Ein farbiger Rückblick zum Jubiläum
In Zäziwil findet am Mittwoch die Brächete statt: Der Anlass, an dem die verschiedenen Tätigkeiten rund um die Flachsverarbeitung gezeigt werden. Zum 70-Jahr-Jubiläum gibt es eine Ausstellung mit Fotos und Gegenständen aus früheren Jahren.
Der Herbst hält Einzug, und damit ist wieder Zeit für den Anlass, der das Dorf Zäziwil weitum bekannt gemacht hat: Die alljährliche Brächete. An die fünfzig Freiwillige machen mit an diesem letzten Septembermittwoch und zeigen, was es alles braucht, bis aus dem Flachs zuerst Garn, dann Leinen wird.
Stickeln, riffeln und rotten
Nach der Ernte werden die Flachsbüschel getrocknet, und anschliessend muss man sie stickeln, raufen, riffeln, rotten, brechen und hecheln – rätselhafte Ausdrücke, die klingen wie aus einer anderen Sprache. Umso spannender, sich vor Ort zeigen zu lassen, was dabei tatsächlich abläuft. Und durchaus nostalgisch, wenn man sich vorstellt, dass das seit vielen Jahrzehnten so gemacht wird.
Dieses Jahr findet die traditionsreiche Brächete bereits zum 70. Mal statt, und zu diesem Jubiläum hat sich das Organisationskomitee etwas Besonderes einfallen lassen: «In der Zivilschutzanlage veranstalten wir eine Ausstellung als Rückschau auf die vergangenen Jahrzehnte», erzählt Hanna Stalder, die im Organisationskomitee mitmacht und für das Brauchtum zuständig ist.
Blickfang: Der alte Spinnbock
Sie freut sich: Damit kommen endlich all die gesammelten Gegenstände rund um die Flachsverarbeitung so richtig zur Geltung, die ihr Leute manchmal von weitum vorbeibringen. Werkzeuge, Stoffstücke und Leinenkleider wurden dieser Tage in den Zivilschutzräumen wirkungsvoll aufgehängt und zeigen die Vielfalt der Arbeiten. Als besonderer Blickfang wird ein Werkzeug zu sehen sein, das vor mindestens 300, vielleicht sogar vor 500 Jahren gebaut wurde: Ein uralter Spinnbock.
Dieses Gerät ist ein Vorläufer der späteren Spinnmaschinen, mit einem Rad versehen, um das eine Schnur als Antriebsrolle läuft – «vielleicht eines der ersten Geräte, das mit einem Holzrad nach der Erfindung von Leonardo Da Vinci funktioniert», schwärmt Hanna Stalder. Die Schnur, die statt eines Metallreifens um das Rad verläuft und zum Antrieb dient, sehe uralt aus, sagt sie: «Sie könnte sogar noch das Originalteil sein.»
Familie Augustin und die Brächete
Das Gerät hatte Alice Augustin für die Ausstellung zur Verfügung gestellt: Ihr und ihrem Mann Marcel gehörte fast 40 Jahre lang die Handweberei in Zäziwil. Nach dem Tod ihres Mannes hatte Alice Augustin die Weberei noch bis vor zehn Jahren alleine weitergeführt, bevor sie in Pension ging und die Webstühle stilllegte.
In all den Jahren stand der Spinnbock in einer Ecke der Weberei, jetzt kann er als ein Stück Zeitgeschichte bestaunt werden. Zusammen mit zahlreichen Fotos aus den letzten Jahrzehnten der Brächete. Diese Fotos, vermutet Doris Müller, die für das Organisationskomitee die Galerie zusammenstellte, dürften zahlreichen Besucherinnen und Besuchern ein «Schau mal, diese oder jenen kennen wir doch», entlocken.
Familie Krähenbühl und die Handweberei
Auf einigen Bildern sind auch Margrit und Fritz Krähenbühl zu sehen, das Gründerpaar der Weberei: Auch sie sind massgeblich daran beteiligt, dass die Brächete weitum bekannt wurde und bis heute in dieser Form durchgeführt wird. Auch die Handweberei an sich wurde in den Anfangsjahren richtig berühmt: 1951 besuchte der britische Feldmarschall Bernard L. Montgomery die Weberei im Rahmen eines offiziellen Schweizbesuchs, begleitet von General Guisan. Und sogar die berühmte Filmschauspielerin Audrey Hepburn kam zu Besuch.
Sehr schön liest sich die Geschichte über die Entstehung der Handweberei Zäziwil, nachzulesen in der Festschrift: Die junge Lehrerin Margrit Krahenbühl-Courant, die für sich das Weben als Hobby entdeckt hatte, brachte ihrem kranken Mann Fritz das Handwerk bei, damit er nicht einfach untätig daheim sitzen musste. Und siehe da, die handgewobenen Kissen kamen so gut an, dass bald ein Geschäft daraus entstand: 1948 wurde die Handweberei Zäziwil in das Handelsregister eingetragen.
Schöne alte Handwerkskünste
Von der Handweberei sind vor allem Erinnerungen geblieben. Aber die Brächete lebt weiter, farbenfroh wie eh und je. Nebst den Arbeitsschritten rund um die Flachsverarbeitung können sich die Besucher auch andere traditionelle Handwerkskünste zeigen lassen. Nur noch wenige Berufsleute beherrschen diese, dank der Brächete bleiben Schindelmachen, Bürstenbinden und Täuchelbohren lebendig.
Ergänzt wird der Anlass durch Marktstände aller Art, und die vielen Besucherinnen und Besucher können an diesem Tag eintauchen in eine besondere Szenerie: Viele freiwillige Helferinnen und Helfer ziehen sich für ihre Vorführungs eine Tracht oder ein spezielles Gewand an. «Es ist immer wieder eine Freude, das farbenfrohe Treiben zu sehen», freut sich Hanna Stalder. Nicht umsonst wurde die Gemeinde Zäziwil für diesen Brauch vom Magazin Schweizer Illustrierte zur schönsten Schweizer Gemeinde gewählt.
Sonderausstellung «70 Jahre Brächete»
Die Sonderausstellung in der Zivilschutzanlage ist geöffnet an folgenden Daten:
- Samstag, 26. September 2026, von 10 bis 12 Uhr
- Mittwoch, 30. September 2026, von 10 bis .18 Uhr
- Freitag, 2. Oktober 2026, von 18 bis 20 Uhr
- Mittwoch, 14. Oktober 2026, von 14 bis 16 Uhr
Spezialöffnungszeiten auf Anfrage bei der Gemeindeverwaltung Zäziwil, 031 710 33 33.
Die Festschrift «Vom Flachs zum Leinen» mit spannenden Informationen und schönen Geschichten kann am Infostand der Brächete und danach auf der Gemeindeverwaltung gekauft werden.