«Es braucht ein Herz und einen breiten Rücken»
Wenn Christine Hofer über ihre Zeit als Gemeindepräsidentin von Grosshöchstetten spricht, merkt man sofort: Wenn sie etwas anpackt, tut sie es mit Leib und Seele. Aber nun sei es Zeit für etwas Neues, sagt sie. «Und das ist ein gutes Gefühl.»
BERN-OST: Christine Hofer, können Sie sich noch an Ihren Einstieg im Gemeinderat erinnern?
Christine Hofer: Ich habe als Gemeinderätin mit dem Ressort Bildung gestartet und dachte: «So, nun packen wir es an!» (lacht) Doch schnell habe ich gemerkt, dass man viele zusätzliche Wege gehen muss, die man als Bürger:in kaum wahrnimmt. Es ist eine ganz andere Schuhnummer, als man es sich vorstellt. Ich war überrascht, wie viel man argumentieren und abklären muss, und wie wichtig es ist, sich im Ressort dossiersicher zu machen.
Und als Gemeindepräsidentin?
Als Präsidentin wollte ich in allen Ressorts fit sein, um grundsätzlich Auskunft geben zu können. Das beanspruchte viel Zeit, die ich mir bewusst genommen habe. Rückblickend merkt man erst, was dieses Amt wirklich bedeutet. Die Bevölkerung hat unterschiedliche Ansprüche und ist nicht immer gleicher Meinung wie der Gemeinderat. Da braucht es einen breiten Rücken. Ich bin ein Emmentaler-Meitschi und lernte bereits in früher Kindheit mit herausfordernden Situationen umzugehen, das hat mir geholfen.
Gab es Momente, in denen Sie an Ihre Grenzen kamen?
Ja, zum Beispiel bei der Schulschliessung. Eine junge Frau sagte mir vor versammelter Gesellschaft, ich solle mich schämen. Das hat mich getroffen. Ich bin ja auch dreifache Mutter und konnte durchaus verstehen, dass man bei diesem Entscheid nicht jubelte. Heute kann ich darüber schmunzeln. Aber solche Äusserungen steckt man nicht so leicht weg. Wichtig war für mich deshalb, mir einen Ausgleich zu schaffen: Joggen oder Wandern in den Bergen mit meinem Mann. Das gibt wieder Energie und Kraft.
Sie wirkten nach aussen oft gefasst und souverän. Täuscht dieser Eindruck?
Vor Leuten zu stehen fiel mir nie schwer. Aber auch vorne zu stehen, Kritik anzuhören oder Unstimmigkeiten auszuhalten, musste ich zeitweise auch lernen. Mir war immer wichtig, zu wissen, auf welchem Boden ich stehe. Damit meine ich meine Werte und das hat mir geholfen.
Gab es einen Moment, in dem Sie wirklich gespürt haben: «Jetzt bin ich Gemeindepräsidentin»?
Als mich Leute auf der Strasse ansprachen, die ich nicht kannte. Da wurde mir bewusst: Da ist man wohl jemand als Gemeindepräsidentin. Mein Antrieb war aber nie die damit verbundene „Macht“, sondern die Idee, mitwirken zu können. Als Gemeindepräsidentin wird man rund um die Uhr wahrgenommen, auch wenn man gerade nicht arbeitet.
Was hätten Sie sich selbst im ersten Jahr gerne gesagt?
Wahrscheinlich, dass ich Kritik nicht persönlich nehmen soll – sie betrifft die Gemeindepräsidentin, nicht mich als Christine Hofer.
Welcher Moment hat Sie besonders stolz gemacht?
Es gibt viele. Die Möglichkeit für eine Open Library hat mich sehr gefreut. Und die Zwischennutzung des Schulhauses in Schlosswil durch die Stiftung Passagio, das war ein echter Glücksfall. Die Sanierung des Freibads, die ich aus finanzieller Sicht zuerst etwas kritisch beäugte, finde ich nun richtig toll. Der Aufbau der Kollektivunterkunft verlief reibungslos, das war sehr zufriedenstellend.
Das sind schon ziemlich viele Momente …
Das stimmt. Stolz bin ich auch darauf, dass wir die erste Gemeinde mit einer Klimastrategie sind. Und die Entwicklung des Bahnhofareals war spannend, auch wenn es zeitweise stockte. Das hat sich geändert und es ist erstaunlich zu sehen, was entstehen kann, wenn die richtigen Parteien zusammenarbeiten.
Ihr Rücktritt – ist er eher mit Erleichterung oder Wehmut verbunden?
Beides. Bei einigen Projekten würde ich gerne noch dranbleiben, bei anderen ist es gut, dass neue Gesichter übernehmen. Ich habe meinen Rücktritt schon lange angekündigt, und es passt gut, dass die Legislatur nun zu Ende ist. Neue Ansichten und Argumente können im Gemeinderat nur bereichernd sein und sind auch wichtig.
Worauf freuen Sie sich persönlich ab Januar?
Ich freue mich darauf, dass keine Termine in der Agenda stehen (lacht). Im Januar möchte ich den Monat frei gestalten, Schneeschuhwanderungen, Skifahren und Zugreisen unternehmen. Ab Februar möchte ich als Hüttenwartin tätig werden. Zuerst in einer Winterhütte und später noch in einer Sommerhütte. Wenn die richtige Hütte, die mein Mann und ich bewirtschaften möchten, bereit ist, lassen wir uns auf dieses Abenteuer ein.
Werden sie Grosshöchstetten als Einwohnerin verlassen?
Nein, wir werden nicht wegziehen, wir fühlen uns hier in Grosshöchstetten wohl und es gibt keinen Grund, die Gemeinde zu verlassen. Gleichzeitig möchte ich meine Parteikollegin und Kollege weiterhin dort unterstützen, wo es nötig ist.
Was möchten Sie den Einwohnerinnen und Einwohnern zum Abschied mitgeben?
Begegnet den von euch gewählten Personen mit Respekt und Wertschätzung. Kritik darf sein, aber konstruktiv. Oder noch besser: Gleich mit Verbesserungsvorschlägen.
Ein letztes Wort?
Sprecht miteinander und kommuniziert nicht nur per Mail. Geht aufeinander zu, greift zum Hörer oder geht persönlich vorbei. Das ist in den letzten Jahren oft etwas verloren gegangen.