«Ich bin Tourist, nicht Terrorist»
Dreieinhalb Monate war Hansjörg Steck aus Konolfingen mit seinem Camper unterwegs. Er suchte die Stille in den Bergen, schlug sich mit korrupten Beamten rum und wurde vom russischen Geheimdienst aufgehalten.
Ein Kampfjet fliegt tief über Hansjörg Stecks Camper hinweg. Erst findet er das spannend. Dann denkt er: Da stimmt etwas nicht. Der Konolfinger ist mit seinem Camper in Russland unterwegs. Was er nicht weiss: Er ist in ein militärisches Sperrgebiet gefahren.
Eine Tafel hätte ihn gewarnt. Doch die war auf Kyrillisch. Steck wird von der Polizei angehalten. «Sie sagten, ich könnte ein Spion sein.» Dann kommt der russische Geheimdienst FSB und er kam sich vor wie in einem Bond-Film.
Nach der Busse gings weiter
Ein Nachmittag zwischen Verhörraum und Zelle folgt. Endloses Warten ohne Handy und Pass. Fingerabdrücke werden genommen, seine Schuhsohlen fotografiert. Am Ende bezahlt er eine Busse von umgerechnet 20 Franken und darf weiterfahren.
«Ich habe das Abenteuer schon gesucht, manchmal war es auch zu viel», sagt er lachend. Im Nachhinein kann er darüber schmunzeln.
Von Bigenthal in die weite Welt
Steck ist 68 Jahre alt. Vor über vierzig Jahren gründete er die Steck Automobile AG in Bigenthal. Zur Pension übergab er die Firma. «Ich habe losgelassen.» Langweilig wird es ihm nicht: Er fährt Harley, hat ein Motorboot sowie einen kleinen Rebberg im Wallis. Und einen Camper, mit dem er weiter fährt als bis zum nächsten Campingplatz.
Sein Ziel war der Pamir Highway in Tadschikistan. «Ich wollte dort schon immer hin.» Die Reise führte ihn über den Balkan und Georgien nach Russland und weiter nach Zentralasien.
Die Stille auf 4000 Metern
Im Pamir fährt er lange auf über 4000 Metern Höhe. Die höchsten Berge sind über 6000 Meter hoch und ragen nur als Spitzen am Horizont auf. «Es ist beeindruckend, man wird demütig.» Ihm gefallen die Stille, die Weite und die Einsamkeit. «Man geht nicht mehr allzu weit zu Fuss. Die Luft ist dünn dort oben.»
Hinter dem Steuer gibt es dagegen genug zu tun. Die Strassen sind voller Löcher. «Man ist immer am Arbeiten.» Immerhin spielt das Wetter mit. Regen, Erdrutsche und Steinschlag bleiben ihm erspart. Nur einmal versinkt sein Camper bis zur Achse im Schlamm. «Da hatte ich schon kurz Herzklopfen.» Aber dank Differenzialsperre und Allrad kann er problemlos weiterfahren.
«Ich bin Tourist, nicht Terrorist»
Am mühsamsten sind die Grenzkontrollen. Schon bei der Einreise nach Russland wartet Steck über zwölf Stunden. Sein Camper wird durchsucht, alles wird hinterfragt und auseinander genommen. Angst habe er nicht gehabt. «Man muss ruhig bleiben und warten.»
An einem kleinen Grenzposten zwischen Kasachstan und Usbekistan wird seine Geduld strapaziert. Laut Steck verlangen die Grenzer umgerechnet 50 Franken Schmiergeld. Er will nicht zahlen. «Aus Prinzip!» Vier Stunden lassen sie ihn in der Sonne stehen. Danach durchsuchen die Zöllner zu viert seinen Camper. «Das ging zu weit», erzählt er.
Steck geht ins Büro des Chefs und beschwert sich energisch: «Ich bin Tourist, nicht Terrorist», sagt er. Daraufhin sei die Untersuchung plötzlich fertig gewesen.
Wenn man die Zöllner wecken muss
Manchmal wählt er auch den einfacheren Weg. An anderen kleinen Grenzübergängen geht er rein, weckt die Zöllner und bezahlt. Dann geht die Barriere rasch hoch. Fürs Schmieren muss er in der Regel zwischen zehn und zwanzig Franken hinlegen. Manchmal reicht auch ein Snickers.
Kaum hat er die Grenze überquert, folgt der nächste Posten: In jedem Land muss er eine Fahrzeugversicherung abschliessen. Kostenpunkt: rund 50 Franken. Ob diese je zahlen würde, bleibt ein Geheimnis.
Der Garagist reist mit
Auf den Strassen warten Schlaglöcher, tagelange Schotterstrecken und Tiere. Kamele, wilde Pferde, Schafe und Kühe halten sich nicht an Verkehrsregeln. Steck fährt deshalb fast nie nachts.
Der Camper hält durch. Nur einmal beim Aralsee, «der gar kein See mehr ist», verliert er Diesel. Ein Schlauch muss ersetzt werden. Werkzeug hat der ehemalige Garagist dabei und repariert selbst. «Das Auto ist nie stehengeblieben», sagt er.
Sein Können spricht sich unterwegs auch rasch herum. Als er einem Jungen hilft, sein Velo zu reparieren, kommen immer mehr Leute, die auch etwas flicken lassen möchten. Seine Garage zuhause hat er abgegeben, die Kunden findet ihn trotzdem. Auch im fernen Asien.
Vom Essen und italienischem Wein
«Ich traf viele flotte Leute.» Steck übernachtet zwischendurch in Hotels oder bei Privaten. Essen geht er oft in Restaurants, obwohl er sich selbst als heikel im Essen beschreibt. «Das Essen war gut.» Er ernährt sich von Teigtaschen, Gemüse und Fladenbrot.
Überrascht ist er vom Angebot in russischen Läden. «Die Gestelle sind voll. Nestléprodukte, italienischer Wein, alles in Mengen.»
Andere Reisende trifft er unterwegs kaum. Anfangs sieht er noch deutsche Camper. Je weiter er reist, umso seltener werden Touristen. Auf dem Pamir Highway sieht er einen Laster mit Schweizer Nummern, doch dieser fährt weiter.
Der Camper wird doch nicht verkauft
Für die Rückreise meidet er Russland, fährt via Westkasachstan und nimmt von dort die Fähre nach Aserbaidschan.
Nach dreieinhalb Monaten und über 22'400 Kilometern ist er wieder in Konolfingen. «Ich schätze es schon, wie perfekt hier alles ist. Aber man sieht: Es geht auch einfacher.» Das Wilde und Unregulierte hat ihm gefallen. «Das Chaos, das trotzdem funktioniert.»
Würde er die Reise nochmals machen? «Auf jeden Fall, aber Russland würde ich auslassen.» Den Camper wollte er eigentlich verkaufen. Daraus wird vorerst nichts. Nächstes Jahr will er ihn nach Montevideo in Uruguay verschiffen. Danach soll es Richtung Feuerland und Chile gehen. «Mal schauen», sagt er, steigt auf seine Harley und tuckert nach Hause.
Die Reise in Zahlen
Start: Konolfingen
Reiseziel: Dem Pamir Highway entlang bis Osch, Kirgisistan
Dauer: April bis Juli 2026
Distanz: rund 22'400 Kilometer
Fahrzeug: VW Amarok mit Geocar-Wohnkabine und Allradantrieb
Besuchte Länder: Italien, Slowenien, Kroatien, Serbien, Türkei, Georgien, Russland, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Aserbaidschan
Hinreise: über den Balkan, Georgien, Russland und Zentralasien
Rückreise: über Westkasachstan, mit der Fähre nach Aserbaidschan, Türkei und weiter Richtung Schweiz
Höchster Punkt: 4666 Meter über Meer
Ausgaben für Diesel, Essen und Trinken: rund 10'000 Franken
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