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Biglen - Ein einfühlsamer Beobachter, der zwischen den Kulturen tanzt

Quelle
Wochen-Zeitung

Sunil Mann las aus seinem neuen Krimi «Faustrecht» vor. Auslöser für das Buch war die fremdenfeindliche Stimmung während der Diskussion um die Masseneinwanderungsinitiative.

Sunil Mann las in Biglen aus seinem neusten Krimi vor. (Bild: Markus Wehner)
Sunil Mann wurde 1972 als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren. Seine Jugend verbrachte er in Spiez bei Pflegeeltern, besuchte dann das Gymnasium in Interlaken. «Eigentlich bin ich also ein Berner, der heute in Zürich lebt», stellte er sich dem Publikum vor. Humorvoll präsentierte er dann die Hauptfigur seiner mittlerweile fünfteiligen Krimi-Serie: Vijay Kumar, zufälligerweise indisch-stämmig und im Seiltanz zwischen den Kulturen. Auf die Frage, wie viel Sunil Mann in seiner Hauptfigur stecke, antwortete er: «Ich sage jeweils etwa 43,6 Prozent. Beide haben sich in verschiedenen Tätigkeiten versucht, wir sind beide von Natur aus neugierig, aber die Charaktere bleiben doch grundverschieden.»

Mit einer Portion Humor

Sunil Mann begann die Lesung in der Bibliothek Biglen mit dem Prolog des Buches, wo sich Privatdetektiv Kumar über die ausländerfeindlichen Sprüche eines Barbesuchers nervt. «Schon wieder Deutsche!», lästert der angetrunkene Adrian Bühler. Er pöbelt deutsche Barbesucherinnen an und fordert sie auf, doch wieder «heim ins Reich» zu gehen. Die Anwesenden konnten sich die Situation und das Unbehagen des Privatdetektivs plastisch vorstellen. Überhaupt erwies sich Mann als einfühlsamer Beobachter, der Situationen treffend, mit Witz und einer feinen Prise Ironie wiedergeben kann.

Ein besonderer Leckerbissen waren der Ausschnitt mit der Wohnungssuche in Zürich und die Schilderungen aus Kumars Privatleben: Die indische Mutter will den Detektiv seit Jahren wie einen guten Inder verheiraten, der Vater leidet unter Depressionen. «Unsere Eltern halten uns für zu schweizerisch.» Die Handlung spitzt sich zu mit einer Schiesserei vor dem Asylzentrum Altstetten und der Entführung der Stadtpräsidentin. Wie es sich bei der Lesung eines Krimis gehört, blieb der Fall am Ende ungelöst.

Freude und Drang

Er habe schon in der Schulzeit gerne Aufsätze geschrieben, schilderte Sunil Mann die Anfänge seiner Freude am Schreiben. «Für mich ist es nicht nur eine Leidenschaft, sondern manchmal sogar ein Müssen.» Auf jeden Fall habe seine Motivation nicht mit Geld zu tun, das sei definitiv nicht der treibende Faktor. Sunil Mann arbeitet heute 50 Prozent als Flugbegleiter bei der Swiss, die restlichen sechs Monate braucht er zum Schreiben.

«An einem Buch arbeite ich etwa ein Jahr.» Eigentlich sei die fixfertige Geschichte zu Beginn schon da, während des Schreibens aber könne sie sich verändern. Dann sei es aber auch wieder wichtig, etwas Distanz zur geschaffenen Kunstwelt zu bekommen. «Denn nicht alles, was der Detektiv in meinen Büchern schätzt, ist auch mein Ding.» So liebe Kumar indischen Whisky. Seitdem bekomme er diesen oft nach Lesungen als Geschenk überreicht. «Ich selber finde ihnen aber gar nicht gut», sagt er und schmunzelt.

Autor
Kathrin Schneider, Wochen-Zeitung
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Erstellt: 19.03.2015
Geändert: 19.03.2015
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