Ein verrückter Plan wird zum Kinofilm
Ein Banker, zwei Büezer und ein ehemaliger Dildoverkäufer wollen für die Philippinen an die Olympischen Spiele. Was wie die Handlung eines Spielfilms klingt, ist tatsächlich passiert. Daniel Schifferli aus Rüfenacht hat das Team während Jahren mit der Kamera begleitet. Nun feiert sein erster Dokumentarfilm am Zurich Film Festival Weltpremiere.
Eigentlich beginnt die Geschichte mit einem Mann, der merkt, dass er etwas ändern muss. Alan Frei hat amorana.ch mitgegründet und die Firma 2022 verkauft. Er hatte plötzlich Zeit und Geld. Gleichzeitig war er stark übergewichtig und lebte ungesund.
«Mein Gedanke war: Jetzt, wo ich Geld und Zeit habe, wäre ein schlechter Moment zum Sterben», sagt Frei im Inteview mit BERN-OST. Also setzte er sich ein Ziel. «Die sportlichsten Menschen der Welt gehen an Olympia. Also wollte ich auch dorthin.» Frei beauftragte seinen Anwalt damit, den einfachsten Weg an Olympische Spiele zu finden. Für die Schweiz sah dieser kaum Chancen, für Freis zweiter Heimat, die Philippinen vielleicht schon. Die Idee: Langlauf.
Er fuhr ins Engadin und begann zu trainieren. Schnell zeigte sich ein Problem. «Ich war komplett talentbefreit», gibt Frei ehrlich zu und lacht. Frei fiel immer wieder um. Trotzdem erzählte er allen, dass er an Olympia gehen werde.
Zweiter Versuch
Im März 2023 erhielt Frei eine Nachricht von Christian Haller. Dieser curlte seit mehr als zwanzig Jahren und ist ebenfalls halb Philippiner. Haller erzählte ihm von den Brüdern Marc und Enrico Pfister aus dem Emmental. Beide waren erfolgreiche Curler und haben eine philippinische Mutter.
Die drei hatten schon länger einen WhatsApp-Chat namens «Team Philippinen», jedoch mehr als Witz. Zudem braucht es für ein Curling Team vier Personen. Dann kam Alan Frei. Nach kurzen Gesprächen beschloss Frei:
Scheiss auf Langlauf, ich bin in eurem Curling-Team.
Das Problem: Frei hatte noch nie Curling gespielt. Fast drei Jahre lang wurde der Sport zu seinem Job. Er trainierte auf dem Eis, ging ins Fitnessstudio und arbeitete an seiner Kondition. Zu Beginn nahmen ihn selbst seine neuen Teamkollegen nicht ganz ernst. «Meine Nachrichten wurden im Chat teilweise ignoriert.» Erst als sie sahen, wie konsequent er trainierte, änderte sich das.
Einer, der sofort an die Geschichte glaubte
Einige Monate später erfuhr Daniel Schifferli aus Rüfenacht von dem Projekt. Der 36-Jährige aus Rüfenacht wusste sofort: Diese Geschichte will er filmen. Schifferli kennt Curling nicht nur als Filmemacher. Er war selbst erfolgreicher Curler, wurde 2009 Junioren-Olympiasieger und später Schweizer Vizemeister. Die Pfister-Brüder kennt er seit seiner Jugend.
Als er im September 2023 vom Team hörte, rief er Marc Pfister an. Dieser verwies ihn an Alan Frei. «Ich fragte zuerst: Wen soll ich anrufen? Ich hatte noch nie von Alan gehört», lacht Schifferli im Interview mit BERN-OST.
Frei war sofort einverstanden. Zehn Tage später reiste das Team nach Kanada. Schifferli hatte eigentlich Ferien mit seiner Familie geplant. «Ich sagte meiner Frau, dass ich die Möglichkeit habe, einen Film über meine Leidenschaft zu machen.» Sie unterstützte ihn sofort und so sass er ein wenig später im Flugzeug nach Kanada und begann am Drehbuch zu schreiben.
Ohne Verband keine Olympischen Spiele
Bevor das Team sportlich überhaupt etwas erreichen konnte, musste es zuerst die Grundlagen schaffen. Es brauchte einen philippinischen Curling-Verband, die Anerkennung des olympischen Komitees und die Aufnahme in den Weltverband. Dazu kam ein weiteres Problem: Die Pfister-Brüder hatten noch keine philippinischen Pässe.
Auch diese mussten im Eiltempo organisiert werden. Fünf Tage vor einer Reise nach Kanada trafen die letzten nötigen Papiere ein. Für Schifferli war längst klar, dass er mehr als ein paar Bilder sammeln wollte. «Für mich war das von Anfang an ein Longshot. Aber ich musste daran glauben, dass es klappt.» Er begann ohne Auftrag, Käufer oder Budget. Während 55 Drehtagen begleitete er das Team in fünf Ländern.
Zweifel irgendwo in Kanada
Auch Frei begann irgendwann zu merken, worauf er sich eingelassen hatte. «Wenn du irgendwo im Nirgendwo in Kanada in einem eher schlechten, schmuddeligen Ein-Stern-Hotel liegst, fragst du dich schon: Was mache ich eigentlich hier?». Sobald er auf dem Eis stand, waren diese Gedanken weg.
Je besser das Team wurde, desto grösser wurde der Druck. «Am Anfang wurden wir in der Curling-Szene ausgelacht», sagt Schifferli. Kaum jemand habe ihnen etwas zugetraut. Dann gewannen sie Spiele. Lachend ergänzt Schifferli:
«Und auch Alan wurde immer besser»
Plötzlich Superstars
Im Februar 2025 trat das Team an den Asiatischen Winterspielen an. Für die Spieler war es zunächst ein weiterer Termin im Kalender. Vor Ort merkten sie schnell, welche Dimension der Anlass hatte. Dann gewannen sie Gold. Für die Philippinen war es ein historischer Erfolg im Wintersport. Das Team landete auf Titelseiten von Peking bis New York. Der philippinische Präsident wollte die Spieler persönlich empfangen. Also flogen sie nach Manila.
Mitten in der Nacht landete das Team am Flughafen. Trotzdem warteten bereits zahlreiche Journalisten. Kameras, Gedränge, Menschen, die um das beste Bild kämpften. «Wir wurden nicht nur wie Superstars behandelt. Wir waren Superstars», sagt Frei immernoch überwältigt. Und sie standen dort mit Kleidern, die eigentlich für Temperaturen weit unter null gedacht waren.
Zwei Heimaten
Für Frei veränderte die Reise mehr als nur seinen Alltag. Er wuchs in Baden auf. Der philippinische Teil seiner Familie gehörte zu seinem Leben, als Jugendlicher fand er manches daran aber eher peinlich. Die lauten Familienfeste. Das Karaoke-Singen.
Durch die Zeit in den Philippinen begann er diesen Teil seiner Herkunft anders wahrzunehmen. «In der Schweiz bin ich der Philippiner. Auf den Philippinen war ich der Schweizer.» Irgendwann habe er gemerkt: «Ich bin an beiden Orten zuhause.» Auch das Emmental lernte der Zürcher schätzen. «In Zürich spricht man viel über Geld und Status. Dann kommst du ins Emmental zum Training und bekommst zuerst einmal ein Bier und einen Schnupf», sagt Frei und lacht.
Über das Curling lernte er Menschen und Welten kennen, die ihm sonst verborgen geblieben wären. Aus Teamkollegen wurden enge Freunde.
Hinter der Kamera mitten im Team
Auch Schifferli war längst nicht mehr nur Beobachter. Bis auf Frei kannte er die Spieler bereits vorher. Frei sei aber sehr schnell Teil dieser kleinen Familie geworden. «Alan ist ein inspirierender Typ. Wenn er etwas macht, dann richtig. Dieser Glaube, dass etwas klappen kann, ist ansteckend.»
Schifferli wollte keinen klassischen Sportfilm drehen. Dafür kannte er das Curling zu gut. Er wusste, was in einem Spieler vorgeht und wann eine Situation emotional wird. «Ich wusste oft, wann ich die Kamera auf ein Gesicht halten musste.»
Am Ende wurde es auch für ihn persönlich. «Ich bin froh, dass die Bilder scharf sind. Ich habe hinter der Kamera selber geweint, musste aber weiterfilmen.» Schifferli hatte früher selbst von Olympia geträumt. Als Sportler schaffte er es nicht dorthin. Nun erlebte er diesen Traum mit der Kamera.
«Es hätte so oft schiefgehen können»
Lange wusste Schifferli nicht, ob sein Film je fertig werden würde. «Es hätte auf so vielen Stufen schiefgehen können.» Auch finanziell blieb das Projekt ein Risiko. Einen Käufer gab es nicht. Ein Deal mit dem Olympic Channel platzte. «Das war ein Schlag in den Nacken.»
Statt aufzuhören, entschieden sie sich, alles selbst in die Hand zu nehmen. Aus der geplanten Serie wurde ein Kinofilm. Schifferli arbeitete weiter. Ohne zu wissen, ob sich der Aufwand je auszahlen würde.
Von Rüfenacht ans Zurich Film Festival
Schliesslich landete der Film beim Zurich Film Festival. Die Jury nahm ihn einstimmig ins Programm auf. Kurz darauf kam die Einladung zur Gala-Premiere. Für Schifferli war das kaum zu fassen. Er hatte zuvor noch nie ein Filmfestival besucht. Nicht einmal als Zuschauer.
«Da laufen Filme mit Weltstars und grosse Netflix-Produktionen. Und dann kommen noch wir», sagt er und lacht. Am 30. September feiert der Film in Zürich Weltpremiere. Frei gibt zu, nervös zu sein. Zuerst wollte er den fertigen Film gar nicht anschauen. Dann tat er es doch. «Seit ich ihn gesehen habe, bin ich viel weniger nervös. Ich weiss jetzt, dass es ein toller Film ist.»
Schifferli sieht es ähnlich. «Die Leute werden lachen und weinen. Ich weiss, dass der Film funktioniert.»
«Der Traum braucht einen Plan»
Für Schifferli ist der Film mehr als die Geschichte eines Curling-Teams. «Es geht darum, welche Kraft Träume haben können. Was passieren kann, wenn jemand an etwas glaubt, obwohl die Vorzeichen enorm schlecht sind.» Eine Aussage von Frei ist ihm besonders geblieben: Der Unterschied zwischen einem Traum und einem Ziel sei der Plan.
Du musst einen Plan machen. Dann wird der Traum zum Ziel. Und dann musst du durchziehen.
Frei selbst hat mit dem Curling inzwischen aufgehört. Seine Teamkollegen machen weiter. Für Schifferli hingegen ist mit der Weltpremiere noch nicht Schluss. Der Film soll an weitere Festivals. Wo er später zu sehen sein wird, ist offen. Dass aus seiner spontanen Reise nach Kanada sein erster abendfüllender Dokumentarfilm werden würde, hätte er nicht gedacht.
Dass dieser Film einmal am Zürich Film Festival laufen würde, noch weniger. «Es ist total schön. Aber auch total verrückt.»
Das Zürich Film Festval startete bereits am 24. September. Der Film Long Shot - A Filipino Curling Tale wird an drei Tagen gezeigt: 30.9. / 1.10 und 2.10.2026. Wer sich die vorerst einzige Möglichkeit nicht entgehen lassen möchte, kann sich noch eines der wenigen Tickets ergattern in Zürich.
Mehr über Daniel Schifferli und seine Arbeit: Filmagentur & Videoproduktion in Bern | Summit Vision Media