Dann wurde der Zahnarztbesuch auf einmal romantisch
Was gibt es Schöneres als Liebesgeschichten? Dabei zeigt sich: Manchmal überrascht einen die Liebe an einem unerwarteten, ja sogar ungeliebten Ort. Und dann kann aus einer Begegnung eine 70 Jahre währende Ehe werden, so wie bei Rosmarie (91) und Franz (93) Herrmann aus Enggistein.
Angefangen hat die Geschichte von Rosmarie und Franz Herrmann ausgerechnet an einem Ort, an den niemand gern hingeht – beim Zahnarzt. Franz Herrmann schmunzelt. Er war etwas über zwanzig Jahre alt, als ihm auf einmal den Gang in die Praxis durchaus gut zu gefallen begann. Denn die junge Gehilfin des damaligen Worber Zahnarzts war so hübsch und fröhlich, dass Franz seine Angst schlagartig verlor. Nach der Behandlung zog es ihn diesmal nicht weg, im Gegenteil, er blieb gerne zum Plaudern, bald darauf lud er die kecke Rosmarie auf ein Treffen ein.
Die Details ihrer Geschichte liegen weit zurück ...
Das ist lange her. An einem Tag in diesem Juni sitzen Rosmarie und Franz Herrmann nebeneinander am ovalen Esstisch ihrer hellen Wohnung in Enggistein, in allen Ecken stehen kleine Vasen mit Rosen aus dem Garten. Das Paar wirkt harmonisch, beide schmunzeln das eine oder andere Mal, wenn sie an den Anfang ihrer Geschichte zurückdenken. Sie ist inzwischen 91, er 93 Jahre alt, und beide wirken wesentlich jünger und still vergnügt, trotz Altersgebresten, die sie mehr und mehr zwacken. Aber sie schauen auf eine lange gemeinsame Zeit zurück, auf eine Zeit mit etlichen Hochs und Tiefs, aber alles in allem eine gute Zeit.
... aber die Fortsetzung war schnell klar
Wie das damals nach dem Zahnarzt weiterging? Fragende Blicke, Kopfschütteln, das wissen beide nicht mehr so genau. «Das ist so lange her», sagt sie mit einem Lächeln, und er vermutet: «Eh, wahrscheinlich lud ich sie zum Tanz.» Sie nickt, das könnte sein.
Das ist so lange her. Wahrscheinlich lud ich sie dann zum Tanz.
Jedenfalls wurde bald mehr daraus, und es dauerte nicht lang, da war klar: Sie passen gut zueinander, die Zahnarztgehilfin und der Automechaniker. «Ich habe gar nicht so lang geworben», schmunzelt er heute: Schon bald fanden beide, das könnte gut kommen mit ihnen.
Hochzeitsdatum 30. Juni 1956
Und so gaben sie einander am 30. Juni 1956 auf dem Zivilstandsamt in Worb das Ja-Wort, anschliessend ging es mit dem Car nach Riggisberg zur Hochzeitsfeier. «Wir haben ein gutes Fest gehabt, gell!», sagt er. Sie stimmt ihm stillvergnügt zu, und beide verlieren sich in Erinnerungen, als sie die schwarzweissen Hochzeitsfotos betrachten, Leute erkennen, die schon lange nicht mehr leben, sich an das eine oder andere Detail des Fests erinnern. Das ist heute genau sieben Jahrzehnte her. Das erleben nicht allzu viele Paare, wohl deshalb heisst dieser Hochzeitstag ein bisschen unromantisch «Gnadenhochzeit».
Der Pfarrer gab ihnen die Zauberformel
Wie haben sie das geschafft, so lange zusammen und immer noch so liebevoll und einig? Wieder ein kurzer gegenseitiger Blick, dann schmunzelt er und sagt spontan: «Du sagst wie machen, und ich mache.» Sie lacht fröhlich, «klar, einer muss ja!». Scherz beiseite, sie überlegen beide, was es ausmacht, dann sagt sie: «Man muss einander vergeben. Immer wieder.» Schon der Pfarrer habe ihnen das bei der Trauzereonie ans Herz gelegt, «ich glaube, er sagte, man müsse sich sieben mal siebenundsiebzig Mal vergeben».
Das war offensichtlich ein guter Rat und er hat funktioniert. Aber es lag nicht nur am Verzeihen, darin sind sie sich einig, sondern auch daran, dass sie Sachen zwischendurch wenn nötig einmal zünftig ausdiskutiert haben. Genau das habe ihr Zusammensein auch lebendig erhalten, sagen sie einhellig.
Eine Zeitreise
Und wie sie so erzählen, was sie alles erlebt haben, reist man mit ihnen in eine andere Zeit zurück: Das Haus von 1904, in dem Franz und Rosmarie Herrmann heute noch wohnen, war früher eine Metzgerei, unten schlachtete sein Vater noch Kühe, Kälber und Schweine, im oberen Stock, wo heute die moderne und helle Wohnung mit dem grossen Dachfenster liegt, verwurstete er damals die Reste.
Lieber Automech als Metzger
Der junge Franz wuchs zuerst noch in einem Kämmerli ohne Heizung auf und musste dem Vater, der unter Rückenschmerzen litt, häufig helfen, die Kuhhälften hinaufzutragen. Er erinnert sich noch lebhaft an die Wurstmaschine namens Blitz, aber er mochte die Metzgerei nicht und war froh, dass sie ohnehin zu klein wurde und sein Vater ihn nicht als Nachfolger einplante: «Das ist doch kein schöner Beruf!», findet er noch heute.
Stattdessen ging er nach der Sekundarschule lieber nach Worb in die damalige Garage Tschanz und lernte als Automechaniker Fahrzeuge zu flicken – «damals noch alles von Hand».
Derweil lernte sie Zahnarztgehilfin
Derweil wohnte Rosmarie mit ihrer Familie in Zimmerwald und radelte von dort in die Sekundarschule Belp, bevor sie sich zur Zahnarztgehilfin ausbilden liess und eine Stelle beim Worber Zahnarzt Doktor Röthlisberger fand. So zog sie mit etwas über zwanzig Jahren nach Worb, wo sie im ehemaligen Ott-Haus eine winzige Wohnung fand und schon ziemlich bald ihren Franz kennenlernte.
Nach der Hochzeit blieben die beiden nicht lange als Paar zu zweit, sondern wurden bald zur Familie: Der älteste Sohn Jürg ist heute 69 Jahre alt, ihm folgten Ursula, 67, Franz, 66, und Barbara, 60. Inzwischen haben Herrmanns schon neun Enkelkinder und vier, bald fünf Urenkel, und ihre Familientreffen werden beinahe zu Grossanlässen.
So entstand eine fröhliche Grossfamilie
Glücklich zeigt Rosmarie Herrmann ein Foto mit sämtlichen neun Enkelkindern, sie nimmt lebhaften Anteil an all ihren Erlebnissen. Und wenn sie jeweils am 9. August zu ihrem Geburtstag das alljährliche Brunnenfest im lauschigen Garten der früheren Metzgerei veranstaltet, lädt sie die Familie ganz modern per Whatsapp ein. Der imposante Brunnen steht neben duftenden Rosen und farbigen Sträuchern, und jedes Jahr freuen sich Klein und Gross auf den Hupf in das kühlende Wasser.
Der Brunnen ist übrigens ein Werk von Franz Herrmann, er hat ihn eigenhändig gefasst und eine Grundwasserpumpe eingebaut. Er schmunzelt, ja, das Werken in seinem Budeli unten im Haus hat ihm immer Freude gemacht. Was der Automechanikermeister so alles konstruiert und gebastelt hat, kommt ihm aber erst beim Erzählen nach und nach in den Sinn, und beinahe staunt er selbst, welche Fülle dabei zusammenkommt: Als Garagenchef, später Werkhofchef, beim damaligen Autobahnamt entwickelte er beispielsweise eine spezielle Hang-Mähmaschine und wichtige Wegleitungspfeile. «Ja, die hätte ich patentieren lassen sollen, dann wären wir jetzt reich», schmunzelt er.
Verblüffende Flugobjekte ...
Auch im Haus erledigte er vom Elektrischen bis zur Heizung alles selbst, und wenn er Zeit fand, baute er teils verblüffende Werkstücke, die ihn vielleicht auch ins Guinness-Buch der Rekorde hätten bringen können: Einen Motorflieger beispielsweise, mit dem man eine eindrückliche Strecke durch die Luft fliegen konnte, bevor Bundesrat Ogi das verbot, und einen Deltasegler, den die beiden Söhne tatsächlich austesteten.
... und ein Skilift
Rosmarie Herrmann ergänzt: «Also etwas Gutes, was du auch gemacht hast, war 1978 der Skilift am Hoger von Enggistein.» Er lacht, ah ja, den hat er auch gebaut, fast 400 Meter lang, die Schulkinder von Wattenwil und Worb hatten Freude, auch wenn es nur drei Jahre lang genügend Schnee hatte.
Während ihr Franz am Klütterlen war, eilte Rosmarie quirlig vom Volleyball- zum Korbballspielen, turnte 60 Jahre lang beim Turnverein mit und gab selbst Turnen für Senioren und Kleinkinder, später wurde sie auch Kursleiterin bei Pro Senectute. Quasi nebenbei versorgte sie den grossen Gemüsegarten, die Tierlikirschbäume und die Beeren, kochte Confitüre und machte Früchte ein. «Rosmy kocht noch heute wunderbar mit viel frischem Gemüse aus dem Garten», schwärmt Franz.
Von den Bienen ...
Dann kommt ihm ihn den Sinn, dass sie ja auch einmal 30 Bienenvölker pflegten, «jaja, das war auch ordentlich viel Arbeit». Heute haben die beiden einen Gärtner angestellt und erhalten alle zwei Wochen Hilfe beim Putzen, aber sonst packen sie immer noch alles selbst an. Vielleicht ist es dieses aktive Unterwegssein, das sie beide so fit erhält.
... und den Pfadfindern und den Schützen
«Und ein Stück weit sind es vielleicht auch die Gene», überlegt Rosmarie Herrmann: Ihr Onkel sei auch hundert Jahre alt geworden. Dennoch kommt beiden beim Erzählen immer mehr in den Sinn, Franz war unter dem Pfadinamen «Daggu» lange als Pfadfinder aktiv, im Militär war er ebenso aktiv und brachte es bis zum Adjudanten, ausserdem organisierte er fast zwei Jahrzehnte lang als Präsident der regionalen Schützenvereine sämtliche Schiessanlässe.
Gell, wir haben keine langweilige Ehe gehabt.
Rosmarie an seiner Seite war ebenso quirlig unterwegs: Als die Kinder etwas grösser waren, arbeitete sie zeitweise wieder in der Zahnarztpraxis, fuhr mittags nach Hause und kochte für die Familie, bevor sie wieder nach Worb fuhr. Die beiden schmunzeln, ja, sie hatten ein reiches Leben. «Gell, wir haben keine langweilige Ehe gehabt», sagt Rosmarie Herrmann zufrieden, und Franz nickt kräftig: «Nein, ganz sicher nicht!»
Dann noch der orange Camper ...
Nach der Pensionierung baute Franz einen orangen Camper aus, damit fuhren die Herrmanns ins Wallis und ins Tessin, oft hatten sie Grosskinder dabei. Manchmal machten sie auch in Italien Ferien und einmal reisten sie mit einem gemieteten Camper durch die USA und nach Kanada: Dort besuchten sie Franzes Schwester Käthi, die mit 27 Jahren dorthin ausgewandert war.
... und die Seniorenbühne
Mit 65 hatte Rosmarie Lust, einmal noch etwas Neues auszuprobieren, trat der Seniorenbühne Worb bei und fand es unterhaltsam, Theater zu spielen. «Mit 80 Jahren hatte ich jedoch das Gefühl, jetzt sei es genug.» Sowieso, sagt sie mit einem leisen Seufzer, sei jetzt halt all das vorbei. Er nickt, vor zwei Jahren hatte er ein Schlägli, «seither laufen die Scheichli dort durch, wo sie wollen», und er braucht einen Rollator.
Für ein Foto stellen sich die beiden auf die Terrasse, neben die blühenden Blumentöpfe, und sie sind ein schönes altes Ehepaar. Sie nicken und schauen einander an, sie sind sichtlich gut eingespielt und schätzen das Zusammenleben. Nach all den Jahren, das geben sie ehrlich zu, macht es ihnen auch Angst, zu wissen, dass sie nicht mehr ewig zusammensein werden. «Viele Freunde sind inzwischen schon gestorben», sagt Rosmarie Herrmann traurig, «das ist schwierig.»
«Das Alter kommt auf leisen Sohlen.»
Momentan kommen sie in ihrem gemütlichen Zuhause gut zurecht, ein Treppenlift an der Holztreppe hinter dem Haus ist vorderhand das einzige, was darauf hindeutet, dass ältere Menschen dort wohnen. Jaja, Rosmarie Herrmann nickt und sagt philosophisch: «Das Alter kommt auf leisen Sohlen.»
Umso mehr wollen die beiden geniessen, was ihnen an Zeit bleibt, und feiern, wenn es zu feiern gibt. Ob sie ihren Kindern irgendwelche Tipps mitgegeben haben, wie sie eine lange und glückliche Ehe führen können? Beide schütteln den Kopf, er schmunzelt, nein, das hätten die Kinder ja jeden Tag sehen können.
Viel Schönes ist entstanden in den siebzig Jahren
Mitte Juli werden sie den Hochzeitstag gemeinsam mit ihren lebhaften Kindern und Gross- und Urgrosskindern begehen. Dabei können sich Rosmarie und Franz Herrmann darüber freuen, welch schöne Grossfamilie entstanden ist in den sieben Jahrzehnten, seit sie sich beim Zahnarzt in Worb kennenlernten.
So kommen wir zu den schönen Liebesgeschichten
Manchmal schnappen wir etwas auf und fragen direkt an, ob jemand bereit ist, mit uns zu reden. Manchmal haben wir auch Glück, und die Geschichten werden uns von Familie oder Freunden zugetragen, wie im Fall von Rosmarie und Franz Herrmann: Ihre Familie fand, ein solch grossartiges Jubiläum sollte man nicht nur im Stillen feiern, und meldete sich bei uns. Danke fürs Mit-Teilen!
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