«Einschluss gibt’s nur noch als Sicherheitsmassnahme»
Das kantonale Jugendheim Lory in Münsingen stand in den vergangenen Jahren wiederholt in der Kritik. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Tamara Mosimann-Huggler die Leitung übernommen. Im Interview spricht die neue Direktorin über notwendige Veränderungen, einen Kurswechsel in der Haltung und die Stimmung im Haus.
BERN-OST: Frau Mosimann-Huggler, das Jugendheim Lory hatte lange einen durchzogenen Ruf. Haben Sie seit Ihrem Amtsantritt viel verändert?
Tamara Mosimann-Huggler: Mein ursprünglicher Plan war, Strukturen und Prozesse schrittweise und behutsam anzupassen. Die Realität sah anders aus: Die Belastung in den Teams war sehr hoch, viele Mitarbeitende fielen krankheitshalber aus oder waren überlastet. Deshalb mussten wir rasch handeln. Heute arbeiten wir deutlich strukturierter, professioneller und interdisziplinärer.
Was waren die wichtigsten Massnahmen?
Wir haben gezielt in Schulungen investiert, etwa in Sicherheits- und Deeskalationstrainings sowie Aggressionsmanagement. Das hat den Alltag spürbar verbessert. Ebenso, dass nach herausfordernden Situationen regelmässig ein Austausch stattfindet. Ein zentraler Punkt war auch, die Schemapädagogik konsequent im Alltag zu verankern. Nach einem Auffrischungskurs läuft das seit letztem Sommer sehr gut.
Aggressionsmanagement und Deeskalationstraining – das klingt herausfordernd …
Das ist es definitiv. Ausserdem hat der schnelle Wechsel die Teams anfangs überfordert, und viele waren unsicher, was jetzt gilt. Auch die neue pädagogische Grundhaltung «Weniger Einschluss, mehr Auseinandersetzung» ist für viele sehr anspruchsvoll. Mit Jugendlichen in Beziehung zu bleiben, zu diskutieren und Konflikte auszuhalten, ist deutlich fordernder, als Sanktionen auszusprechen.
Gerade der Einschluss junger Frauen war in der Vergangenheit immer wieder ein Thema.
Das wollte ich unbedingt neu angehen. Einschluss als Strafe bringt pädagogisch wenig – die Jugendlichen lernen daraus nichts. Viel wichtiger ist, dass wir sie bestmöglich in ihrer sozio-emotionalen Entwicklung fördern. Heute wird Einschluss nur noch angewendet, wenn die Sicherheit von Jugendlichen oder Mitarbeitenden gefährdet ist. Er ist keine Disziplinarmassnahme mehr, sondern eine reine Sicherheitsmassnahme.
Früher wurden ausgerissene Jugendliche teils mehrere Tage eingeschlossen. Wie ist das heute geregelt?
Nach einer Entweichung sollen die jungen Frauen angstfrei und im besten Fall freiwillig zurückkommen, deshalb gibt es keinen Einschluss mehr. Einzig die Krätzebehandlung ist aus hygienischen Gründen immer obligatorisch.
Das ist alles?
Nachdem eine Verhaltensanalyse ausfüllt und erfolgreich besprochen wurde kehren die Jugendlichen in der Regel auf ihre Zimmer zurück. Die Mitarbeitenden besprechen mit ihnen, wie es weitergeht und welche Regeln einzuhalten sind. Diese Form der Auseinandersetzung bringt langfristig mehr als harte Sanktionen ohne Reflexion.
Trotzdem braucht es wohl trotzdem klare Regeln.
Absolut. Deshalb haben wir fixe Abläufe eingeführt. Auf der geschlossenen Wohngruppe haben wir vor einem halben Jahr einen verbindlichen Interventionsplan eingeführt, der schrittweise auf alle Gruppen ausgeweitet wurde. Entscheidend ist, dass immer nach dem gleichen Vorgehen gehandelt wird – unabhängig davon, wer Dienst hat, damit die Jugendlichen die Mitarbeitenden nicht gegeneinander ausspielen können.
Wie sieht ein solcher Ablauf aus?
Wenn eine Jugendliche eine Weisung nicht befolgt, wird sie klar und transparent über die nächsten Schritte informiert. Allen unseren Jugendlichen ist der Interventionsplan bekannt – und dazu gehört auch, dass im Eskalationsfall die Polizei beigezogen wird. Das mag hart klingen, ist aber bewusst so geregelt: Wir wollen nicht selbst körperlich eingreifen und dadurch Beziehungen zerstören.
Das klingt überraschend – die Polizei rufen und die Beziehung nicht zerstören?
Ja, Beziehung ist die Grundlage unserer Arbeit. Dafür ist wichtig, dass die Jugendlichen wissen: Sie werden ernst genommen und können sich auf uns verlassen. Das funktioniert inzwischen tatsächlich, dies zeigt sich in Aussagen wie jener Jugendlichen, die mir kürzlich sagte: «Ich weiss, wenn ich Quatsch mache, haben Sie mich trotzdem gern.» Jugendlichen in unserem Setting fallen solche Aussagen nicht leicht.
Beziehung hin oder her, keine der jungen Frauen ist freiwillig im «Lory».
Deshalb bleibt die Arbeit anspruchsvoll. Es kann jederzeit zu Eskalationen kommen, und mit Ausrufen wie «Sie sind eine blöde Kuh!» oder anderen Beschimpfungen müssen Mitarbeitende umgehen können. Die Schemapädagogik hilft mit, solche Angriffe richtig einzuordnen. Aufgrund der besonderen Herausforderungen ist es mir wichtig, gut auf das Wohlergehen der Mitarbeitenden zu achten.
Wie erreichen Sie das?
Nach belastenden Vorfällen führen wir Nachbesprechungen durch, und je nach Situation gewähren wir den betroffenen Mitarbeitenden einen freien Tag zur Erholung. Ausserdem schauen wir viele Fälle gemeinsam an, überlegen, wie reagiert wurde und wie man anders hätte reagieren können.
Wo sehen Sie derzeit die grössten Herausforderungen?
Wir spüren den Fachkräftemangel. Unsere Klientinnen bringen oft schwere Missbrauchsgeschichten und Traumafolgestörungen mit, deshalb arbeiten wir eng mit der Psychiatrie und anderen Fachrichtungen zusammen. Inzwischen arbeiten bei uns auch Pflegefachpersonen Fachrichtung Psychiatrie. Gleichzeitig sind unsere Plätze so stark gefragt, dass wir nicht einmal mehr eine Warteliste führen: Wir können immer nur die allerdringendsten Fälle der Deutschschweiz aufnehmen.
Wie ist denn bei all diesen Herausforderungen die Stimmung im Haus?
Trotz allem ist Ruhe eingekehrt. Die Abläufe werden weiter laufend optimiert und die Mitarbeitenden ziehen mit. Im Team herrscht eine herzliche, unterstützende Atmosphäre – das ist wichtig, damit wir alle auch in schwierigen Situationen professionell bleiben können.
Wie fühlen Sie sich nach rund einem Jahr in Ihrer Rolle?
Es ist herausfordernd, aber ich fühle mich wohl. Ich habe inzwischen ein starkes Leitungsteam, und gemeinsam sind wir auf einem guten Weg in Richtung Stabilität.
Gibt es etwas, das Sie der Öffentlichkeit mitteilen möchten?
Eine Einweisung in eine geschlossene Einrichtung ist ein massiver Eingriff in die Persönlichkeit. Und ins Lory kommen nur die herausfordernsten jungen Frauen, bei denen alle bisherigen Massnahmen versagt haben. Umso wertvoller sind Momente wie das letzte Weihnachtsapéro, an dem uns die Jugendlichen voller Stolz ein selbstgedrehtes Video und ein Gedicht präsentierten. Das war genial, und solche Augenblicke zeigen, warum sich diese Arbeit lohnt.
Das Jugendheim Lory
Das kantonale Jugendheim Lory verfügt über 27 Plätze für junge Frauen zwischen 13 und 22 Jahren. Es umfasst eine geschlossene, zwei halbgeschlossene und eine offene Wohngruppe sowie Angebote für begleitetes Wohnen. Grundlage der Arbeit ist die Schemapädagogik: Diese richtet den Fokus auf Ressourcen, Beziehung und Entwicklung. Interne schulische und betriebliche Tagesstrukturen sowie therapeutische Angebote ergänzen das Angebot.
Die Direktorin
Die 47-jährige Tamara Mosimann-Huggler verfügt über einen Master of Advanced Studies in Bildungsmanagement. Sie ist Sekundarlehrerin und bringt langjährige Führungserfahrung als Schulleiterin mit, letzten Sommer hat sie eine Ausbildung in Kindes- und Erwachsenenschutzrecht abgeschlossen. Im Oktober 2023 startete sie als Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin Tagesbetreuung ad interim im Jugendheim Lory. Am 1. September 2024 übernahm sie die Direktion von Eliane Michel, die nach 26 Jahren in Pension ging.