Leichtathletik - Rückkehr in die dritte Karriere

Kurztext:Die Stabhochspringerin Anna Katharina Schmid (20) galt als Grosstalent, ehe die Oberdiessbacherin 2008 aufhörte. Nun ist sie zurück – und hat bereits wieder die EM-Limite erfüllt.

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Für Anna Katharina Schmid hat das Medizinstudium Priorität - vor Prüfungen reduziert die Stabhochspringerin den Trainingsumfang. (Bild: Valérie Chételat)
Der Spitzensport kennt einzig das Gesetz der ewigen Leistungssteigerung, der permanenten Weiterentwicklung und des Drills. Anna Katharina Schmid hat diese darwinistische Welt bereits als Kind kennen gelernt. Sie war eine der besten Kunstturnerinnen des Landes. Und weil Kunstturner schon in jungen Jahren wie Schwerarbeiter für ihre Karriere malochen, trainierte Schmid als 12-, 13-Jährige sechs Tage, 25 Stunden die Woche. Sieben Tage pro Monat fehlte die Bernerin aus Oberdiessbach in dieser Zeit in der Schule, um mit den besten anderen Schweizer Kunstturnerinnen ihres Alters für Trainingslager zusammengezogen zu werden.

Der erste Ausbruch

Doch Anna Katharina Schmid begann sich zu fragen, ob die vielen Trainingsstunden, die Schmerzen und überfüllten Tage sie wirklich glücklich machten, ob ihr «diese grosse Maschine Spitzensport» überhaupt entsprach und ob das Leben nicht mehr bereithalte, zumal ihr auch die klar hierarchisierte Turnsportwelt missfiel. «Sie wollten meine Persönlichkeit brechen», sagt Schmid gar. Also brach sie aus, indem sie nach der Junioren-EM 2005 ihre Laufbahn als Kunstturnerin beendete – und ungewollt doch wieder in den Spitzensport zurückkehrte.

Leichtathletin wurde sie bei der LV Thun, Stabhochspringerin nach wenigen Monaten und eine erfolgreiche dazu. Zwei Jahre nach ihrem Sportartenwechsel sprang Schmid 2007 bereits 4,30 m, gewann an der Junioren-EM Bronze und qualifizierte sich mit 18 für die WM in Osaka. Diese Spitzensportmaschine, die sie kannte und gerade nicht mehr gesucht hatte, begann sich erneut zu drehen. Der Fortschritt aber blieb aus: Statt sich in der Olympiasaison 2008 zu steigern, prellte sie sich früh im Jahr eine Ferse, riss sich ein Band im linken Fuss und erkrankte am Pfeiffer-Drüsenfieber. Trotzdem versuchte sie sich als Sportlerin zu retten, indem sie im Herbst 2008 nach Mainz zog, um sich in einem Zwischenjahr komplett aufs Stabhochspringen zu konzentrieren.

Die Einsamkeit und die Suche

Aber die Zweifel hatten sie zu diesem Zeitpunkt erneut eingeholt: «Habe ich nur Spass am Stabhochspringen, weil ich erfolgreich bin?», fragte sie sich. Oder habe ich schlicht Spass am Sport? Schmid, der Kopfmensch, der von sich selber sagt, zielstrebig bis stur zu sein, fehlte in Deutschland der intellektuelle Ausgleich. Sie fühlte sich einsam und entschied selbst zur Überraschung ihres Trainers Raynald Mury, ein zweites Mal aus diesem System auszubrechen. «Das Stabhochspringen wird in meinem Leben keinen Platz mehr haben», sagte sie darum im Oktober 2008 bestimmt. «Ich musste mich als Person finden», sagt sie heute.

Nur begann ihre Sinnkrise damit erst richtig durchzuschlagen. Das jahrelange Korsett aus Schule (im Sommer 2008 hatte sie das Gymnasium abgeschlossen) und Sport war weggefallen, das früh schon anvisierte Medizinstudium nach nicht bestandenem Numerus clausus fürs Erste verunmöglicht. «Ich war erstmals mit mir allein», sagt sie.

Der gelebte Widerspruch

Schmid begann im Januar 2009 als Sachbearbeiterin temporär zu arbeiten, intensiv zu joggen, biken und schaffte die Medizin-Aufnahmeprüfung im zweiten Versuch. Und weil sie feststellte, dass sie das Stabhochspringen noch immer mochte, kehrte sie im November 2009 ein drittes Mal in den Sport zurück. Mit einer neuen Vorgabe an sich und ihr Umfeld: Das Studium hat Priorität, das Stabhochspringen ist Ausgleich. Muss sie sich darum auf die regelmässig wiederkehrenden Prüfungen vorbereiten, reduziert sie ihren wöchentlichen Trainingsumfang auf ein Minimum.

Als bekennende Leistungssportlerin ist sie sich ihres gelebten Widerspruchs bewusst. Zumal sie um ihr grosses Potenzial weiss: Bereits im zweiten Wettkampf dieser Saison stellte sie ihre Bestleistung von 4,30 m ein und erreichte exakt die geforderte Höhe für die EM. Schmid weiss aber auch: Fühlt sie sich zu stark eingeengt, droht der Rückfall in alte Muster. Es soll kein drittes Mal vorkommen.

Autor:Christian Brüngger, Der Bund

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