Erfolgreiche Jagd auf Pinky, Greeny und Bluey
Asiatische Hornissen stellen für Honig- und Wildbienen eine grosse Gefahr dar. Hobby-Imker Jonas Lory aus Vechigen erzählt, wie er und seine beiden Söhne mithilfe von Dochtgläsern, Netzen und Acrylfilzstiften den Kampf zum Schutz ihres Bienenvolks aufgenommen haben.
Jonas Lory und seine beiden Söhne haben ein anstrengendes Wochenende hinter sich: Sie haben bei ihrem Bienenstock in Vechigen den Kampf gegen die asiatischen Hornissen aufgenommen. Dafür haben sie aufwendig und mit raffinierten Methoden herausgetüftelt, woher die gefrässigen Hornissen den Bienenstock anfliegen – und am Ende tatsächlich herausgefunden, in welchen Baum sie ihr riesiges Sekundärnest gebaut haben.
Aus fünfzig Hornissen werden fünfzig mal fünftausend
Das ist wichtig, um die rasante Ausbreitung der invasiven Hornissenart zu bremsen: In Sekundärnestern, die meist hoch oben in Bäumen hängen, werden die neuen Königinnen ausgebrütet. Ab Ende September schlüpfen sie, paaren sich und überwintern in einem Versteck.
Rund fünfzig neue Jungköniginnen überstehen den Winter, und jede von ihnen baut im Frühling ihr eigenes Primärnest. Das bedeutet fünfzig neue Völker, und jedes von diesen wächst durch den Sommer hindurch auf 3000 bis 5000 Hornissen an. Erschreckende Zahlen, die Jonas Lory, Bauunternehmer und Hobby-Imker, nicht tatenlos hinnehmen wollte.
Gelber Streifen und gelbe Füsse lassen keine Zweifel
Als er Anfang September beobachtete, wie asiatische Hornissen vor seinem Stock warteten und sich an seinen Bienen bedienten, war ihm daher sofort klar, dass er dieses Tun beenden muss. «Die Hornissen fliegen vor das Flugloch, drehen sich in Flugline der heranfliegenden, vollbeladenen Bienen, schnappen sie im Flug und reissen ihnen Kopf und Hinterteil ab», schildert er.
Umgehend meldete Jonas Lory seine Beobachtung samt Foto auf der Seite www.asiatischehornisse.ch: «Die Sichtung dieser Hornissen ist meldepflichtig, da es sich um eine invasive Art handelt.» Auf seinen Eintrag hin meldete sich Thomas Wegmüller bei ihm. Er ist Beauftragter in Sachen «Bekämpfung asiatischer Hornissen» beim Amt für Landwirtschaft und Natur, Inforama in Zollikofen, zudem ist er ebenfalls Imker und wohnt in Boll. Als «Scout» gab er Lory zusätzliche Tipps zum Schutz seines Bienenvolks, dann half er ihm bei den Vorbereitungen zur Suche des Hornissennests.
Dochtgläser zum Anlocken ...
Als erstes mussten die asiatischen Hornissen angelockt werden, damit Lory ihre Flugrichtung besser verfolgen konnte. Dafür bastelten er und seine Familie sogenannte Dochtgläser als Futterstellen (Details siehe Box unten). «Es dauerte ein paar Tage, bis die Hornissen die Dochtgläser in regelmässigen Abständen anflogen», erzählt er. Am letzten Samstag war es so weit: Jonas Lory, unterstützt von seinen Söhnen Loup und Milu, stellte sich mit einem Netz neben die Futterstelle, um die Hornissen einzufangen.
«Das Markieren der eingefangenen Exemplare war allerdings nicht ganz einfach», erzählt er. Zunächst mussten sie die Hornissen einzeln in eine Röhre bugsieren, die an einem Ende mit einem Fliegengitter verschlossen ist. Mit einem Schwamm drückten sie eine Hornisse gegen das Fliegengitter, und als sie so fixiert war, konnten sie ihr Hinterteil durch das Gitter markieren. Es funktionierte wie geplant, die Acrylfilzstift-Punkte leuchteten deutlich erkennbar in Rosa, Grün, Blau und Rot.
... und dann ging’s auf Verfolgungsjagd
Damit konnte die Verfolgung losgehen. «Schon bald flogen Pinky, Greeny, Bluey und Reddot eifrig von der Futterstelle zum Nest und zurück», beschreibt Jonas Lory. Seine Kinder hatten extra Merkblätter kreiert und an den Futterstellen befestigt, um vorbeigehende Leute über die Aktion zu informieren. Gemeinsam massen sie mit einer Stoppuhr die Zeit, die «Pinky und Co.» ab der Futterstelle und wieder zurück benötigten, und notierten diese sorgfältig.
Bald schon konnten sie daraus eine gewisse Regelmässigkeit erkennen, knapp drei Minuten benötigte ein Exemplar für einen Turnus. Gleichzeitig versuchten Lorys, die Flugrichtung der Tiere zu bestimmen: «Die Kinder rannten den davonfliegenden Hornissen nach, und bald erkannten wir eine grobe Richtung.» Anhand der Zeit liessen sie von künstlicher Intelligenz ausrechnen, in welcher Distanz das Nest liegen muss, und erhielten die Antwort, dass das Hornissennest in einer Entfernung von 200 bis 250 Metern liegen musste.
Zehn Meter neben dem Bahnhofweg
Zu Fuss machten sich die drei Lorys auf die Pirsch, und es dauerte nicht allzu lang, da erspähten sie das Nest – kaum zehn Meter neben dem viel begangenen Fussweg zum Bahnhof Vechigen. Ziemlich heikel, findet Jonas Lory: «Die Tiere sind dafür bekannt, dass sie ihr Nest bei der geringsten Erschütterung vehement verteidigen und im Schwarm angreifen.» Das Gift könne bei Menschen unerwartete Reaktionen hervorrufen, was besonders bei mehreren Stichen sehr gefährlich werden könne.
Auf der Facebook-Seite «Du bisch vo Vechigen, wenn» hat er es drastisch formuliert: «Achtung: Es besteht Lebensgefahr, nähern Sie sich dem Nest nicht unter zehn Meter! Die Hornissen verteidigen ihr Nest vehement!» Dass die asiatischen Hornissen weit aggressiver sind als die einheimischen, bestätigt auch Fachmann Thomas Wegmüller. Aus diesem Grund gibt er nicht bekannt, wann genau das Nest entfernt wird: «Wir wollen kein Publikum anlocken, das ist zu riskant», erklärt er.
Zurzeit 290 Nester im Kanton Bern gemeldet
Nur so viel: Die spezialisierte Firma taucht in den nächsten Tagen auf – so bald wie möglich, wie er sagt. «Zurzeit sind im Kanton Bern 290 Nester mit asiatischen Hornissen gemeldet, und es gibt nur wenige Schädlingsbekämpfungsfirmen, die auf die Bekämpfung von asiatischen Hornissen spezialisiert sind.» Um sie zu vernichten, werden die Fachleute mit einem lagen Rohr Aktivkohlepulver in die Nester pumpen, wodurch sowohl die Hornissen, die sich im Nest aufhalten, als auch die später hereinfliegenden Hornissen giftfrei vernichtet werden.
Nach ein paar Tagen ist das Volk vernichtet und das Nest kann von Fachleuten heruntergeholt werden. Das ist allerdings nicht zwingend nötig, da es sich Ende Herbst ohnehin leert, sobald die Jungköniginnen geschlüpft und ausgeflogen sind. Es wird nicht ein zweites Mal besiedelt, sondern zerfällt im Lauf des Winters. So oder so: Jonas Lory wird beruhigter schlafen, sobald er weiss, dass die Hornissen beseitigt und seine Bienen zumindest vorderhand wieder in Sicherheit sind.
«Einsatz lohnt sich»
Hornissenspezialist Thomas Wegmüller seinerseits ruft seit fünf Jahren immer lauter dazu auf, dass sich «alle, von Rösselerinnen, Hündelern, Gärtnerinnen bis Waldarbeitern» auf die asiatischen Hornissen achten und sie melden: «Dies ist Sache eines jeden Mitbürgers, einer jeden Mitbürgerin und geht nicht nur die Imkerschaft etwas an.» Er ist begeistert von diesem grossen persönlichen Einsatz: «Jonas Lory und seine Familie haben bewiesen, dass es sich lohnt und man es schaffen kann.»
Invasive asiatische Hornissen verbreiten sich rasant
Wer eine asiatische Hornisse sichtet, sollte diese sofort fotografieren und dies auf der Seite www.asiatischehornisse.ch melden. Auf dieser Karte werden nur überprüfte Sichtungen aufgeschaltet, auch in der Region sind bereits einige asiatische Hornissen gesichtet worden. Auf dieser Karte ist zu sehen, wo es bereits zu Hornissen-Beobachtungen gekommen ist.
Anfertigen eines Dochtglases
Das Dochtglas, das Jonas Lory und seine Kinder anfertigten, enthält als Lockstoff je einen Drittel Weisswein, Bier und Zuckersirup. Damit nicht einheimische Hornissen oder Bienen sich daran bedienen, hat er einen Schuss Schnaps zugegeben. Als Behälter dienten Configläser mit einem Schlitz im Deckel, durch den ein saugfähiges Tüchlein in die Flüssigkeit gesteckt wurde.
Gefahr für dieses Mal gebannt
Das Nest in Vechigen, dank dem persönlichen Einsatz der Famiile Lory aufgespürt, ist übrigens just dieser Tage von Spezialisten mit Aktivkohlestaub eingestäubt worden.