Wattenwiler Original blickt zurück

«Ich war immer ein Rebell»

Hans Schneider aus Wattenwil ist 87 und hat viel erlebt. Er hatte einen Bauernhof, reparierte Motorsägen und reiste mit dem Traktor bis nach Polen. Heute lebt er mit seiner Frau im Stöckli. Als er zu erzählen beginnt, springt er schnell von einer Geschichte zur nächsten.

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Käthi und Hans Schneider: «Früher sind wir über Auffahrt nach Südfrankreich gefahren.» (Foto: rb)

Kennengelernt haben wir Hans Schneider wegen eines alten Fotos aus Wattenwil. Für eine Recherche zu einer Aufnahme des Fotografen Paul Senn sucht die Redaktion nach einer Frau, die auf dem Foto zu sehen ist. Schneider meldete sich mit einem Hinweis: Eine ältere Nachbarin kenne die Frau auf dem Bild. Beim Gespräch über das Foto begann Schneider aus seinem Leben zu erzählen. Wir setzten uns und tranken einen Kafi.

 

Vier Generationen auf dem Hof

«Ich war immer ein Rebell», sagt Schneider. Auch politisch sei er nicht immer mit allem einverstanden gewesen. Viel prägender für sein Leben waren aber der Hof und die Arbeit.

 

Schneiders Urgrossvater kaufte den Hof am Laichbachweg. Sein Grossvater begann dort vor über hundert Jahren zu bauern, später übernahm sein Vater, und Anfang der 70er Jahre war Hans Schneider an der Reihe. Damals gehörten elf Kühe zum Betrieb. Dazu kamen Ackerbau, Wald und Holzarbeiten.

 

Schneider betrieb zudem eine Motorsägenwerkstatt. Er handelte mit den Maschinen und reparierte sie. Wenn er an die Arbeit auf dem Hof zurückdenkt, sagt er: «Damals reichte ein Traktor mit 25 PS.» Heute stünden auf den meisten Bauernhöfen Maschinen mehr als 100 PS. «Man denkt, es gehe nicht mehr anders.» Es hat sich viel verändert, seit Hans Schneider noch selbst «buuret het».

 

Die Milch brachten sie mit Ross oder Traktor in die Käserei Schlattacher zwischen Wikartswil und Wattenwil. Auf dem Hof wurde mit Pferden gearbeitet, gleichzeitig kamen Motormäher, Kreiselheuer und Traktoren zum Einsatz.

Die Liebe, Käthi und die Tanzsonntage

Seine Frau Käthi lernte Schneider in der Landwirtschaftsschule im Münsinger Schwand kennen. Sie arbeitete dort in der Küche. «Man hat immer gemerkt, wer Frühstück gemacht hat», sagt er, und muss lachen. «Wer das grösste Frühstück gemacht hat. Das war die Kleine.»

 

Mit der «Kleinen» meint er seine jetzige Frau. Zum Kennenlernen gingen die beiden an Tanzsonntage auf dem Land. Tanzen konnte man damals nicht rund um die Uhr. An welchen Sonntagen getanzt werden durfte, bestimmte damals der Kanton. Oder war's die Kirche? Er weiss es nicht mehr so genau.

 

Tanzen gingen sie in den Bären in Boll, zum Durstigen Bruder in Utzigen oder manchmal auch ein wenig weiter auf die Bütschelegg. «Aber das wars wert, weil dort eine hübsche Dame servierte», wieder lacht Schneider und sein Lachen steigert sich in einen Hustenanfall.

 

Doch, doch es gehe im gut. Er habe früher halt viel geraucht. Heute rauche er nicht mehr, was geblieben sei, ist der Husten.

 

Trauriger Todesfall

Seit 61 Jahren sind die beiden verheiratet. Sie hatten fünf Kinder, wobei heute nur noch vier leben. Einer ihrer Söhne verunglückte mit 20 Jahren tödlich. Er hatte Landmaschinenmechaniker gelernt und wollte später auf dem Hof mitarbeiten. Bei Vorbereitungen für den Aufbau einer Disco fielen zwei Stapler auf ihn. «Er wollte mir doch auf dem Bauernhof helfen, und ich ihm mit den Landmaschinen», sagt Schneider und schüttelt den Kopf. Sein Sohn kämpfte noch, doch 14 Tage später war er tot. Ein trauriges Kapitel.

 

Der Hof blieb dennoch in der Familie. Sein anderer Sohn konnte ihn wegen einer Heu-Allergie nicht übernehmen. Heute führt seine Tochter Brigitte den Betrieb. Aus dem Bauernhof mit Kühen wurde eine Pferdepension. Schneider und seine Frau wohnen im Stöckli.

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Mit diesem Traktor fuhr Hans Schneider nach Polen. (Foto: rb)

Südfrankreich mit dem Traktor nach Polen

Schneider war auch ausserhalb von Wattenwil unterwegs. In jüngeren Jahren fuhr er zwischen Auffahrt und Sonntag mit seiner Frau nach Südfrankreich, nach Sète. «Dort haben wir mehr erlebt als das ganze Jahr hindurch», sagt er und lacht.

 

Noch weiter ging es vor rund 20 Jahren. Schon lange wollte er seine ehemaligen Gastarbeiter in Polen besuchen. Da seine Frau hatte keine Zeit für eine Reise hatte, setzte er sich auf seinen Traktor und fuhr los.

 

Von der Schweiz ging es durchs Elsass, bis hoch nach Ostfriesland, dann Richtung Halle in den Osten. Er tuckerte weiter mit seinem alten Traktor, der nicht schneller als 19 km/h rollte. Er fuhr durch Warschau bis nach Lublin. Dort besuchte er Leute, die früher auf seinem Hof ausgeholfen hatten. Insgesamt legte er auf seiner Reise um die 6000 Kilometer zurück. Wie viel der Traktor gesoffen hat? «Das weiss ich nicht mehr, aber es waren schon ein paar Liter auf zehn Kilometer.» Und wieder folgt erst ein Lach-, gefolgt von einem Hustenanfall.

 

Tief beeindruckt war Schneider von der Landwirtschaft und dieser unbeschreiblichen Weite in Polen. «Einmal bin ich mit dem Traktor während einer halben Stunde einem Maisfeld entlanggefahren. Stellt euch das vor! Da waren zehn Kilometer nur Mais. Und das war nur die Hälfte des Feldes.» Deutlich mehr Platz als in Wattenwil.

 

Auf die Frage, was er, wenn er nochmals jung wäre, anders machen würde, antwortet Hans Schneider: «Ich würde auswandern. Und zwar in die Ukraine.» In der Ukraine hätten sie weites Land und gute Böden. «Aber damals hatte ich hier genug Büetz und wollte nicht in ein wildfremdes Land, wo ich die Sprache nicht konnte und niemanden kannte.»

Noch einmal nach Polen?

Hans Schneider blieb hier, aber die Reiselust ist geblieben. «I hätt no mängs im Sinn, woni wett mache.» Einer seiner Wünsche ist, noch einmal nach Polen zu fahren. «Aber ja», sagt er und schaut kurz nach oben, «morgen bin ich schon wieder 24 Stunden älter. Wer weiss, was noch kommt.»

 

Schneider ist 87. Als wir uns ein paar Tage nach dem Interview nochmals sehen, steht er im Garten und schraubt an einem Rasenmäher. Noch ist Hans Schneider zuhause in Wattenwil, aber wer weiss, vielleicht ist er schon bald wieder unterwegs.


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 03.09.2026
Geändert: 03.09.2026
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