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Motorrad - Hohe Erwartungen, grosse Gelassenheit

Quelle
Berner Zeitung BZ

Am Sonntag startet Tom Lüthi in Katar als Favorit in die neue Moto-2-Saison. Der Oberdiessbacher blickt auf eine hervorragende Vorbereitung zurück - und sehr optimistisch in die Zukunft.

Naturbursche: Der Oberdiessbacher Tom Lüthi geniesst Ruhe und Schönheit der Natur. (Bild: Andreas Blatter)

Treffpunkt ist das Restaurant Metzgerhüsi in Walkringen. Es ist ein herrlicher Frühlingstag, der die wunderbare Landschaft noch traumhafter erscheinen lässt. Tom Lüthi sitzt auf der Terrasse, er hat das Lokal vorgeschlagen und kennt es gut, seine Freundin Fabienne Kropf arbeitete hier früher als Studentin, ihre Pferde sind heute ganz in der Nähe zu Hause. «Ich bin gerne in der Gegend», sagt der in Linden aufgewachsene Lüthi. Er präsentiert sich heute, wie er selber sagt, als Naturbursche, kariert ist das Hemd und prächtig die Laune. «Mir geht es sehr gut», sagt Lüthi, «und ich freue mich riesig auf die neue Saison.» Es sind keine ungewöhnlichen Worte für einen Sportler, der hart trainiert hat und den Wettkämpfen entgegenfiebert. Aber der 25-Jährige besitzt tatsächlich viele Gründe, die Zukunft optimistisch anzugehen.


Der Topfavorit

Am Osterwochenende startet Lüthi in Katar in ein Rennjahr, an dessen Ende er seinen zweiten WM-Titel als Motorradfahrer feiern könnte. Die Fachzeitschrift «Speedweek» jedenfalls adelte ihn als «Topfavorit» in der Moto-2-Kategorie. «Die Erwartungen an mich sind hoch», sagt Lüthi, «und das gefällt mir. Auch ich erwarte ja einiges von mir.» Und während andere Gäste des Restaurants Lüthi viel Glück für die Saison wünschen oder rasch ein wenig mit ihm plaudern wollen, gibt sich der Berner locker, gelassen, zuversichtlich. «Ich glaube, wir haben alles unternommen, um ganz vorne mitfahren zu können. Doch es hat viele Siegfahrer im Feld.» Auch er sei einer, fügt Lüthi rasch an, und bald spricht er von der «Konstanz» als entscheidender Komponente. «Rennen gewinnen können viele. Aber regelmässig unter die Top 6 zu fahren, das ist der Schlüssel zum Erfolg.»

Der Bestzeitenfahrer

Weil das Fahrerfeld auf 33 Piloten reduziert wurde, erwartet Lüthi nicht mehr ganz so schwierige Rennen. «Das war letztes Jahr teilweise chaotisch. Aber eng und spannend wird es erneut werden.» Er hat die Konkurrenz im letzten Moto-2-Test in Jerez vor kurzem deklassiert, fuhr zweimal Bestzeit und musste sich nur einmal Claudio Corti um 0,004 Sekunden geschlagen geben. «Zum Glück fehlten mir da 4 Tausendstel», sagt Lüthi, und jetzt lacht er schelmisch. «Sonst wäre das alles fast zu perfekt und zu gut gelaufen. So gibt es für mich noch etwas zu verbessern.» Der letztjährige Moto-2-Dominator, der Deutsche Stefan Bradl, ist in die Moto-GP-Kategorie aufgestiegen, man darf deshalb eine ausgeglichene Saison erwarten. Ein Vorteil Lüthis ist dabei die Kontinuität. «Ich fahre wieder auf einer Suter-Maschine. Und es gab in meinem Team keine grossen Veränderungen. Wir kennen und schätzen uns», sagt der Interwetten-Fahrer. «Wir arbeiteten zuletzt intensiv an der Abstimmung. Jetzt sind wir sehr zufrieden und wollen in Katar beweisen, wie stark wir sind.»

Der Gereifte

Vertrauen und Selbstvertrauen sind ausgeprägt bei Lüthi, aber er weiss aus eigener Erfahrung, wie rasch sich das ändern kann. Das letzte Jahr lancierte er glänzend, mit einem 3. Platz in Katar und einem 2. Rang in Jerez, er dominierte dann das Training in Estoril – und schied dort im Rennen als deutlich stärkster Fahrer und Leader nach einem Sturz aus. Das setzte ihm und seinem Team stark zu, die Folge war ein missratener Sommer, ehe sich Lüthi gegen Saisonende steigerte und das Jahr immerhin als Fünfter beendete. «Damals fuhr ich in Estoril mit zu viel Risiko», sagt Lüthi. «Wir probierten dann einiges aus, leider in die falsche Richtung.» Heute sei er weiter, reifer, abgeklärter und wisse, warum er wann schneller oder langsamer sei. «Und ich gewann letztes Jahr in Malaysia erstmals ein Moto-2-Rennen. Das gibt mir Sicherheit. Ich bin deutlich erfahrener und als Fahrer stabiler geworden.» Und so strebt Tom Lüthi seinen zweiten WM-Titel nach 2005 an, als er in der damaligen 125er-Kategorie als 19-jähriger, umjubelter «Töfflibueb» reüssierte – und schliesslich sogar vor Superstar Roger Federer zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt wurde. Natürlich würde er vor dem Saisonstart in der Öffentlichkeit niemals rumposaunen, er sei WM-Favorit. Dazu ist er zu bescheiden, zu gut erzogen, zu schweizerisch vielleicht auch. Aber Lüthi sagt: «Ich fühle mich stark. Und ich bin so fit wie nie.» Alle Trainingswerte seien ausgezeichnet, die Fitnesstests verliefen hervorragend, die Fettmessung ist erfreulich, alle Parameter stimmen. Die harte Aufbauarbeit im Winter soll sich in den kommenden Monaten auszahlen. Die Schinderei im Kraftraum beispielsweise, die Termine mit Personal Trainer Roman Seiler und beim Physiotherapeuten Manuel Deucher in Lützelflüh. Dazu kam viel sportlicher Ausgleich beim Langlaufen, Biken oder Schneeschuhlaufen.

Der Ruhige

Auf den Skiern stand Lüthi ebenfalls oft, in Verbier und im Berner Oberland, nur auf einem Motorrad sass er von Anfang November bis Ende Februar tatsächlich nie. «Das habe ich noch nie so gemacht», sagt Lüthi, «meistens fuhr ich ja im Winter Motocrossrennen oder stieg früher auf eine Maschine.» Umso schöner sei es gewesen, endlich wieder Vollgas auf einer Rennstrecke geben zu dürfen. «Ein, zwei Runden» habe er gebraucht, dann seien die Automatismen wieder da gewesen und das Gefühl für das Motorrad. «Die Pause hat mir gut getan, ich bin richtig heiss auf die Saison.» Unter Druck aber fühlt er sich nicht. «Wenn man genau weiss, dass man gut gearbeitet hat, gibt es keine negativen Gedanken.» In der Ruhe liegt die Kraft. In der malerischen Naturlandschaft des Emmentals wie auf den grauen Asphaltstrecken dieser Motorradwelt.

Autor
Fabian Ruch / BZ
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Erstellt: 04.04.2012
Geändert: 04.04.2012
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