Christine Bläuer: Sie hilft, wo sie kann

Kurztext:Ob in ihrem Verein Mosaik, im Lernfoyer oder bei sich zu Hause. Christine Bläuer hilft Menschen mit Migrationshintergrund in allen Lebenslagen. Ein Besuch im Mosaiktreff, den sie mitgegründet hat.

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Hilfe bei den Hausaufgaben: Christine Bläuer unterstützt die Asylsuchenden beim Lernen. (Bild: Urs Baumann)
Mit Händen und Füssen erklärt Christine Bläuer die Bedeutung eines deutschen Wortes. Plötzlich lächelt der junge Mann aus Indien. Jetzt hat er verstanden. An einem Tisch etwas weiter hinten wird hitzig diskutiert. Drei Männer aus Eritrea sind sich nicht einig über das Ergebnis einer schriftlichen Multiplikation.

Draussen auf der Terrasse geht es etwas friedlicher zu und her. Vier Männer, ebenfalls aus Eritrea, lesen sich kurze Sätze auf Deutsch vor. «Sie? That’s lady. Right?», fragt der eine junge Mann. Drinnen brüten Menschen mit verschiedenem kulturellem Hintergrund über kleinen Zetteln.

Es sind Zettel mit Zahlen und Buchstaben drauf. Die zwanzig Asylsuchenden sind an diesem Donnerstagmorgen alle aus demselben Grund hier: Sie machen Hausaufgaben. Hier, das ist der Treff des Vereins Mosaik, den Christine Bläuer mitgegründet hat. Er befindet sich in den Räumen der Freikirche Bewegung Plus in Konolfingen.

Alle Anwesenden besuchen freiwillige Deutschkurse, die von der Heilsarmee angeboten werden. In diesen Kursen bekommen sie auch Hausaufgaben. Und hier kommt Christine Bläuer ins Spiel. Sie unterstützt die Asylbewerber aus den verschiedenen Durchgangszentren der Region beim Lernen.

Zwölf Jahre in Afrika

Christine Bläuer ist für diese Arbeit wie geschaffen. Denn sie hat selber einen Migrationshintergrund. Sie hat bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in Kamerun gelebt. Ihr Vater war dort Missionar. «Ich war ein richtiges Buschkind», sagt die 51-Jährige. Sie habe viel Zeit in der Natur verbracht. Natur heisst dort Urwald. Mit Giftschlangen und Vogelspinnen. Und mit Haien und Krokodilen im Wasser. Zuerst habe sie eine Buschschule mit 600 anderen Schülern besucht, erzählt sie. Später eine grössere Schule in der Stadt Douala. Dort war sie das einzige weisse Mädchen unter 1000 Schulkindern.

Dann, mit zwölf Jahren, wollte sie weg. Weg von Zwangsheirat und Zwangsschwangerschaften, weg von möglichen Vergewaltigungen an Schulen. Von prügelnden Lehrern, weg vom Patriarchat. Sie wollte in die Schweiz. In eine Idylle, die sie als Kind schon einmal kennen gelernt hatte.

Ein offenes Haus

«Es war ein Kulturschock», beschreibt Christine Bläuer ihr Gefühl, als sie 1976 mit ihren Eltern in die Schweiz kam. Hier ging sie in eine französischsprachige Berner Schule. Elitär sei es gewesen, sagt sie. In der Schule litt sie unter dem Spott von anderen Schülern über ihren afrikanischen Akzent. Lange fühlte sie sich als Fremde.

Später liess sich Christine Bläuer beim Schweizerischen Roten Kreuz zur Krankenpflegerin ausbilden. Bald darauf kam die Liebe in ihr Leben und ihr erstes Kind. Dann war sie hauptsächlich Hausfrau und Mutter. «Wir hatten immer ein offenes Haus», sagt Bläuer, die heute Mutter von vier Kindern ist und in Biglen wohnt. «Bei uns waren alle Menschen willkommen.»

Verein Mosaik

Seit 2008 arbeitet Christine Bläuer bei der Fachkommission Integration in Konolfingen. Inzwischen ist sie die Leiterin des Interkulturellen Treffpunkts (Ikut). 2011 begann sie eine Ausbildung zur Sozialbegleiterin. Für dieses Studium musste sie aber eine Anstellung vorweisen können. Kurzerhand gründete sie den Verein Mosaik. «Ich will den Menschen, die hierherkommen, vermitteln, wie wir Schweizer ticken», erklärt Christine Bläuer einen Zweck ihres Vereins. Jeden Mittwoch kommen Menschen aus verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Alters in den Mosaiktreff. Sie kommen mit Formularen, mit Fragen über die Schweiz, mit Sprachschwierigkeiten oder einfach nur zum Kaffeetrinken.

Bläuer wollte noch mehr tun. Deshalb fragte sie bei der Heilsarmee nach. Seit kurzem bietet sie im Mosaiktreff nun die Nachhilfe an − jeweils am Donnerstagmorgen und Freitagnachmittag. Letzten Freitag kamen über 30 Personen.

Autor:Martin Burkhalter, Berner Zeitung BZ

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  • Bea Gerber, bern Mai 2015

    Vielleicht wäre es besser diese Leute auf die Rückreise vorzubereiten

    • Marianne Oser, Münsingen Mai 2015

      Bravo! Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Respekt vor anderen Menschen. Was auch immer diese Schulstunden für die Ausländer bringen für ihre Zukunft ist nicht die zentrale Frage. Auf jeden Fall sind sie eine positive Erinnerung und wer je im Ausland gelebt hat, der weiss, wie sich positive Erfahrungen auswirken.

      • Lächeln 1

        Markus Ellenberger, Mirchel Mai 2015

        Ich kenne das Chrigi nun schon sehr sehr lange! Und ich weiss, dass sie das nicht aus Profitgier oder als Missionsprojekt macht! Sondern aus Nächstenliebe! Alle, die hier etwas Negatives über sie schreiben und auch viele andere, sollten sich zuerst einmal eine Scheibe von Ihr abschneiden! Chrigi, mach weiter so! Danke vielmal für deinen Dienst!

        • Lukas Zimmermann-Oswald, Sumiswald Mai 2015

          Als Präsident des Vereins Mosaik Konolfingen weiss ich, was Christine Bläuer in ihrer Arbeit als Sozialbegleiterin alles leistet.
          Ihr gebührt ein grosser Dank für ihr immenses Engagement!

          • M. Moser, Konolfingen Mai 2015

            @Paul Egli
            Würden Sie Frau Bläuer kennen, stände Ihr Kommentar nicht hier...

            • Emil Schaller, Worb Mai 2015

              Mich nervt vor allem das Kreuz im Hintergrund. Das ist versteckte Missionarsarbeit. Mehr nicht!

              • Dani Steiner, Konolfingen Mai 2015

                Ich kenne Frau Bläuer und bin sicher, dass sie diese gute Arbeit auch ohne "Sozialindustrie" mit Liebe machen
                würde. Christine, ich wünsche dir viel Mut und Kraft zu dieser anspruchsvollen Arbeit!

                • Paul Egli, Konolfingen Mai 2015

                  Wen Frau Bläuer nicht den reichlich überfüllten Tisch ( CH.- ) der Sozialindustrie vor sich hatte, so würde sie keinen Finger rühren. Es ist erbärmlich zu sehen, dass sich Leute immer mehr an Steuergeldern bereichern mit irgend welchen Projekten die nichts taugen. Diese Leute aus Eritrea sollten für die Rückreise vorgesehen werden und nicht um Jahrzehnte Sozialhilfe zu generieren.