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Allmendingen - 3 Minuten für Tempo 30

Quelle
Berner Zeitung BZ

Einwohner Julien Ott lancierte eine Petition für eine Verkehrsberuhigung auf der Ortsdurchfahrt. Nun hat die Gemeindeversammlung Allmendigen in seinem Sinn entschieden.

Julien Ott will, dass auf der Kantonsstrasse nur noch mit Tempo 30 gefahren wird? (Bild: Christian Pfander)

Julien Ott könnte sich als Sieger fühlen. Die Allmendinger Stimmberechtigten haben sich am Donnerstag in einer Konsultativabstimmung für Tempo 30 auf der Ortsdurchfahrt ausgesprochen, so wie es Ott angeregt hatte.

 

Doch statt als Sieger fühlt sich Ott ungerecht behandelt vom Gemeinderat. «Sie wollten mich ausbremsen», sagt er. Aber mittlerweile sei er sich das ja gewohnt.

 

Ende März deponierte Ott bei der Gemeinde eine Petition «für die Signalisierung Tempo 30 ohne Zone» auf der Kantonsstrasse, die mitten durch das Dorf führt. 81 Unterschriften hatte er gesammelt.

 

Daraufhin entschied der Gemeinderat, der Gemeindeversammlung drei Varianten vorzulegen: Tempo 30, Tempo 40 oder Massnahmen zur Verkehrsberuhigung, falls Tempo 50 bestehen bliebe.

 

Donnerstagabend, Mehrzweckhalle Allmendingen. 78 Stimmberechtigte, Traktandum 4 zu Tempo 30, Gemeinderat Peter Keller sagt: Es gehe lediglich um eine Meinungsbildung, nicht um einen definitiven Entscheid.

 

Der Sinn der Abstimmung: «Dann haben wir die Bevölkerung im Rücken und können gegenüber dem Kanton besser argumentieren.»

 

Bevor die Diskussion beginnt, stellt Keller den Antrag auf eine Redezeitbeschränkung. Fünf Minuten, das müsse genügen, sagt Keller. Es ist klar, wem der Antrag gilt: Ott. Der Petitionär und Pensionär hatte sich schon nach der letzten Versammlung beklagt, ihm sei das Wort abgeschnitten worden.

 

Gemeindepräsident Alfred Jost meinte damals dazu: «Herr Ott hat sehr lange geredet und sich immer mehr in Nebensächlichkeiten verloren.»

 

Die Zeitlimite soll das nun offensichlich verhindern. Und natürlich ist sie eine Provokation gegenüber Ott. Dieser möchte erst noch darüber diskutieren, doch das lässt der Gemeinderat nicht zu.

 

Hingegen darf ein Bürger aufstehen und verkünden, dass drei Minuten eigentlich auch genügen würden. Heftiger Applaus, sein Antrag wird klar angenommen. Drei Minuten, mehr nicht, die Diskussion beginnt.

 

Julien Ott steht auf, fängt an zu reden. Auf dem Gemeinderatstisch steht eine grosse Uhr, sie zählt die Sekunden und Minuten.

 

Er kommt nicht weit, auch deshalb nicht, weil er die Zeit nutzt, um dem Gemeinderat die Leviten zu lesen: «Sie hätten dem Kanton sagen können, wir wollen Tempo 30, aber Sie haben einfach nichts gemacht.» Dass jetzt auch noch Tempo 40 zur Diskussion stehe, sei lächerlich. «Man hätte ja auch noch 35 oder 45 nehmen können.»

 

Ott redet sich in kurzer Zeit in Fahrt, aber die Sekunden zerrinnen, und als die drei Minuten um sind, läutet eine Gemeinderätin eine Glocke.

 

Ott darf noch seinen Satz zu Ende bringen, dann schreitet Keller ein. Ott möchte weitersprechen, doch das darf er nicht. Er muss sich setzen.

 

Weitere Wortmeldungen folgen. Die frühere Gemeindepräsidentin Sibylle Burger-Bono spricht sich namens der FDP für Tempo 40 aus. Eine Frau erinnert an die Nachbargemeinden Münsingen und Rubigen, wo Tempo 30 auf der Hauptstrasse eingeführt wird respektive ernsthaft zur Diskussion steht. «Wenn wir dann schneller sind, haben wir ein Problem.»

 

Eine andere Frau erinnert an einen schlimmen Unfall vor 33 Jahren. «Ich sehe oft Kinder auf dem Trottoir, die am Zanken oder Spielen sind.» Deshalb wäre sie froh, wenn das Tempo gedrückt würde.

 

Argumente gegen Tempo 30 oder für Tempo 50 fallen keine. Die Abstimmung: Tempo 30 wird mit 37 Ja zu 32 Nein angenommen.

 

Tempo 40 wird mit 33 Nein zu 30 Ja abgelehnt. Die Massnahmen bei Tempo 50 werden mit 36 Ja zu 20 Nein angenommen. Julien Ott hat gewonnen.

 

«Wir werden nun beim Kanton Tempo 30 beantragen», sagt Gemeinderat Keller. Die Frage nach einer Zone oder eine Signalisation spiele vorerst noch keine Rolle. Doch das kann Ott nicht auf sich sitzen lassen.

 

Noch einmal steht er auf, ergreift er das Wort: «In der Petition steht ganz klar, dass ich keine Zone will, sondern nur die Signalisation.» Er kann das nicht verstehen.

 

Am Tag danach sagt Julien Ott, dass er fest mit einem Sieg gerechnet habe. Dass er lieber Krieg an der Gemeindeversammlung statt Krieg auf der Strasse habe. Und dass er auch in Zukunft nicht schweigen wolle. «Man muss dem Gemeinderat auf die Finger schauen.»


Autor
Johannes Reichen, Berner Zeitung BZ
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Erstellt: 08.06.2019
Geändert: 08.06.2019
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