Wichtrach - Burglind rafft die Wichtracher Reeperbahn dahin

Kurztext:Was seit Burglind nur noch ein Schutthaufen ist, war früher eine Werkstatt, in der Seile gemacht wurden. Der lange schmale Bau auf der Ebene bei Wichtrach galt als Rarität – und wird wohl doch nicht wieder aufgebaut.

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Nur noch Schutt: Die Böen des Orkansturms Burglind legten in Wichtrach die Seilereiwerkstatt flach. (Bild: Raphael Moser)
Vom schmalen, dafür gut hundert Meter langen Holzbau ist nur noch ein grosser Schutthaufen übrig. Vorbei ist es mit der alten Seilereiwerkstatt, der «industrie- und architekturgeschichtlichen Rarität», die sich, wie im ört­lichen Denkmalpflegeinventar weiter zu lesen ist, «als markanter Riegel in die Landschaft» schiebt: Das Sturmtief Burglind hat ganze Arbeit geleistet in den Weiten des Aaretals bei Wichtrach, hier, wo die Familie von Urs Bernhard vor Generationen ihr Handwerk aufgenommen hat.
 

Den Arbeitern, die an diesem Morgen schon früh am Werk sind, bleibt nur noch das grosse Aufräumen. Stück um Stück laden sie die alten Ziegel auf ihr Fahrzeug. Vorn an der Strasse lassen sie die zerbrochene Fracht mit lautem Scheppern in die bereitstehende Mulde fallen.

Orkanartige Böen

Passiert ist es, als am vergangenen Mittwoch viele schon meinten, das Gröbste sei überstanden. Um die Mittagszeit drehte der Wind nochmals auf, blies mit orkanartigen Böen von Norden her durchs Aaretal – und traf mit voller Wucht auf den Holzbau. Dieser stellte sich ihm nicht nur buchstäblich in die Quere, er bot ihm mit seiner geschlossenen Wand auch auf der ganzen Länge Angriffsfläche. Die alte Werkstätte war dummerweise so konstruiert, dass sie nur auf der anderen, dem Süden zugewandten Seite in Teilen offen stand.
 

Und so geschah das Unvermeidliche: Der Bau kippte auf den ganzen gut hundert Metern um, Teile der nördlichen Wand wurden gar aus der Verankerung gehoben und über das Dach hinweg auf das angrenzende Feld geschleudert. Ein Auto und ein Boot wurden von den einstürzenden Balken zugedeckt und massiv beschädigt. Leute befanden sich in der fraglichen Zeit zum Glück keine in der Nähe.

Von Belp hergezügelt
 

Produziert wurde schon lange nicht mehr in dieser Werkstatt, die fachlich korrekt Seilerbahn heisst. In Deutschland reden die Leute von einer Reeperbahn – genau: Auf dem berüchtigten Hamburger Strassenzug wurde früher dasselbe gemacht wie in Wichtrach. Seile eben, norddeutsch Reepe – und im englischen Sprachraum noch heute «ropes».

Im langen Holzbau waren Seile von bis zu hundert Metern am Stück möglich. Fäden aus Hanf, Jute oder Sisal wurden hier am Trockenen gespannt und in zwei Schritten ineinandergedreht, zuerst zu sogenannten Litzen, dann zum eigent­li­chen Seil. Verschiedene Maschinen unterstützten den Seiler zwar in seiner Arbeit, doch am Schluss hing die Qualität der Ware von seinem handwerklichen Können ab.

In Wichtrach ging es bis in die 1970er-Jahre so. Dann liess die sinkende Nachfrage den seit 1892 hier ansässigen Betrieb eingehen. Der schmale Holzbau stand übrigens nicht ganz so lang in der Ebene des Aaretals. Er war erst in den 1920er-Jahren aus Belp hergezügelt worden.

Nach dem Ende der Seilproduktion diente er als Lager für das Fischereigeschäft, auf das Eigentümer Urs Bernhard fortan voll und ganz setzte. Die mittlerweile mehr als altertümlichen Ma­schinen gingen als Geschenk ans Freilichtmuseum Ballenberg im Berner Oberland.

Substanz ist verloren

Zurzeit ist völlig offen, ob die Seilerbahn – in welcher Art auch immer – wieder aufgebaut wird. Zumal die Denkmalpflege bereits signalisiert, dass sie nicht von vornherein auf einem Wiederaufbau bestehen wird. Zwar sei noch nichts entschieden, lässt sie auf Anfrage verlauten aber: Nach dem zerstörerischen Sturm sei die Originalsubstanz ja ohnehin verloren. Vor diesem Hintergrund sei aus ihrer Sicht ein Wiederaufbau «wohl eher nicht sinnvoll».

Autor:Stephan Künzi, Berner Zeitung BZ

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