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Film über Flüchtlingshelfer*innen: Ex-Münsinger Michael Räber hat kein Vertrauen mehr in die offizielle Schweiz

Nur noch kurze Zeit läuft der Film "Volunteers" von Anna Thommen und Lorenz Nufer in den Schweizer Kinos. Einer der Protagonisten ist Michael Räber, der bis vor kurzem in Kiesen und davor in Münsingen gelebt hat. Mit seiner 2015 gegründeten Hilfsorganisation "Schwizerchrüz" war er mehrere Jahre auf den griechischen Inseln aktiv. Heute schickt Schwizerchrüz nur noch Geld, weil Helfer*innen in Griechenland zunehmend gebüsst werden. Am Donnerstag ist Räber im Berner Kino CineClub zu Gast. BERN-OST verlost zwei Tickets.

Michael Räber und Mitstreiter*innen. (Szenenbilder: volunteer-film.ch)

BERN-OST: Herr Räber, Sie pendeln seit mehreren Jahren zwischen Lesbos und der Schweiz hin und her. Wo sind Sie jetzt?

Ich wurde Ende 2019 von den griechischen Behörden mit hohen Bussen belegt, was mich zum Rückzug aus Griechenland bewegt hat. Ich halte mich in der Schweiz auf und bereise die EU nicht mehr.

 

Was ist passiert?

Im Oktober 2019 wurde unser Projekt kontrolliert. Die Behörden trafen 27 freiwillige Helfer*innen an. Obwohl wir belegen konnten, dass es sich um nicht entlöhnte Mithilfe handelt, wurden wir wegen Nichtbezahlen von Sozialversicherungsbeiträgen mit 12'000 Euro pro Person, also insgesamt 324'000 Euro gebüsst. Das Ereignis reiht sich ein in eine Kampagne gegen private Hilfe, so wie auch die Beschlagnahmung von Rettungsschiffen und Verhaftungen und Gefängnisstrafen wegen Spionage. Ich habe Glück, dass es bei mir nur um Administratives geht und dass ich Schweizer bin. Aber mir wurde klar, dass wir nicht mehr willkommen sind.

 

Wie läuft die Arbeit von Schwizerchrüz aktuell? 

Wir sind nicht mehr direkt auf der Insel tätig. Wir unterstützen Organisationen vor Ort, die wir persönlich kennen.


Sie sind nun seit einigen Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig. Wie hat sich diese Arbeit seither verändert?
Die Repression durch die griechischen Behörden hat zugenommen, Helfer werden gebüsst oder inhaftiert. Auch in der Schweiz werden jährlich hunderte von Menschen für Solidaritätsdelikte verurteilt.


Wie hat Sie diese Arbeit verändert? Politisch, persönlich, das konkrete Leben? Hat die Zeit auf Lesbos Ihre Sicht auf die Schweiz verändert?
Ich vertraue unseren Institutionen nicht mehr. Ich bin dankbar für sie, ich nutze sie, aber ich würde mich nie mehr auf sie verlassen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Schweizer Politiker und Politikerinnen für ihren Machterhalt eiskalt Kinder im Dreck leiden lassen.

 

Was sagen Sie zur aktuellen Situation im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, das gebrannt hat, und zur Umsiedlung ins neu errichtete Ersatzcamp?

Die offizielle Schweiz beteiligt sich mit Spezialisten an der Errichtung des neuen geschlossenen Internierungslager auf Lesvos für Menschen, die k   eine Verbrechen begangen haben. Der Bundesrat beteiligt sich damit aktiv an den Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Südgrenzen. Er hat nichts aus dem Bergier-Bericht gelernt. [Anmerkung der Redaktion: Gemeint ist der Bericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, der sich unter anderem mit der damaligen Flüchtlingspolitik befasst)]


Was möchten Sie unseren Leser*innen sagen? Was ist Ihre Botschaft oder was sind Ihre Forderungen an die Schweizer Politik?

Ich fordere die Einhaltung bestehenden Rechts. Ich fordere, dass die Politiker sich an die Kinderschutzkonvention halten, welche die Schweiz unterzeichnet hat. Ich fordere, dass keine Menschen in Länder zurückgeschafft werden, in denen sie unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen, das schliesst Griechenland mit ein.

 

Wann und wo wurde der Film "Volunteers" gedreht?

Der Film wurde ab 2016 hergestellt. Die Aufnahmen in Griechenland waren zu diesem Zeitpunkt bereits entstanden. Es handelt sich um die Privatarchive von Helfern und Helferinnen. Die Schweizer Ebene des Films wurde 2016 und 2017 gedreht.

 

Warum haben Sie bei dem Film mitgemacht?

Lorenz Nufer ist mein Cousin.

 

Sind Sie zufrieden damit, wie er die Situation und Ihre Arbeit darstellt?

Ich war hatte immer den Eindruck, dass es für uns in Griechenland schwierig war, den Menschen in der Schweiz zu vermitteln, was wir erleben. Ich habe versucht, Künstler zu motivieren, die Geschichten zu erzählen. Mit Anna Thommen und Lorenz Nufer sind zwei Künstler auf den Plan getreten, die das geschafft haben.

 

[i] Als zweiter Protagonist aus der Region ist in dem Film Michael "Grosi" Grossenbacher zu sehen. Der Komiker, Lehrer und Künstlermanager wohnt in Boll. Nach einer Auszeit als "Volunteer" bei Schwizerchrüz gründete seine eigene Hilfsorganisation “The Voice Of Thousands” und engagierte sich in diesem Rahmen vor allem für Familien auf der Flucht in schweren medizinischen Notsituationen. Mittlerweile ist er Co-Präsident des Dachverbandes der freiwilligen humanitären Hilfe Schweiz (Dahumas).

 

[i] Der Film "Volunteers" läuft zurzeit noch im Berner Kino CineMovie, im Kino Spiez, im Cinema Lenk, im Kino Krone in Burgdorf. Ab ungefähr Mitte November gibt es ihn auf den Plattformen myfilm.ch, filmingo.ch und cinefile.ch.

 

[i] Am Donnerstag, 8. Oktober läuft der Film im Berner Kino CineClub. Anschliessend Podiumsgespräch mit dem UNHCR Schweiz, der SAO Association und Michael Räber/Schwizerchrüz. Anwesend sind auch Regisseurin Anna Thommen und Regisseur Lorenz Nufer. Tickets online oder per Telefon 031 386 17 10. Zusätzlich verlost BERN-OST zwei Gratis Tickets. Schreiben sie dazu bis Mittwochnacht (7.10.2020) 24h ein Mail mit Ihrem Namen und Telefonnummer an info@bern-ost.ch. Der*die Gewinner*in wird am Donnerstagmorgen direkt benachrichtigt.

 

[i] Das Interview wurde zum grössten Teil schriftlich geführt.


Autor*in
Anina Bundi, anina.bundi@bern-ost.ch
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Erstellt: 07.10.2020
Geändert: 07.10.2020
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