«Meine Gedanken waren oft bei Monica»
Der Plan lautete, von der Mänziwilegg nach Ascona zu wandern. Das Team bestand aus Daniel Arm, 76, und Jürg Büchi, 71. Trotz Blasen und schmerzender Füsse haben sie die 300 Kilometer lange Strecke geschafft. Die Rückkehr erfolgte zwar per Taxi statt per Helikopter. Das Fazit aber lautete: Anders als geplant und doch gut gelungen.
Seit dem frühen Nachmittag hat die Freundesgruppe auf der Mänziwilegg gewartet: Sie wollen Daniel Arm und Jürg Büchi begrüssen, die nach drei Wochen von ihrer Wanderung zurückgekehrt sind. «Zu Fuss von der Mänziwilegg nach Ascona» lautete der Plan, rund 300 Kilometer Weg, an die 20 Kilometer Fussmarsch pro Tag. Und die beiden haben es geschafft. Kein Pappenstiel, immerhin ist Daniel Arm, Wirt des Bistros Mänziwileggli, 76 Jahre alt, Jürg Büchi, früher Geschäftsführer einer Metallbaufirma, 71 Jahre. Letzte Woche sind sie von der grossen Wanderung heimgekehrt.
Von Bern mit dem Taxi
Freitagnachmittag: Gegen halb zwei Uhr fährt das Taxi vor. Daniel Arm steigt aus – wieder zu Hause. Genau genommen war die Rückkehr nicht so geplant gewesen. Eigentlich hätten die beiden Wanderer kurz vor dem Mittag oberhalb des Gasthofs landen sollen – mit dem Helikopter. Das Highlight ihres Abenteuers sollte es werden, ein Flug über die gesamte Wanderstrecke zurück, ein spektakulärer Schlusspunkt.
Das Wetter hielt sich jedoch nicht an den schönen Plan: Nebel über dem Gotthard machte den Flug zu unsicher, der Pilot verschob den Start auf unbestimmte Zeit. Jetzt ist es «Taxi von Bern» statt «Helikopter vom Tessin» geworden, bis Bern sind sie per Zug gefahren. «Aber es ist auch so gut», sagt Daniel Arm ruhig.
Eigentlich mit seiner Frau Monica geplant
Vielleicht passt das auch zu dieser Wanderung, die er ursprünglich mit seiner Frau machen wollte, denn auch das kam anders als geplant: Vor fast einem Jahr verlor Monica Arm, die kleine Frau mit der grossen Energie, den Kampf gegen den Krebs, die gemeinsame Tessinwanderung des Ehepaars kam nicht mehr zustande.
Bis zu ihrem Ende im letzten November, so erzählt Tochter Priska Zingg, habe ihre Mutter ihn jedoch immer ermuntert und ihm eindringlich gesagt: «Mach das trotzdem!»
Wanderstrecke ausgetüftelt, Hotelzimmer reserviert
Irgendwann im letzten Winter ergab es sich plötzlich wie von selbst. Als Jürg Büchi, ein Bekannter aus Utzigen, von der Idee hörte, sagte er spontan: «Das wollte ich auch schon lange machen.» Und damit war der geeignete Wanderkollege gefunden. Büchi ist der perfekte Organisator, er hat schon vor Monaten Wanderstrecken ausgetüftelt, Zeiten und Steigungen berechnet und Hotelzimmer gebucht.
An diesem September-Nachmittag, dem Tag der Rückkehr, herrscht fröhlicher Betrieb auf der Terrasse des Bistros Mänziwileggli. Bis gegen Abend sitzen die beiden Heimkehrer im Freundeskreis, beantworten Fragen und reagieren auf Scherze. Beide sind eigentlich selbst überrascht, wie problemlos sie die Anstrengung überstanden haben. Und wie gut es zusammen funktionierte. «Nur gut, dass wir damals noch nicht alles wussten», sagt Jürg Büchi dennoch im Nachhinein.
Von der Mänziwilegg nach Langnau
Am 31. August ging es los, Start auf der Mänziwilegg, via Biglen und Arni bis zum ersten Etappenziel, dem Hotel Hirschen in Langnau. Schon im Vorfeld waren sich beide sofort einig geworden: «Unterwegs wollen wir uns angenehme Einzelzimmer und feines Essen leisten», und trotz unterschiedlich langer Schritte fanden sie rasch den guten Rhythmus.
Die Reiseberichte, die Jürg Büchi von unterwegs auf FindPenguin schrieb, lesen sich mehrheitlich gutgelaunt: «Es war wunderschön und auch sehr abwechslungsreich», schreibt er über den Weg von Langnau nach Escholzmatt.
«Extrem bergauf und ungemein gefährlich»
Von Beckenried nach Isleten ging es weiter, die ersten Kilometer dem See entlang, «alles wunderbar und sehr schön». Dann aber ging es los: «Ab Risleten ging es extrem bergauf, und der schlechte Weg war für uns Flachländer ungemein gefährlich», dokumentiert Büchi.
Dennoch marschierten sie tapfer weiter, aufgeben war keine Option. Ein Abstieg mit tausend steilen Treppenstufen, gefrorene Hände in der Schöllenenschlucht oder in der Hitze kochende Asphaltstrassen – nein, die 1200 Meter Aufstieg auf den Gotthardpass bei starkem Nordwind seien bei weitem nicht das happigste Stück gewesen.
Nach 16 Etappen die Belohnung
Mitte September, nachdem sie die letzten Kilometer der Seepromenade entlang über Locarno nach Ascona die letzte Etappe hinter sich gebracht hatten, dann die Belohnung: Die Wanderer gönnten sie sich eine Runde wohlverdiente Wellness. Ihr Fazit: Blasen an allen Zehen, schmerzende und brennende Füsse, ein ausgebissener Stiftzahn beim einen und ein blauer Arm nach einem Sturz beim anderen. Aber beide finden am Ende, insgesamt sei es sehr schön gewesen. «Wir haben es sogar erstaunlich gut geschafft», sagt Jürg Büchi zufrieden.
Daniel Arm seinerseits ist nach der Rückkehr glücklich, wieder daheim zu sein, und stolz, es geschafft zu haben. Aber auch ein bisschen leer. Das Unterwegssein hat ihm gut gefallen: «Es geht immer vorwärts und man kommt richtig in den Flow, das fehlt mir jetzt fast.» Ohne das tägliche Wanderziel fühle man sich fast ein wenig verloren, bestätigt auch Jürg Büchi: «Das haben wir am Schluss im Tessin gemerkt, obwohl wir uns vier Tage lang in einem schönen Hotel verwöhnen liessen.»
Freude und Wehmut im Wechsel
Für Daniel Arm waren diese Tage von wechselhaften Gefühlen geprägt: «Meine Gedanken waren während dem Wandern häufig bei Monica», sagt er mit einem wehmütigen Lächeln. Dann nickt er Jürg Büchi zu und sagt: «Aber es war perfekt, wie wir beide das gemacht haben, gell!» Dieser hebt sein Glas und sagt fast ein wenig feierlich: «Ja, kurz gefasst: Wir waren Kollegen und kamen als Freunde zurück.»