35-Jahr-Jubiläum im Alters- und Pflegeheim Landblick Grosshöchstetten

Alexandra Ruch wäscht in verschiedenen Welten

Seit 35 Jahren arbeitet Alexandra Ruch im Alters- und Pflegeheim Landblick in Grosshöchstetten. In der Wäscherei sorgt die Mitarbeiterin mit Down-Syndrom dafür, dass jedes Stück am richtigen Ort landet. Gleichzeitig bereichert sie mit ihrer lebhaften Fantasie den Arbeitsalltag ihrer Kolleginnen und Kollegen.

image 1000946
Jubilarin Alexandra Ruch mit einem Teil ihres Teams: Beim Feiern ist sie immer gern dabei. (Foto: zvg)

An diesem Tag hat sich die Sommerwärme auch in die Wäscherei des Alters- und Pflegeheims Landblick geschlichen, obwohl die gelbgestrichenen Räume halb im Soussol liegen. Es ist ruhig, als Alexandra Ruch Wischmopps in ein Regal räumt, ein Stück auf das andere. Zwischendurch rückt sie den Stapel gerade, stapelt weiter. «Ich schwitze», sagt sie plötzlich, lächelt, wischt sich die Stirn. Dann fährt sie unverdrossen mit der Arbeit fort.

 

35 Jahre im Landblick

Alexandra Ruch ist 55 Jahre alt, und diesen August feierte sie ein besonderes Jubiläum: Inzwischen ist es 35 Jahre her seit ihrem ersten Arbeitstag im Landblick. Bis zur Pandemie hatte sie in der Pflege gearbeitet, auf allen Abteilungen Bettflaschen, Unterlagen und Tee verteilt, den ganzen Tag lang, und dabei gern mit den Leuten geplaudert. Als Corona kam, wurde das zu heikel: Ihr Down-Syndrom liess sie zur Risikoperson werden. Im Haus überlegte man, wo die fröhliche Mitarbeiterin besser geschützt wäre.

image 1000871
Alexandra Ruch vor dem Landblick in Grosshöchstetten. (Foto: cw)

Die Lösung war schnell gefunden: Alexandra Ruch mag die Arbeit mit Wäsche, und in der Wäscherei könnte sie sicher und ruhig arbeiten. Das funktionierte auf Anhieb, seither bügelt Alexandra exakt die Stofftaschentücher der Bewohnerinnen und Bewohner und versorgt Reinigungstextilien an ihren Platz. Mit ihrer Arbeitskollegin Angelina Tanner, die soeben Wäsche faltet, versteht sie sich bestens, «ja, sie ist meine Freundin».

 

Die ganz persönliche Fantasiewäscherei

Und mit Ursula Steiner, Verantwortliche Wäscherei, verbindet sie die Liebe zu Fantasiewelten: Ihre Chefin hat die Theaterwelt, Alexandra Ruch ihre ganz persönliche. Die beiden verstehen einander daher genau, wenn Alexandra erzählt, wie sie am Morgen in ihrer «persönlichen Wäscherei» die Leibchen der Langnau Tigers oder der Berner YB waschen musste.

Manchmal spielt Ursula Steiner so gut mit, wenn Alexandra Ruch von Fantasiereisen nach Sizilien erzählt, oder von Fantasiefreunden – oft bekannten Schlagersängern –, dass diese manchmal innehält und mit einem pfiffigen Lächeln fragt: «Gell, Ursula, du weisst schon, dass das nicht echt ist?!» Dann lachen beide.

 

Eric Philippi und der letzte Kuss

Im Moment gilt Alexandras Gunst dem Schlagersänger Eric Philippi. Während sie konzentriert die Wäsche stapelt, singt sie ganz leise einen Philippi-Song, «ein letzter Kuss, und dann ist Schluss», sie kennt den Text auswendig. Zum Schluss ein gehauchter Kuss an die gelbe Wand, Alexandra strahlt. Den Schlagerstar möchte sie sehr gerne einmal persönlich treffen. Sie überlegt kurz, vielleicht wird sie ja sogar zu Nik Hartmann in die Sendung «Happy day» eingeladen, «wer weiss».

Manchmal, so hat sie gemerkt, kann ihr das Down-Syndrom sogar behilflich sein. Wie damals beim Konzert des Seeländer Sängers George: Als sie mitbekam, dass er einen Fanclub hat,  wollte sie diesem beitreten, hatte aber kein Geld dabei. Ein trauriger Blick, ein verschmitzt bittendes Alexandra-Lächeln – und schon schenkte ihr George spontan eine Jahresmitgliedschaft für seinen Fanclub. Kein Zweifel: Die fröhliche Frau mit den hübsch lackierten Nägeln weiss sich gut zu helfen.

 

Richtig arbeiten wie Papa und Bruder

Eigentlich wäre sie gerne Coiffeuse geworden und hätte schöne Frisuren kreiert, «aber das ging nicht wegen dem langen Stehen». Dank einem Nachbarn, der seinerzeit Verwalter im Alterszentrum war, fand sie die Stelle im Landblick. Dort gefiel es ihr von Anfang an bestens. Besonders schön fand sie immer, dass sie jeden Morgen richtig arbeiten gehen konnte, genau gleich wie ihr Bruder und ihr inzwischen verstorbener Papa.

«Drei Heimleiter und eine Heimleiterin habe ich bereits erlebt», sagt Alexandra Ruch heute stolz. Immerhin blickt sie inzwischen auf 35 Jahre Arbeit im Landblick zurück, «und es gefällt mir immer noch». Das musste gefeiert werden: Im August überraschte das Hauswirtschafts-Team die besondere Mitarbeiterin mit einem feierlichen Jubiläums-Mittagessen. «Das ist toll», freute sich Alexandra Ruch, und liess sich ausgiebig feiern. 

 

Beim Festen begeistert dabei

So sorgfältig sie bei der Arbeit ist, so gern macht sie bei Ausflügen und Anlässen mit: «Linedance, Langnau-Match, Essen in Cacis Mühle – Alexandra ist immer zuvorderst dabei», freut sich ihre Chefin Ursula Steiner. «Mit ihrer Begeisterung ist sie für uns alle eine grosse Bereicherung.» Alexandra sei aber auch sehr feinfühlig und gspürig bei traurigen Begebenheiten, auch aus dem weiteren Umfeld: «Nach dem Tod der Queen trauerte sie mehrere Tage lang.»

image 1000949
Das Überraschungszmittag zum 35-Jahr-Jubiläum ist gelungen. (Foto: zvg)

Inzwischen arbeitet Alexandra Ruch noch vier Vormittage statt fünf ganzer Tage im Landblick, aber sie glättet und stapelt die Wäsche so sorgfältig wie eh und je. Dafür hat sie jetzt an den Nachmittagen mehr Zeit für ihre Musik, für ihre «wahnsinnig vielen» CDs, Schallplatten und Kassetten, «wahrscheinlich um die 200», und sie weiss genau, wo im Gestell welche CD steht. Bei Musik kann sie gut abschalten, besonders, wenn sie dazu Mandalas ausmalt, während ihre beiden Büsi Bänzeli und Sämeli ihr um die Füsse streichen.

 

Mittags mit Mama nach Hause

Solange es irgendwie geht, will sie auch weiterhin morgens um halb sieben aufstehen, ihr Frühstücksmüesli essen, sich von Mama Hedy Ruch zur Arbeit fahren lassen und dort ihre Berufskleidung anziehen. «Mir gefällt es gut hier», sagt sie und greift zum vorgeheizten Bügeleisen. Leise summend nimmt sie die frischgewaschenen Taschentücher in Angriff: Alexandra Ruch ist erst zufrieden, wenn alles ganz exakt gebügelt und versorgt ist.

image 1000870
Ein gutes Team: Alexandra und ihre Mama. (Foto: cw)

Ist um halb zwölf Uhr Mittags alles erledigt, holt ihre Mama sie mit dem Auto ab. Zusammen fahren sie ins schöne Bauernhaus in Enggistein, wo Alexandra Ruch ihren freien Nachmittag mit Musik, Mandalamalen, Lesen und Spazieren geniesst: Ihr wird es nie langweilig. Ausserdem hat sie genug Arbeit in der Wäscherei – in der echten Wäscherei im Landblick, und in ihrer ganz persönlichen Fantasiewäscherei.


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
Fehler gefunden?
Statistik

Erstellt: 12.10.2026
Geändert: 12.10.2026
Klicks heute:
Klicks total: