Oberdiessbach - "Vorsicht, vielleicht Katzen hinter der Tür!"

Kurztext:Das Buumehus lädt heute zur Vernissage in die einstige Tuch- und Spezereiwarenhandlung. Dorfchronist Peter Vogel wird in seiner Laudatio an die Lädelifrau Mathilde Baumann erinnern, der das einzigartige Dorfmuseum zu verdanken ist.

Galerie
Mathilde Baumann um 1913 als kleines Mädchen vor dem Krämerladen an der Burgdorfstrasse in Oberdiessbach. Mit ihren Brüdern Johann, Huldreich und Erwin und neben ihrer Mutter Rosa Baumann-Zuber, von der sie Jahre später den Laden übernahm. (Bild: zvg)
Es gibt mit Kohle befeuerte Bügeleisen, ein Jugendstilklavier mit vorwitzigen Kerzenständern, ein Tisch mit Entenkopffüssen und Stoffballen mit vergangenen Mustern. Aber Bad, WC, Fernseher, Radio, Elektroherd, Kühlschrank oder gar Mikrowelle – das gabs nie in diesem Haus mitten in Oberdiessbach. Doch hier lebte Mathilde Baumann bis zu ihrem Tode am 4. Mai 1993. Es war das Jahr, als Whitney Houston «I will always love you» schmetterte, Adolf Ogi Bundespräsident wurde und im TV die letzten Folgen von «Dallas» liefen.

Mathilde vor dem Fernseher? Das gab es nicht. Dabei war sie vielseitig interessiert, aufgeschlossen, gut im Bild. Gründlich las sie ihre Zeitschriften. Auch konnte die Krämerin mehrere Sprachen und lernte gar Russisch. Italienische Fremdarbeiter kauften bei ihr ein, weil sie mit ihnen plaudern konnte. Und sie liebte Katzen, ein handgeschriebenes Schild im Türrahmen warnt: «Vorsicht, vielleicht kleine Katzen hinter der Tür!»

Das grosse Staunen begann

Mathilde Baumann muss um die spezielle Ausstrahlung ihres Gebäudes gewusst haben: Ein historischer Laden, ohne Telefon, mit offenem Rauchabzug in der Küche, historischen Gewölbekellern als Kartoffel- und Äpfellager und lauschigem Garten. Als eine Arbeitsgruppe die Schränke öffnete, begann das grosse Staunen: Da gab es Sirup aus dem letzten Jahrhundert, eine zweihundertjährige Korrespondenz oder Kernseife aus Vorkriegsbeständen. Und ordnerweise Lieferscheine, jahrzehntelang wurde kaum ein Beleg weggeworfen. Seit dem Bau 1846 war der Kramladen im Besitz der Familien Zuber und Baumann – die kinderlose Mathilde führte dieses Erbe bis zu ihrem Tod weiter.

Wie ihr Laden haben früher alle Dorfläden ausgesehen. Anderswo wurde modernisiert, bei Baumanns Haus blieb die Zeit 1900 stehen – aber das Sortiment blieb aktuell. Dorfchronist Peter Vogel erzählt: «Nicht nur das Äussere und die Einrichtung blieben die alten, auch die Dienstleistungen, und die Stammkunden wussten das.» Besonders die Kundinnen: «So wussten die Frauen vom Kurzenberg, wo es in Oberdiessbach ‹Hemmlistoff› am Meter zu kaufen gab und viel anderes.» So reisten noch in den 1980er-Jahren Theaterschneiderinnen aus der halben Schweiz an, weil sie hier noch bestimmte Rüscheli oder Rockschösse kaufen konnten.

Ein aussergewöhnliches Erbe

Eines Morgens fehlte ein historisches Reklameemailschild vor dem Ladeneingang. «Sammler» hatten es abmontiert. Solche Erfahrungen machten Mathilde Baumann traurig. So lange wie möglich hielt die Krämerin durch, unterstützt von guten Nachbarsfrauen. Altersbeschwerden liessen sie in den letzten Jahren jedoch immer öfter das Bett im ersten Stock hüten. Die Freundinnen wollten für sie den Laden ausverkaufen. Doch wenn «Tildy» wieder mal unten im Ladenlokal stand, bestellte sie die fehlenden Produkte nach. Sie hielt ihrer Kundschaft die Treue, und jeder Besuch erhielt beim Rausgehen ein Schöggeli.

Bis 1993 gehörte das Buumehus Mathilde Baumann, die hier nach dem Lebensstil des 19. Jahrhunderts lebte. Danach konnte die Gemeinde Oberdiessbach die Liegenschaft erben. Seither wurde sie renoviert und der Kulturverein beauftragt, das Anwesen als Kulturhaus zu betreiben: Jetzt gibts im Gewölbekeller Konzerte, Scheune und Garten werden für Feste vermietet, und aus dem historischen «Kulturarchiv» entstand ein einzigartiges Dorfmuseum für Detailhandelsgeschichte. Die vielen Schubladen, Tablare und Regalfächer im Laden sind nun originalgetreu wieder gefüllt. Als ob Mathilde gleich zur Tür hereinkommt, hinter der es leise zu miauen scheint.

Heute Vernissage

Buumehus Heute Freitag findet die Vernissage zur Neueinrichtung des Krämerladens im Buumehus statt. Der Anlass beginnt um 18 Uhr mit einem Apéro und der Laudatio von Dorfchronist Peter Vogel (siehe Haupttext). Eintritt frei, Kollekte.

Die weiteren Besuchszeiten in den nächsten Tagen sind:

Samstag, 25. Mai, 10 bis 13 Uhr;

Dienstag, 28. Mai, 17 bis 19 Uhr;

Führungen auf Anfrage.cbs

www.buumehus.ch

Autor:Christina Burghagen, Thuner Tagblatt

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  • Karl Johannes Rechsteiner Rechsteiner PR, Signau Juni 2013

    Weitere Öffnungszeiten:
    Jeweils am 1. Sonntag des Monats von 16 – 18 Uhr
    Siehe auch www.buumehus.ch