Ein Selbstversuch unter 5000 Schwingfans
Das Mittelländische Schwingfest in Stettlen lockte am Sonntag über 5000 Schwingfans ins Worblental. Kann das gut gehen? Ein Schwingfest mitten im Wohnquartier? BERN-OST hat sich unter die Besucher gemischt, um den Duft des Sägemehls einzuatmen.
Die grossen Schwingfeste kennt der Autor nur vom Fernsehen. Man zappt ab und zu rein, je näher der Schlussgang kommt, desto mehr bleibt man dran. Aber einen ganzen Tag an einem Schwingfest verbringen, wird das nicht langweilig? Der Selbstversuch am Mittelländischen zeigte, die Zeit flog nur so dahin.
07:00 Uhr – Die ersten im Festzelt
Schwingfans sind Frühaufsteher, man kann nicht erst gegen zehn Uhr auf die Tribüne stolpern. Deshalb bin ich schon eine Stunde vor dem Anschwingen auf dem Gelände. Im Festzelt ist schon ziemlicher Betrieb, die ersten Besucher gönnen sich Kaffee und Gipfeli. So auch ich. Es ist noch früh, die Stimmung im Festzelt scheint erwartungsfroh. Die Freude vor dem grossen Fest ist spürbar. Los gehts Richtung Arena.
07:30 Uhr – Die Leute trudeln ein
Vor dem Eingang zur Schwingarena verkauft ein Mann aus einem Kanister am Rücken Kafi Lutz, noch sind die Gäste zurückhaltend, wir wollen ja nicht reinschiessen. Daneben verteilt eine Krankenkasse Strohhüte. Die Sponsoren sind nur ausserhalb der Schwingarena präsent. Drinnen ist weder von Sponsoren noch von Werbung was zu sehen. Welch eine Genugtuung. Zuschauerinnen und Zuschauer strömen von allen Seiten Richtung Tribüne. Der blaue Himmel verzieht sich Richtung Oberland. Blick Richtung Seeland ziehen düstere Wolken auf. Laut Meteo ist ab 15:30 Uhr mit Regen zu rechnen.
07:45 Uhr – Zeit zu Gedenken
Der Speaker ruft auf zu einer Schweigeminute für den letzte Woche verstorbenen technischen Schwingleiter Stefan Strebel. Die Tribünen sind nicht mal halb besetzt, wer da ist, steht auf und hält inne. Auf dem Bitz unten werden die Sägemehlringe fein säuberlich zurechtgemacht. Perfekt sieht es aus.
08:00 Uhr – Es geht los
Anschwingen zum ersten Gang. Während draussen neben dem Siegermuni zwei Alphornisten sich einspielen, wird im ersten Gang viel gestellt. Die Schwinger schieben sich durch den Ring, was aber zu erwarten sei, wie meine Sitznachbarin erklärt. Als einzige Eidgenossen gewinnen Fabian Staudenmann und Curdin Orlik ihren ersten Gang. Moser und Walther stellen, Aeschbacher verliert. Danach spielen die beiden Alphornspieler in der Arena zu einem Ständchen auf.
10:30 Uhr – Schreckmoment für Staudenmann
Die Top-Schwinger rotieren nach jedem Gang auf den nächsten Sägemehlring, damit alle Zuschauerinnen die Schwinger aus der Nähe sehen. Fabian Staudenmann verletzt sich gleich zu Beginn mit einer Schnatte am Kinn und muss nähen lassen.
Michael Moser macht kurzen Prozess, nach zehn Sekunden liegt sein Gegner auf dem Rücken. Nach dem Gang wird live vor der Ehrentribüne gejodelt. Das Wetter hält, die Stimmung ist top. Es wird geklatscht, gefilmt, der Geräuschpegel ist hoch.
12:00 bis 13:00 Uhr – Mittag und die grosse Müdigkeit
Während die Sägemehlringe gerecht werden, geht's in die Mittagspause. Härdöpfelsalat mit Bratwurst oder Stock mit Fleischvogel sind der Renner. Danach folgt die grosse Müdigkeit. Beim Bierstand wird eifrig Bier um Bier gezapft, dafür füllt sich die Tribüne nur langsam. Während das Jodlerchörli den nächsten Jutz anstimmt, wird im Sägemehl schon wieder geschwungen. Scheinbar haben die Schwinger auf Stock mit Fleischvogel verzichtet.
15:00 Uhr – Der Regen setzt ein
Im fünften Gang fehlen die spektakulären Schwünge bei den Eidgenossen. Einzig Aeschbacher vermag Walther mit einem aeschbacher-typischen Hauruck-Schwung auf die Schultern zu legen. Das grosse Spektakel zwischen Moser und Staudenmann bleibt aus. Gegen Ende des Ganges setzt leichter Regen ein. Zeit für ein Kafi Fertig, denken sich wohl viele und strömen Richtung Festzelt.
16:00 Uhr – Ein anderes Fest
So gemütlich die Atmosphäre am Schwingfest bei sonnigem Wetter ist, so trostlos fühlt es sich an, wenn der bernische Landregen einsetzt. Die Zuschauer hüllen sich in ihren Regenschutz, stürzen ihre Kämpferpelerinen über, spannen den Regenschirm auf oder suchen einen trockenen Platz im Festzelt. Die Schwinger mühen sich weiter im feuchten Sägemehl ab, aber irgendwie mag der Funke der Begeisterung nicht mehr richtig zünden. Mit gebanntem Tunnelblick gucken die Leute unter ihren Kapuzen hervor und scheinen zu hoffen, dass der Schlussgang möglichst bald beginnen möge.
16:30 Uhr – Abgerechnet wird im Schlussgang
Matthias Aeschbacher tifft im Schlussgang auf Curdin Orlik. Schon im ersten Gang trafen sie aufeinander, wobei Orlik diesen gewann. Im Schlussgang greift Aeschbacher wie ein Muni an. Immer wieder setzt er nach, bis Orlik schliesslich auf dem Rücken liegt und die Hände verwirft. Matthias Aeschbacher gewinnt das Mittelländische Schwingfest in Stettlen. Der Jubel ist gross, der Titel sei ihm gegönnt.
17:00 Uhr – Schön wars
Der Regen hat nachgelassen, viele strömen heimwärts. Andere setzen sich ins volle Festzelt und nehmen noch eins. 5000 Leute haben diesem Schwingfest beigewohnt. OK-Chef Lorenz Hess blickt auf ein gelungenes Fest «in engen Verhältnissen» zurück. «Es gab keine Staus, weder im Verkehr, auf dem Parkplatz, noch beim Eingang. Die ÖV-Offensive hat funktioniert», sagt er zufrieden.
Alles verlief reibungslos, auch dank dem unermüdlichen Einsatz vieler freiwilliger Helfer. Der Ausnahmezustand ist in Stettlen ausgeblieben. Im Gegenteil, es war ein Fest, das vielen noch lange in guter Erinnerung bleiben wird.