Hostett muss Überbauung weichen

Naturschutzverein kritisiert – Münsingen widerspricht

Im Hinterdorf in Münsingen sollen neue Wohnungen gebaut werden. Wie BERN-OST erfahren hat, muss wegen dem Bauprojekt eine Hostett geopfert werden.

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Simone Sikyr vom Nautschutzverein (links) kritisiert, dass Bäume gefällt werden. Gemeindepräsidentin Stefanie Feller widerspricht. (Foto: zvg)

Im Münsinger Hinterdorf ist eine neue Siedlung mit 85 neuen Wohnungen geplant. Die Planung ist bereits weit fortgeschritten. Nun aber kritisiert der Naturschutzverein das Projekt. Er bedauert, dass neun Bäume gefällt werden müssen – die Gemeinde widerspricht.

 

Hinterdorf: Neun Bäume sollen gefällt werden

Vor vier Jahren hat das Münsinger Stimmvolk das revidierte Baureglement angenommen. Darin ist die Hostett im Hinterdorf als Schutzgebiet festgelegt. Diese Hostett soll nun im Rahmen des Planungsverfahrens Hinterdorf einer Überbauung weichen. Neun alte Bäume sollen gefällt und durch 16 neue Bäume ersetzt werden. Vier neue Bäume sind im bisherigen Gebiet vorgesehen, weitere auf Spielplätzen sowie auf der Tiefgarage.

 

«Kein gleichwertiger Ersatz»

Zehn der neuen Bäume liegen ausserhalb der neuen Einstellhalle. Simone Sikyr vom Natur- und Vogelschutzverein Münsingen sagt: «Das hat nicht den Charakter einer Hostett. Es gibt zwei Kinderspielplätze, eine Einstellhalle unterkellert einen Grossteil der Grünfläche, darüber werden mit 40 Zentimeter Erdüberdeckung und Pflanztrögen neue Bäume gepflanzt. Für Insekten, Kleinlebewesen, Vögel und Fledermäuse ist das kein gleichwertiger Ersatz.»

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Noch stehen die Bäume am Mittelweg in Münsingen. (Foto: rb)

Einsprache erhoben – und zurückgezogen

Der Naturschutzverein Münsingen (NVVM) erhob Einsprache gegen das Fällen der Bäume. In der Verhandlung mit der Gemeinde von Mitte Januar zeigte sich jedoch, dass ein Erhalt oder ein Ersatz der Hostett nicht mehr umsetzbar ist. Laut Naturschutzverein sei die Planung schon zu weit fortgeschritten. Dieser zog danach die Einsprache zurück.

 

Natur oder mehr Wohnraum?

Der Naturschutzverein kritisiert, dass der Schutz der Bäume im Planungsprozess nie ernsthaft diskutiert worden sei. «Es geht um viel Natur hier! Man hätte anders planen können. Entweder eine andere Anordnung der Gebäude, eine autofreie Siedlung oder eine Einstellhalle gänzlich unter den Gebäuden. So hätte die Hostett erhalten werden können», sagt Sikyr.

 

Ihr gehe es nicht darum, das Vorgehen der Gemeinde zu kritisieren. Aber wenn die Bevölkerung über eine Abstimmung den Schutz der Bäume beschliesse, sollte dies Gültigkeit haben. «Wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, wie wir die Gemeinde gestalten und weiterentwickeln. Oder ob wir dies – wie hier – den Investoren überlassen.»

 

Gemeinde widerspricht Kritik

Gemeindepräsidentin Stefanie Feller weist die Vorwürfe zurück. Sie spricht von «unrichtigen Darstellungen und Behauptungen», die ein breit abgestütztes Projekt in ein negatives Licht rückten.

 

Gemeinde kontert: Alles korrekt

Die Überbauungsordnung basiere auf dem geltenden Baureglement und sei in einem qualitätssichernden Verfahren entwickelt worden. Dabei seien Fachstellen wie die kantonale Denkmalpflege und Landschaftsplaner einbezogen worden. Auch kantonale Behörden hätten der Planung zugestimmt, darunter das Amt für Gemeinden und Raumordnung sowie das Amt für Naturförderung.

 

Feller betont, es habe eine Interessenabwägung stattgefunden. «Aus der Gesamtbetrachtung aller einzubeziehenden Interessen und Vorgaben entsteht in einem solchen qualitätssichernden Verfahren am Schluss das bestmögliche Ergebnis.»

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Für die Modulbauten neben dem Schulhaus Rebacker stehen bereits Profile. (Foto: rb)

Feller kontert Vorwurf Einstellhalle

Der Behauptung des Naturschutzvereins betreffend Erhalt der Hostett hält Feller entgegen: «Der ganze Perimeter der Siedlung ist mit Ausnahme der Besucherparkplätze autofrei.» Auf die Einstellhalle könne von Gesetzes wegen nicht verzichtet werden.

 

«Die von der kantonalen Gesetzgebung geforderten Parkplätze liegen innerhalb der zulässigen Bandbreite», so Feller. Und sagt weiter: «Sie ist von der Gemeinde Münsingen im Perimeter der Siedlung um 40 Prozent reduziert worden. Die Einstellhalle war teilweise bereits bestehend und die Erweiterung muss daran anschliessen. Sie nutzt bereits bestehende Ein- und Ausfahrten und führt direkt auf die Hauptachse.» 

 

Bäume werden ersetzt

Dass alte Bäume durch junge ersetzt werden, sei zu Beginn kein gleichwertiger Ersatz, räumt sie ein. Langfristig würden die neuen Bäume jedoch ebenfalls einen hohen ökologischen Wert erreichen. «Der biologische Wert der neuen Siedlung wird in ein paar wenigen Jahren den heutigen Wert wieder erreichen und dann übertreffen», so Feller. Zudem würden mehr Bäume neu gepflanzt als entfernt und eine bestehende Baumreihe bleibe erhalten.

 

Zwei Bäume opfern für Schule

Der Fall Hinterdorf ist auf der Zielgeraden, die Hostett muss weichen. Gleich daneben sollen demnächst neue Modulbauten für die Schule gebaut werden. Müssen auch dort Bäume gefällt werden?

 

Gemeindepräsidentin Stefanie Feller sagt: «Für die Modulbauten beim Schulhaus Rebacker müssen gemäss aktuellem Planstand zwei rechtlich nicht geschützte Bäume gefällt werden. Ein Baum davon ist am Ende seiner Lebensdauer angelangt.» Die Entwicklung im Hinterdorf schreitet damit weiter voran.

Eine Hostett ist eine Weide mit Obstbäumen. Das Wort geht auf den Ausdruck «Hofstatt» zurück, auf die Stelle, wo ein Hof steht. «Hofstatt» verschliff sich im Lauf der Zeit zu Hoschtet, Hoschtett oder Hostett. Die Familiennamen Hostettler/Hofstetter leiten sich davon ab. 


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 24.02.2026
Geändert: 24.02.2026
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