Stiftung für Betagte Münsingen

Hier verlassen Verstorbene das Haus durch den Haupteingang

Im Alterszentrum Schlossgut Münsingen wird intensiv gelebt. Und am Ende auch gestorben. Aber so, wie das Leben gepflegt wird, möchte Geschäftsleiter Adrian Junker am Ende auch die Verstorbenen würdigen: Sie werden mit einem feierlichen Spalier durch den Haupteingang verabschiedet, statt still durch den Keller weggetragen.

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Geschäftsleiter Adrian Junker im Genussbistro des Alterszentrums Schlossgut: Hier treffen mittags Bewohnerinnen und Bewohner und Gäste aus dem Dorf zusammen. (Foto: cw)

Beinahe 101 Jahre alt wäre sie geworden, die älteste Bewohnerin des Alterszentrums Schlossgut. «Die letzten zwanzig Jahre hat die fröhliche alte Dame bei uns gewohnt, viele Leute gekannt und gute Laune verbreitet», erzählt Adrian Junker, Geschäftsleiter der Stiftung für Betagte Münsingen mit den Standorten Alterssiedlung Sonnhalde, Altersresidenz Bärenmatte und Alterszentrum Schlossgut. In der ersten Februarwoche, wenige Tage vor ihrem Geburtstag, ist sie für immer eingeschlafen.

 

Spalier zum Abschied

Als das Bestattungsinstitut sie abholte, verabschiedete sich das ganze Heim von ihr: Zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner bildeten ein Spalier, beim Eingang brannte die grosse Osterkerze der katholischen Pfarrgemeinde. Es herrschte eine andächtige Stimmung, als die Bewohnerin würdevoll im Sarg herausgefahren wurde. Durch den Haupteingang, so wie sie zwanzig Jahre zuvor eingetreten war.

 

Warum müssen sie zum Keller hinaus?

Das ist nicht selbstverständlich – in anderen Altersinstitutionen nicht, aber auch in Münsingen war es nicht immer so. Als Adrian Junker vor einem Jahrzehnt als Geschäftsleiter anfing, fragte ihn jemand von der Pflege fast ein wenig schüchtern: «Warum bringen wir eigentlich unsere Verstorbenen durch den Keller hinaus – dort, wo wir auch Kehricht entsorgen?» Junker stutzte, er war damals gerade 40 Jahre alt und noch weit weg vom Thema Sterben, fand aber die Frage berechtigt.

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Spontanes Treffen beim grossen Blumenstrauss: Adrian Junker ist zufrieden, wenn es Mitarbeiterinnen wie Denise Dubach (links) und den Bewohnerinnen wohl ist. (Foto: cw)

Einhelliger Wunsch: Durch den Haupteingang

Und er stellte sie jenen Menschen, die sie betrifft: den Bewohnerinnen und Bewohnern. Auf seiner persönlichen Begrüssungsrunde wollte er von allen einzeln wissen, welche Freuden und Wünsche sie hegen, ob sie Sterben und Tod fürchten, und zu guter Letzt: «Wie möchten Sie das Haus eines Tages verlassen?» Die Antworten seien postwendend gekommen, sagt er, und einhellig: «Ich möchte dort hinausgehen, wo ich hineingekommen bin: durch den Haupteingang.»

 

Ein würdiger Abschied ...

Das passte gut zu Junkers Haltung. Seither wird an allen Standorten ein Bild der verstorbenen Person aufgestellt, das Licht gedimmt und eine Kerze angezündet. «Das hat sich sehr bewährt», sagt er heute. «Dieser letzte Gang durch das Spalier ist immer ein sehr feierlicher Moment, wichtig für alle.» Manche verabschieden sich dabei von einer verstorbenen Person, einmal habe ein Sohn noch die Hand auf den Sarg seines Vaters gelegt und ihm gute Wünsche für die letzte Reise mitgegeben.  

 

... nach einem erfüllten Alltag

Bevor jedoch gestorben wird, und das ist Adrian Junker ebenso wichtig, wird an den Standorten intensiv gelebt. Manchmal nur ein paar Monate, manchmal über zwanzig Jahre. 89 Jahre alt sind die Bewohnerinnen und Bewohner im Durchschnitt. Da komme so viel gelebtes Leben zusammen, sagt er, dieses Leben soll nicht vor den Toren des Pflegeheims enden. Daher sorgt er, «zusammen mit meinen wunderbaren Mitarbeitenden» dafür, dass der Alltag lebendig, farbig und sinnhaft gestaltet wird. Es soll den Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch den Mitarbeitenden wohl sein: «Das ist ein Mehrwert für alle.»

Spass und Sinnhaftigkeit

Junker zeigt im hellen Restaurant auf die Konfitüregläser im Gestell – eingekocht von den Bewohnerinnen und Bewohnern, mit Früchten aus der Umgebung, ohne Zusatzstoffe und nach dem Spezialrezept eines Bewohners. Auch manche Sonntagszüpfe sei schon von den alten Menschen gebacken worden. «Das macht Spass und ist erst noch sinnstiftend.» Freude bereiten auch die Tiere, die den Alltag beleben: Wer in die Stiftung für Betagte einzieht, darf die Katze mitbringen. Zugleich nehmen die Mitarbeitenden bei Bedarf auch schon mal ihre Kinder zur Arbeit mit, einige auch ihren Hund.

 

YB-Match und BEA-Besuch

Für Farbe im Alltag sorgen auch Ausflüge, die Adrian Junkers Teams mit den Bewohnerinnen und Bewohnern machen – teils überraschende Unternehmungen: «Wir besuchten auch schon mit einer Gruppe Bewohnerinnen und Bewohner einen YB-Match samt Bratwurst und Bier», erzählt er schmunzelnd. «Einmal stand ein Bräteln auf dem Programm, und ein anderes Mal wünschte sich eine Bewohnerin zum Geburtstag einen gemeinsamen BEA-Besuch.»

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Auf dem Tisch ein Foto und eine Kondolenzliste, davor die brennende Osterkerze: Hier stellen sich alle zum Spalier auf, wenn Verstorbene zum Haupteingang herausgefahren werden. (Foto: zvg)

Nicht verstaubt, sondern volles Leben ...

Er nickt, ja, das gehe auch mit sehr alten Menschen prima, wenn man das wolle. «Viele sind dabei so richtig aufgelebt.» Altersinstitutionen, fügt er hinzu, müssten nicht zwingend verstaubt sein. Im Genussbistro beispielsweise werde es in einer Stunde rumsvoll, wenn sich Bewohnende und Gäste aus ganz Münsingen zum Mittagessen einfinden, und Junker freut sich: «So holen wir viel Leben in das Alterszentrum, das gibt eine wunderbare Natürlichkeit.»

 

... manchmal gleichzeitig mit dem Sterben

Denn die Stiftung für Betagte biete Raum für fröhliches Leben – und für würdige Abschiede. Manchmal passiert auch beides gleichzeitig: Dann spielen Kinder lebhaft in der Spielecke, während neben dem Eingang die Osterkerze angezündet wird und sich die Bewohnerinnen und Bewohner zum Spalier aufstellen, um wieder jemanden von ihnen feierlich zu verabschieden. Durch die Haustür, durch die sie einst eingetreten sind.

Stiftung für Betagte Münsingen

In Münsingen machen Menschen über 65 mehr als einen Viertel der Bevölkerung aus – mehr als in manchen umliegenden Gemeinden. Diese Menschen brauchen im hohen Alter einen Ort, an dem sie gut leben können. Die Stiftung für Betagte bietet an drei Standorten ein Zuhause für insgesamt für 130 Bewohnerinnen und Bewohner: Im Alterszentrum Schlossgut wohnen 63 pflegebedürftige Menschen. Ausserdem bietet die Stiftung 38 Alterswohnungen, 15 davon in der Alterssiedlung Sonnhalde und 23 in der Altersresidenz Bärenmatte, und weitere 25 Pflegeplätze in der Bärenmatte.

 

Die neun Sonnenbubbles

Das Logo der Stiftung zeigt eine stilisierte Sonne mit neun Punkten als Sonnenstrahlen: Die neun Sonnenbubbles, wie Geschäftsleiter Adrian Junker sie nennt, sind Zeichen für den Lauf der Sonne vom Aufgang bis zum Untergang – und für die neun Entwicklungsstufen des menschlichen Lebens. «Wer hier wohnt, lebt quasi im letzten der neun Kreise», sagt Junker. «Aber auch diese Phase soll mit Freude und Lebensqualität erfüllt sein.»

 

Mehr Informationen zur Stiftung für Betagte Münsingen 


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 07.02.2026
Geändert: 07.02.2026
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