch die Konfirmationsgottesdienste vielfältiger geworden seien, weil die Jugendlichen diese Technologien verstärkt einsetzten. Als negativ beurteilen die beiden Pfarrer die ständige Präsenz der mobilen Geräte. «Ich lade die Jugendlichen jedes Jahr dazu ein, freiwillig an einem Dollartag teilzunehmen und zusätzlich für vier Tage das Handy abzugeben», erzählt Peter Raich. Am Dollartag lernen die künftigen Konfirmanden, wie es ist, mit einem Dollar pro Tag auszukommen. «Da machen immer einige mit. Fürs Handyfasten hat sich dieses Jahr niemand gemeldet.» Die Aussage einer Siebtklässlerin habe ihn entsetzt. «Sie hat gesagt, wenn sie das Smartphone abgeben müsse, sei sie eine Stunde später tot.»

Bis zur Konf machen sie mit

Trotz der zunehmenden Unverbindlichkeit freuen sich die beiden Pfarrer auf das diesjährige Abschlussfest mit ihren Konfirmanden, 17 an der Zahl in Walkringen, 32 in Oberdiessbach. Denn über das Engagement der Jugendlichen während der kirchlichen Unterweisung (KUW) oder des Konflagers wollen sich sowohl Raich als auch Zaugg nicht beklagen. «Wir waren auf dem Jakobsweg. Plötzlich schneite es. Doch trotz schlechter Witterung wollte niemand auf die Fortsetzung der Wanderung verzichten», erzählt Raich. Und Zaugg schwärmt davon, dass er auch mit 64 Jahren noch einen guten Draht zu den Jungen habe, sie erreichen könne.

Fast scheint es, als könnten die beiden Pfarrer ihren Schützlingen nicht böse sein, falls diese nach Auffahrt die Kirchenbank nachhaltig meiden sollten.

Peter Raich, Jahrgang 1956, geboren in Stuttgart (D). Nach dem Studium in Theologie und Sportwissenschaften war er Jugendseelsorger in Sindelfingen (D) und danach Gemeindeleiter in verschiedenen Gemeinden der katholischen Kirche. 2009 trat er in die reformierte Kirche über, seit 2914 ist er Pfarrer in Walkringen. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin im Konkubinat.

Hans Zaugg, Jahrgang 1953. Aufgewachsen in Thun, Theologiestudium in Basel, Zürich und Tübingen (D). Von 1980 bis 2003 war er Truppenfeldprediger in der Armee. Seit 2000 ist er nebenamtlich Notfallseelsorger und Einsatzleiter des Careteams Kanton Bern. Seit 38 Jahren ist er Pfarrer in der Berner Landeskirche, davon 12 Jahre in Huttwil und seit 26 Jahren in Oberdiessbach. Er ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder.

 

Konfirmanden im Kanton Bern

Im Gebiet der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) wurden in den letzten Jahren immer weniger Jugendliche konfirmiert (siehe Grafik). «Es liegt auf der Hand, dass der Anteil an Jugendlichen aus reformierten oder gemischt konfessionellen Familien, die sich nicht konfirmieren lassen, zunimmt», sagt Hans Martin Schaer von der reformierten Kirche. Die Kirche führt aber keine Statistik über diesen Aspekt.

Laut Schaer dürfte der Rückgang damit zusammenhängen, dass viele Eltern es heute ihren Kindern überlassen, sich taufen oder konfirmieren zu lassen. «Die Tradition und der familiäre Anreiz lassen nach.» Damit finde sich die Kirche in einem gesellschaftlichen Trend wieder: Engagements seien heute eher projektbezogen denn lebenslänglich. sar

Autor:Philippe Müller, Berner Zeitung BZ

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