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Absurde Reise durch Grosshöchstetten

Fernsehen Die SRF-Dokusoap «Experiment Schneuwly» startet in die dritte Staffel. Hansjörg (Matto Kämpf) und Margrit Schneuwly (Anne Hodler) versuchen, ein Kind zu bekommen. Die Serie ist ab morgen online abrufbar.

Margrit (links) und Hansjörg Schneuwly begrüssen die Hundebesitzer in Grosshöchstetten, als wären es alte Bekannte. Foto: Raphael Moser
Schneuwlys fühlen sich im Swingerklub nur bedingt wohl. Foto: zvg

Rund 40 Schneuwly-Fans haben sich vor der Aula der Sekundarschule Grosshöchstetten versammelt. Sie kommen nicht nur aus der Region, sondern einige sind sogar aus dem Baselbiet, der Innerschweiz und dem Aargau angereist. Sie haben bei einem Onlinewettbewerb gewonnen. Der Preis: ein Rundgang durchs Dorf mit dem fiktiven Ehepaar Schneuwly, das angeblich in Grosshöchstetten wohnt.

 

Eher zum Kichern

Hansjörg (Matto Kämpf) und Margrit Schneuwly (Anne Hodler) drücken jedem Ankömmling eine Tasse in die Hand. Es gibt Glühwein. Danach geht es los. Wir laufen Richtung Kirche. Damit Matto Kämpf und Anne Hodler, die Grosshöchstetten kaum kennen, die geplanten Stationen überhaupt finden, gehen eingeweihte Einheimische unauffällig voraus. «Hier hat meine Grossmutter geheiratet», sagt die Schauspielerin vor der Kirche.

 

Besonders witzig ist es, wenn Schneuwlys so tun, als träfen sie alte Bekannte. So schütteln sie zwei Hundebesitzern die Hand, die im eisigen Schneeregen mit ihren Tieren Gassi gehen. «Ja, bei diesem Wetter geht man nur mit Hunden raus», sagt Hansjörg in seiner typisch stockenden Art. «Wir sind auch nicht freiwillig hier.» Das ist absurd und doch irgendwie wahr. Aber wer spricht jetzt eigentlich? Hansjörg Schneuwly, dem der Trubel zu viel wird? Oder Matto Kämpf, der lieber daheim wäre, als Hansjörg zu mimen? Dass man nie genau weiss, wo die Wahrheit anfängt und wo das Schauspielern anfängt, macht viel des Schneuwly-Humors aus. Er sorgt eher für leicht betretenes Kichern als für lautes, befreiendes Losbrüllen.

 

Ebenso verunsichernd ist es, wenn man sich als Zuschauer überlegen muss, ob man jetzt überhaupt lachen darf oder ob etwas ernst gemeint ist. Zum Beispiel beim Entsorgungshof, einem weiteren Halt. Das Loblied des Gemeindevertreters, wie stolz man auf diese Anlage sei, sorgt bei den Zuhörern für Belustigung. Aber dies hier ist doch echte Begeisterung? Schneuwlys zeigen uns eben, wie skurril unsere kleinen Freuden und Hoffnungen sind, und ziehen sie dabei liebevoll ins Lächerliche.

 

Schneuwlys wollen ein Kind

Nach einer Stunde sind wir zurück bei der Sekundarschule.

 

Durchnässt und frierend zwar, aber alle Teilnehmer sind sich einig: «Es hat sich gelohnt.» In der Aula wird in wenigen Minuten als exklusive Vorpremiere die dritte Staffel von «Experiment Schneuwly» gezeigt werden. Zuvor gibt es – passend zur Behäbigkeit, die in der Serie gefeiert wird – Landjäger und Brot für alle. Auch Gemeindepräsidentin Christine Hofer ist dabei. Sie macht mit beim Rollenspiel und erklärt Schneuwlys zu echten Gemeindemitgliedern: Sie habe riesige Freude, dass das Dorf im Fernsehen komme, sagt sie. «Die Leute können dank den Schneuwlys sehen, dass Grosshöchstetten viel zu bieten hat und dass es schön ist, hier zu leben.»

 

Es wird dunkel im Saal. Die erste Folge startet. Bei der Serie handelt es sich um eine Koproduktion des Schweizer Fernsehens und der Berner Firma Lomotion. Im Gegensatz zu den ersten zwei Staffeln zieht sich bei der dritten ein Thema durch alle Folgen hindurch: Schneuwlys wollen ein Kind. Besser gesagt: Margrit Schneuwly, die 44-jährige Nageldesignerin, möchte gerne schwanger werden. Hansjörg, der 49-jährige Büroangestellte, ist skeptisch. Vor allem seine Zurückhaltung gegenüber körperlicher Berührung macht das Vorhaben schwierig. Die Serie ist so konzipiert, dass ein Filmteam das Ehepaar in seinem Alltag begleitet. Es handelt sich also um eine fiktive Realityshow. Um die Kinderpläne voranzutreiben, schicken die Filmleute Schneuwlys zu diversen Experten.

 

Knapp am Schämen vorbei

So landet das Paar unter anderem in einem Swingerklub. Wie so oft vermischen sich Realität und Schein: Matto Kämpf und Anne Hodler waren tatsächlich in einem Swingerklub – in der Kristallgrotte in Oensingen. Ein Teil der Leute, die im Film zu sehen sind, sind tatsächlich Swinger, andere spielen lediglich eine Rolle. So weiss man auch hier nie, was jetzt echt ist und was gespielt. Wie da Biederkeit und scheinbare sexuelle Ausgelassenheit aufeinandertreffen, ist entlarvend. Man fühlt sich nie ganz wohl, egal, wem man gerade zuschaut.

 

In einer anderen der rund 15-minütigen Folgen versuchen sich Schneuwlys in der Tantra-Massage. Regisseur Juri Steinhart schafft es, dass der Zuschauer sich fürchtet, bald müsse er sich fremdschämen, um im letzten Moment an Peinlichkeiten vorbeizuschrammen. Er lässt uns überlegen, wie souverän wir in der gleichen Situation bleiben würden. Die Antwort wäre wohl, um es mit Hansjörg Schneuwlys Lieblingssatz auszudrücken: «Das müsste man jetzt im Einzelfall anschauen.»

 

Doch bevor er noch mehr Allgemeinplätze von sich geben kann, müssen die Protagonisten schon weiter: Im Kino Rex in Bern sind zwei weitere Vorpremieren geplant. Dort werden noch mehr Fans erwartet – und Schneuwlys wollen nicht zu spät kommen. Sie sind eben zugleich Stars und Durchschnittsschweizer, äh pardon: -Grosshöchstetter.

 

[i] «Experiment Schneuwly»: ab 22.12. online auf www.srf.ch/ schneuwly, 27.1., Solothurner Filmtage, 6.2., 0.05 Uhr, SRF 1 sowie 15.2., 20.35 Uhr, SRF 2.


Autor
Mirjam Comtesse, BZ
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Erstellt: 21.12.2018
Geändert: 21.12.2018
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