Beim Thema Höhlenforschung kommt er ins Schwärmen
Manche feiern ihren 70. Geburtstag mit einem grossen Fest. Roger Kauer verbringt seinen runden Geburtstag wie jeden Montag: Morgens trinkt er im Kafi BERN-OST einen Kaffee, am Nachmittag hilft er wie üblich bei der Nahrungsmittelabgabe beim Tischlein deck dich. Aber ein bisschen Geburtstagsehre für einen Menschen, der wenig mitbekommen und viel daraus gemacht hat, muss trotzdem sein. Dabei zeigt sich: Der Worber weiss nicht nur über Höhlenforschung viel.
Es gibt diese Menschen, die sind einfach da. Von vielen unterschätzt, von einigen belächelt. Erst, wenn man ihnen genauer zuhört, enthüllen sie einen verblüffenden Schatz an Wissen. Und eine berührende oder interessante Lebensgeschichte. Roger Kauer ist einer von diesen Menschen: Unser treuster Gast im Kafi BERN-OST, immer da, immer bereit, anderen etwas Gutes zu tun. An diesem Tag wird er 70 Jahre alt – ein guter Grund, einmal über ihn zu schreiben.
Die ganz grosse Leidenschaft
Fragt man Roger Kauer nach seiner grössten Leidenschaft, kommt die Antwort blitzschnell: «Die Höhlenforschung.» Legt er los, ist er nicht mehr zu bremsen und sein Gegenüber muss sich auf einen begeisterten Vortrag einstellen: Höhlensysteme in der Tschechoslowakei, Cuevas del Drach auf Mallorca, Schweizer Höhlen von Sundlauenen, Höllloch bis Faustloch, er redet sich ins Feuer, und das Seepferdchenlabyrinth bei den Siebenhengsten, «das haben nur wenige gesehen».
So begann der Lebenstraum
Kauer jedoch hat sie alle erforscht, mit Helm und Stirnlampe und grosser Faszination. Foto um Foto scrollt er auf seinem Handy durch, er hat sie aus seinem gigantischen Album abfotografiert, und zeigt riesige unterirdische Hallen und Seen, Stalagmiten und Stalaktiten. «Traumhaft!» Mit seinem Hobby Höhlenforschen hat er sich seinen ganz grossen Lebenstraum erfüllt.
Der alles entscheidende Moment
Nie wird Kauer die Schulreise vergessen, es mochte die Viertklassreise gewesen sein, auf der er mit seinen Klassenkameraden die Beatushöhle besuchte. Allein die Pracht der unterirdischen Welt verschlug ihm die Sprache. Und dann trat auf einmal ein Höhlenforscher in voller Montur aus dem Westgang in die Haupthöhle. Schulbub Roger war hin und weg und erklärte seiner Lehrerin auf dem Heimweg aufgeregt: «Das möchte ich unbedingt auch mal lernen.» Sie habe leicht gelächelt und geantwortet, jaja, bis dahin fliesse noch viel Wasser die Aare hinunter.
Und was er daraus machte
Wenn aber Roger Kauer etwas will, findet er einen Weg. In seinen frühen Zwanzigern fand er über eine Kollegin den Zugang zur Schweizerischen Höhlenforschergesellschaft, und schon bald zog er mit einer kleinen Gruppe los. Die ersten einfacheren Höhlen erforschte er noch ohne Höhlenforscherausrüstung, es muss für ihn wie ein Ankommen gewesen sein. Sein erster Höhlengang? Er schmunzelt. «Natürlich in die Beatushöhlen!» Diesmal war er selbst der Forscher aus dem Westgang, ein toller Moment. Er sparte sich seine Ausrüstung zusammen und gehörte bald zum harten Kern. Jahr um Jahr zog es Roger Kauer in die Höhlen Europas: Schmale Schächte und kilometerlange Gänge, unterirdische Seen und verzweigte Systeme, er konnte sich nicht sattsehen.
Am liebsten würde er noch heute Höhlen erforschen
Ein weiteres Höhlenfoto: «Diese Tropfsteine – schau mal, die sind doch unglaublich eindrucksvoll!» Ob er nie Angst hatte? «Warum? Diese Höhlen sind ja Millionen Jahre alt!» Und übergangslos gerät er wieder ins Schwärmen, «in Triest gibt es ein riesiges Höhlensystem, da kann man sogar mit einem Grubenbähnchen hineinfahren!». Noch heute würde er jederzeit wieder Höhlen erforschen, hätte nicht vor etlichen Jahren ein Hirntumor seine Gesundheit geschwächt. Seither erzählt er allen von den Wundern im Erdinnern und steckt auch jene mit seiner Begeisterung an, die nie im Leben in eine Höhle einsteigen würden.
Eine Kindheit mit viel Arbeit
Während Roger Kauer beim Thema Höhlen förmlich übersprudelt, spricht er selten über seine Kindheit, es gibt nicht viel Schönes zu erzählen. Und doch gehört seine Geschichte zu ihm, zwischendurch erwähnt er seine Mutter, die erst 16 Jahre alt war, als sie ihn zur Welt brachte, und psychisch krank. Er hat sie nie gesehen, nur einst von einer entfernten Verwandten ein Foto von ihrem Grab erhalten. Vom Säuglingsheim war er als Baby in das christliche Kinderheim Tabor gebracht worden, ein Zuhause mit vielen Schlägen, harter Arbeit und wenig Liebe. Nach der Schulzeit musste Roger weiter arbeiten, drei Jahre in der Landwirtschaft und in der Gärtnerei – später hat er für diese Zeit immerhin eine Entschädigung für Verdingkinder erhalten.
Gewusst wie …
Wenn ihm auch das Schicksal nicht viel mitgab, hat er doch aus dem Wenigen viel gemacht: Mit Akkord-Arbeit auf dem Bau verdiente sich Roger Kauer das Geld für die Lastwagen-Fahrstunden. Einen Teil dieser teuren Stunden, so machte er mit seinem Fahrlehrer vertraglich ab, würde er abbezahlen, sobald er genug verdiente. Er schaffte es, 1982 bestand er die Lastwagenprüfung und arbeitete von da an als Chauffeur für Speditionsunternehmen. Seine Touren führten ihn kreuz und quer durch Europa. Eine interessante Zeit, manchmal kommen ihm überraschende Erlebnisse von unterwegs in den Sinn, und er kennt nicht nur Europas sämtliche Transportregeln, sondern auch verborgene Machenschaften von Speditionsunternehmen.
Von Ägyptern, Politik und Sport
Man muss sich gut konzentrieren, um Rogers Vorträgen zu folgen: Er liebt Dokumentarfilme über Höhlen, alte Ägypter und ihre prachtvollen Grabkammern, über Römer und Griechen, Weltkrieg, aktuelle Politik und Sport; er weiss immer wieder überraschend Spannendes zu erzählen, sein Kopf ist oft übervoll. Will er ein Foto zeigen, landet er rasch irgendwo anders und schweift ab. Wortkarg wird er nur, wenn es um Privates geht. Wenn er kurz etwas aus seiner Kindheit erwähnt, zuckt er schnell mit den Schultern und sagt schlicht: «Man kann sich das nicht auslesen, und es gibt Leute, die haben viel Schlimmeres erlebt.»
Einzig das Hochzeitsfoto der Grosseltern
Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht und er zeigt ein Schwarzweissporträt: «Das Hochzeitsfoto meiner Grosseltern», erklärt er. Die Grossmutter eine Französin aus Nizza, «eine wunderschöne Frau, gell!», der Vater ein fescher Jüngling aus Dürrenroth, und dieses Bild ist das einzige, das Roger von seiner Familie hat. Er schaut es lange an, dann klappt er sein Handy zu und sagt: «Jetzt ist meine Familie hier bei BERN-OST.» Lange mag er nicht bei diesem Thema bleiben, sonst überkommt ihn die Wehmut. Schnell spült er sie mit einem Schluck Kaffee hinunter und erzählt von einer wunderschön blau bemalten neuentdeckten Grabkammer in Ägypten.
Walken, Reisen und Spezialitäten
Schliesslich hat er so viel anderes, das ihn freut: Nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in die Höhlen konnte, fing er mit Walking an, ihm gefällt es, durch die schöne Natur zu gehen, die Bäume zu bewundern. Und seit er pensioniert ist, leistet er sich ein Generalabonnement und fährt damit in der Schweiz umher, im Sommer ist er gerne auf dem Thunersee oder dem Vierwaldstättersee anzutreffen. Manchmal bringt er von seinen Ausflügen leckere Spezialitäten mit, um anderen eine Freude zu bereiten, feines Magenbrot aus dem Wallis oder eine lokale Spezialität von einem anderen Ort. Ab und zu kommt er mit einem Papiersack voller Berliner im Kafi vorbei: Er, der selbst nicht viel Gutes erfahren hat, liebt es, anderen Gutes zu tun.
Am Morgen beim Kafi und am Nachmittag beim Tischlein deck dich
Wie er seinen Siebzigsten feiert? Roger Kauer winkt ab. «Nicht speziell, am Morgen bin ich im Kafi, am Nachmittag helfe ich wie jeden Montag beim Tischlein deck dich.» Anschliessend geht er mit einer Bekannten im Soussol in Bern essen. So stimmt es für ihn, bescheiden findet er: «Mein Geburtstag ist doch nichts Grosses.» Wir finden doch. Er, der ausser an seiner Taufe mit neun Jahren und später an der Konfirmation nie gross gefeiert wurde, hat heute eine Ehrenrunde verdient. Happy Birthday Roger!