«Ich flippe noch heute aus»
Acht Kürbisse am Strassenrand bildeten den Anfang. Heute wachsen auf dem Brunnenhof in Oppligen rund 120 Sorten. Christian Tschanz baute den Kürbisanbau auf, Sohn Adrian führt ihn weiter. Trotz Erfahrung und treuer Kundschaft bleiben vor jeder Eröffnung dieselben Bedenken: Werden all die Kürbisse einen Käufer finden?
Die Geschichte beginnt vor einem Laden in der Nähe von Nyon. Auf der Eingangstreppe liegen leuchtend rote Kürbisse der Sorte «Rouge vif d’Etampes». «Sie haben uns so gut gefallen, dass wir einen kauften und nach Hause nahmen», erzählt Christian Tschanz.
Adrian Tschanz ist damals elf Jahre alt. Im folgenden Frühling pflanzt seine Schwester Blumen in ihr Gartenbeet. Adrian setzt einige Kürbissamen. «Ich hatte keine Lust, mich gross darum zu kümmern und zu jäten», erinnert er sich lachend. Die Rechnung geht nicht auf. Aus den zwei oder drei Samen wachsen Pflanzen, die bald das ganze Gartenbeet einnehmen.
Die Familie kann die Kürbisse nicht alle selbst verwerten. Christian Tschanz stellt acht Stück zu den Äpfeln, Baumnüssen und Sonnenblumen, die bereits an der Strasse ab Hof verkauft wurden. «Innerhalb weniger Tage waren die Kürbisse weg», sagt Adrian. Christian sieht in der Nachfrage eine Chance, das Angebot deutlich zu erweitern.
«Wir waren schon etwas blauäugig»
Aus dem Versuch im Garten wird ein neuer Betriebszweig. Kürbisse kennt man in der Schweiz damals vor allem als Viehfutter. Die Auswahl ist klein, rund acht Sorten sind erhältlich. Eine Saatgutfirma in Frankreich führt dagegen bis zu 70. «Ich meldete mich noch mit einem Brief an», erinnert sich Christian. «Es war eine tolle Zeit. Wir wagten etwas, das hier sonst noch niemand in diesem Ausmass machte.»
In den Schulferien fährt die Familie regelmässig nach Frankreich und kauft Saatgut für die nächste Saison. Bald wachsen auf 6000 Quadratmetern Kürbisse, ohne dass Christian weiss, ob er sie verkaufen kann. «Wir haben einfach mal angepflanzt. Wir waren schon etwas blauäugig.»
Damit aus dem Anbau ein Geschäft wird, braucht es Abnehmer. Christian wendet sich an François Loeb, den damaligen Seniorchef des Berner Warenhauses Loeb. Er fragt, ob die Familie dessen 17 Schaufenster mit Kürbissen dekorieren dürfe. «Einen Tag später waren die Dekorateurinnen bei uns und unsere Kürbisse gingen nach Bern», erzählt er. Kurz darauf meldet sich auch Globus. Die Früchte aus Oppligen stehen in Schaufenstern, auf der Gasse und in der Delikatessenabteilung. «Das war unser Startschuss. Wir bekamen eine unglaubliche Aufmerksamkeit.»
Mit der Bekanntheit wächst auch der Betrieb. Aus den anfänglich rund 60 Sorten sind 120 geworden. Die Anbaufläche hat sich in 30 Jahren verfünffacht. Christians Begeisterung ist geblieben. «Ich flippe auch heute aus, wenn ich von einer Sorte, die ich schon lange kenne, ein perfektes Exemplar sehe.»
15’000 Pflanzen und eine kleine Party
Bevor ein solches Exemplar in der Ausstellung steht, vergehen Monate. Die nächste Saison beginnt bereits im Winter. Adrian und sein Team entscheiden, welche Sorten sie anbauen und wie viele Pflanzen es davon braucht. Dabei helfen die Erntemengen der vergangenen Jahre. «Wir dokumentieren jedes Jahr, wie viel wir von jeder Sorte ernten», sagt Adrian. «Daraus können wir gute Schlüsse für die folgenden Jahre ziehen.»
Neben den Zahlen spielen die Wünsche der Kundschaft eine Rolle. Früher waren möglichst bunte Zierkürbisse gefragt. Heute suchen viele Leute weisse, graue, blassrosa oder pastellfarbene Früchte. «Ich finde es spannend, wie sich das verändert hat», sagt Adrian. «Das berücksichtigen wir bereits bei der Saatgutbestellung.»
Was im Winter geplant wird, beginnt im Frühling von Hand. Jeder Samen kommt einzeln in eine Saatschale. Die Pflanzen wachsen im Gewächshaus, bis sie das fünfte Blatt gebildet haben. Auf den vorbereiteten Feldern verlegt das Team eine biologisch abbaubare Mulchfolie aus Maisstärke und einem Nebenprodukt von Zuckerrüben. «Sie hält das Unkraut zurück, speichert Feuchtigkeit und sorgt dafür, dass der Boden schneller warm wird», erklärt Adrian.
Danach folgt einer der wichtigsten Tage des Jahres. Am Setztag kommen rund 20 Personen auf den Hof. Angestellte, Familienmitglieder, Freunde und Bekannte bringen gemeinsam etwa 15’000 Pflanzen an einem Tag in die Erde. Einige Helfer sind jedes Jahr nur an diesem Tag dabei. «Wir beginnen am frühen Morgen und feiern am Abend bei einem Bier den Start in die Saison», sagt Adrian. «Das ist inzwischen fast legendär.»
Mit der Party endet der Setztag, nicht aber die Handarbeit. Danach sind Adrian und seine Leute fast täglich auf dem Feld. Mindestens zweimal jäten sie um jede Kürbispflanze von Hand. Mittel gegen Unkraut, Insekten oder andere Schädlinge setzt der Brunnenhof nicht ein. Durch die verlegte Bio Mulchfolie ist auch eine mechanische Unkrautbekämpfung keine Option. «Das bedeutet für uns mehr Handarbeit», erklärt Adrian. «Auf lange Sicht haben wir dafür gesündere Böden.»
Auch bei der Ernte bleibt Sorgfalt wichtiger als Tempo. Menschen aus verschiedenen Berufen helfen während dieser Wochen auf dem Hof. Akkordarbeit gibt es nicht. «Die Qualität ist uns wichtiger als die Menge», sagt Adrian. «Es ist sogar so weit gekommen, dass ein seltenes Exemplar einmal auf dem Schoss eines Mitarbeiters auf dem Traktor das Feld verlassen durfte.»
Hitze bringt kleinere Früchte
Wie gross und schön die Kürbisse werden, entscheidet nicht allein die Arbeit. Ebenso wichtig ist das Wetter. Kürbisse stammen ursprünglich aus Südamerika und mögen Wärme, erklärt Christian. «Lieber acht Wochen heiss als acht Wochen kalt und Regen», sagt Christian. Doch die Hitze in diesem Jahr brachte auch die Kürbisse an ihre Grenze. «So wie dieses Jahr war es auch für uns an der oberen Grenze.»
Vor allem das fehlende Wasser hinterliess Spuren. Die Pflanzen reichen mit ihren Wurzeln tief in den Boden. Unter der Mulchfolie bleibt die Erde länger feucht. «Das Einzige, was uns Sorgen machte, war das Wasser», sagt Christian. Trotz der tiefen Wurzeln sind viele Früchte kleiner als sonst. Besonders stark trifft die Trockenheit einige asiatische Sorten. Dort liegen die Ertragsausfälle teils bei über 50 Prozent.
Die Hitze beeinflusst nicht nur die Grösse, sondern auch den Zeitpunkt der Ernte. Diese begann eine Woche früher als üblich. «Wir wollten damit Sonnenbrand verhindern», sagt Adrian. Vor allem dunkle Sorten heizen sich unter direkter Sonneneinstrahlung stark auf. Die Schale kann aufreissen. Solche Früchte gelangen nicht in den Verkauf, werden aber nicht weggeworfen. «Wir schneiden die beschädigte Stelle weg und verwerten so viel wie möglich selbst.»
Nach der Ernte folgt die genaue Auswertung. Geerntet wird Sorte für Sorte. So kann Adrian festhalten, wie viel jede Einzelne gebracht hat. «Wir wollen genau wissen, wie viel wir von welcher Sorte ernten konnten.» Danach werden die Kürbisse gewaschen, gewogen und einzeln angeschrieben.
Die viele Arbeit schlägt sich im Preis nieder. Bei den Kilopreisen orientiert sich der Brunnenhof an den Empfehlungen der Gemüseproduzenten. Die Preise liegen eher im oberen Bereich der empfohlenen Spanne. «Bei uns fällt sehr viel Handarbeit an», erklärt Adrian. Mehr kosten auch seltene Sorten und Pflanzen, die viel Platz brauchen, aber weniger Früchte liefern.
Instagram statt eigener Werbung
Die Vielfalt orientiert sich an der Kundschaft und ihren Wünschen. «Die Nachfrage in der Gastronomie hat nachgelassen, die Floristik hat dafür zugelegt», sagt Adrian.
Eine besonders treue Kundengruppe ist die asiatische Gemeinschaft in der Schweiz. Manche reisen aus Zürich an, kaufen grössere Mengen und verteilen die Kürbisse an Bekannte im ganzen Land. «Sie kennen diese Sorten aus ihrer Heimat», sagt Christian. Dunkelgrüne Kürbisse kauften lange fast nur asiatische Kunden. Inzwischen interessieren sich auch immer mehr Schweizer dafür. «Langsam kommen auch die Schweizer auf den Geschmack», sagt Adrian.
Statt möglichst bunter Zierkürbisse sind vermehrt helle und dezente Töne gefragt. Gleichzeitig erreicht die Ausstellung über soziale Medien ein neues Publikum. Viele Besucher fotografieren die Kürbisse und markieren den Brunnenhof auf Instagram. «Wir haben zwar einen eigenen Account, sind aber nicht wirklich aktiv», sagt Adrian. «Die Markierungen übernehmen das für uns.»
Mitte September stehen meist alle Sorten bereit. Einige Besucher wissen genau, was sie wollen, und sind nach zwei Minuten wieder weg. Andere verbringen eine halbe Stunde, manchmal mehrere Stunden auf dem Hof. «Einige bringen ihre geflochtenen Körbe mit und schauen, wie die Kürbisse darin wirken», erzählt Christian.
Selbst Christian und Adrian fragen sich manchmal, ob jemand den Preis bezahlen wird für besonders spezielle Früchte. Eine Dekorateurin lieferte Christian einmal den passenden Vergleich: «Sie sagte mir, ein schöner Blumenstrauss koste 50 Franken und halte eine bis zwei Wochen. Ein Kürbis zum gleichen Preis halte mehr als zwei Monate.»
Für Adiran und Christian sind solche Früchte mehr als Ware. «Es ist ein Kunstwerk, das die Natur geschaffen hat.» Besonders schöne Stücke würde er manchmal am liebsten behalten. Meist stehen sie kurze Zeit später in der Eingangshalle eines Hotels, Geschäfts oder einer Bank.
Der Vater bleibt, der Sohn führt weiter
Bei aller Faszination bleibt der Kürbisanbau ein Geschäft mit einem kurzen Zeitfenster. Wenn Christian und Adrian die Ausstellung vorbereiten und die grosse Menge an Kürbissen vor sich sehen, kommen jedes Jahr Zweifel auf. «Dann denken wir schon: Verkaufen wir das alles? Ist es noch gefragt?», sagt Adrian. Die Anspannung legt sich erst, wenn die ersten Früchte verkauft sind und das Team die Lücken auffüllen muss. «Das ist dann schon beruhigend.»
In den rund 100 Verkaufstagen verlassen im Schnitt etwa 500 Kilogramm Kürbisse pro Tag den Brunnenhof. Der Standort an der Hauptstrasse hilft. Rund 14’000 Fahrzeuge fahren täglich am Hof vorbei. «Für viele ist diese Strasse ein Fluch oder ein Segen», sagt Adrian. «Für uns ist sie eine wertvolle Plattform.»
Während sich die Kundschaft und der Anbau verändern, bleibt der Brunnenhof in der Familie. 2022 kaufte Adrian den Landwirtschaftsbetrieb seinen Eltern ab. Christian und seine Frau wohnen weiterhin auf dem Hof und helfen so viel mit, wie sie wollen und können. «Das Fachwissen meiner Eltern ist unbezahlbar», sagt Adrian.
Damit setzt sich die Kürbisgeschichte in der nächsten Generation fort. Adrian hat zuerst Koch gelernt und ist später auf den Hof zurückgekehrt. Heute kennt er jede Sorte auf dem Feld. Seine eigenen Kinder beginnen ebenfalls, die verschiedenen Kürbisse zu unterscheiden. «Es hat mich schon immer interessiert», sagt Adrian. «Nun ist es bei meinen Kindern ähnlich.»
Am direktesten erlebt die Familie ihre Kunden an den Wochenenden. Dann steht sie allein im Verkauf. Beim Auffüllen kommt Adrian regelmässig mit Besuchern ins Gespräch. «Manchmal bin ich mit jemandem am Fachsimpeln und plötzlich stehen noch viel mehr Leute darum herum», erzählt er.
Wenn die Ausstellung nach Monaten der Arbeit öffnet, freuen sich Vater und Sohn noch immer. Für Adrian ist sie der sichtbare Lohn für den ganzen Frühling und Sommer. «Es macht mega Spass», sagt er. Christian erfüllt es mit Stolz, wenn schöne Kürbisse bereitliegen.
Zur Freude kommt der wirtschaftliche Druck. In diesen Wochen entscheidet sich, ob die Rechnung für das Jahr aufgeht. «Das ist unsere Einnahmezeit», sagt Adrian. «Das Geld muss für die Maschinen, Löhne, Rückstellungen, Saatgut, Pflanzenschutz, Unterhaltsarbeiten und den Lebensunterhalt unserer Familie bis zum nächsten Jahr reichen.»
Ein Jahr voller Highlights
Der Brunnenhof feierte sein 30-jähriges Bestehen über das ganze Jahr hinweg. Zum bisherigen Jubiläumsprogramm gehörten ein Konzert, ein Kinderfestival und ein Abend mit einer Geschichtenerzählerin für Erwachsene.
Als nächster Höhepunkt folgt der Jubiläumskürbismärit am 19. & 20. September. Nebst musikalischer Unterhaltung und Kinderschminken gibt es diverse Gastaussteller präsentieren Holzhandwerk, Floristik, Schmuck und Schnaps. Bereits am Vortag (18. September) öffnet der Brunnenhof sein Kürbisfeld für angemeldete Besucherinnen und Besucher. Ein Lernpfad vermittelt Wissen über den Anbau. Daneben bleibt Raum für Fragen und Diskussionen.
So führt das Jubiläumsjahr dorthin, wo die Geschichte des Brunnenhofs seit 30 Jahren jedes Frühjahr neu beginnt: mitten ins Kürbisfeld.
Für Adrian und Christian Tschanz «gibt es das ganze Jahr über Highlights», doch dieses Jahr wird bestimmt als ganz besonderes sein für den Brunnenhof in Erinnerung bleiben.