Nicht warten, bis es schwierig wird
Als Sengül Ataç vor zwanzig Jahren aus der Türkei in die Schweiz kam, war sie studierte Psychologin – und musste dennoch als Praktikantin in einer Kita beginnen. Heute engagiert sich die Kinderpsychologin, Politikerin und Mutter im Rahmen des Vereins «Familie und Bildung» FaBiWorb für bessere Bildungs- und Lebensbedingungen von Familien.
Noch lebhaft erinnert sich Sengül Ataç an ihre ersten Jahre in der Schweiz. Vor 20 Jahren kam die Kinderpsychologin aus der Türkei hierher: gut gebildet, qualifiziert, mit Erfahrung in akademischer Forschung. Und doch startete sie hier als Praktikantin in einer Kita. «Frau, Migrantin und noch keine Sprache: Das ist ein dreifaches Hindernis», sagt sie mit einem feinen Lächeln. Die Sprachbarrieren liessen sie unwissend erscheinen, immer wieder merkte sie: «Die Leute zeigten oft diesen fragenden Blick, ‹versteht sie das wirklich oder ist das zu kompliziert?› – das war schwierig.»
Vom eigenen Weg zum Engagement für andere
Trotz der Hürden hat Sengül Ataç nicht aufgegeben, sie setzte sich beruflich durch und beschloss, sich auch politisch zu engagieren: Heute sitzt sie für die Grünen Worb im Parlament. Und mittlerweile setzt sie sich für andere Frauen ein – Migrantinnen und Schweizerinnen: «Ich möchte die Lebens- und Bildungssituation von Eltern und Kindern in Worb und Umgebung verbessern.»
Interkulturelle Elternarbeit
Dabei spielt ihre Erfahrung als Mutter, Psychologin und Migrantin eine grosse Rolle. «Ich habe beobachtet, wie unterschiedlich Erziehungsstile sein können», sagt sie. Oft seien diese kulturell geprägt, aber in jedem Fall entscheidend für die Entwicklung der Kinder. Sengül Ataç stützt sich auch auf die Aussage aus dem Leitfaden Frühförderung des Kantons Bern: «Frühförderung ist am wirksamsten, wenn sie bereits beim Kleinkind startet und die Eltern stark einbezieht», betont sie.
Familien frühzeitig erreichen
Gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Heidi Mosimann, Sozialarbeiterin und erfahrene Projektleiterin, möchte Sengül Ataç die Familien frühzeitig erreichen: «Ich möchte Vertrauen aufbauen und ihnen wichtige Informationen verständlich vermitteln.» Auch Heidi Mosimann kennt aus Erfahrung die Einsamkeit junger Mütter, zudem bringt sie jahrelange Erfahrung mit aus interkulturellen Frauen- und Quartiertreffs und aus der Vorstandsarbeit im Chindernetz Kanton Bern.
Wie spricht man mit einem Kleinkind?
Zusammen organisieren die beiden Begegnungsmöglichkeiten wie den Mitspielplatz oder das Eltern-Kind-Café. Ausserdem zeigt Sengül Ataç seit über zehn Jahren in Müttergruppen, wie der Dialog mit einem Kleinkind funktioniert. Und wie wichtig es ist, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen. Dabei bringt sie ihr Wissen über Entwicklungspsychologie, Kulturunterschiede und pädagogische Methoden ein: «Ich versuche, mein Wissen sehr praktisch und alltagsnah zu vermitteln.»
Schwer erreichbare Familien trotzdem erreichen …
Ein wesentliches Prinzip für beide Frauen ist die Vernetzung: «Wir möchten bestehende Angebote ergänzen, nicht konkurrieren», betont Heidi Mosimann. Durch ihre langjährige Arbeit bei Karibu, dem interkulturellen Frauentreff in Zollikofen, kennt sie die Strukturen, Netzwerke und Bedürfnisse in der Region. «So können wir gezielt Angebote übernehmen oder nach Bedarf anpassen – und gleichzeitig neue Initiativen starten, etwa für Migrantenfamilien, die schwer zu erreichen sind.»
… und ihnen praktische Hilfe bieten
Nebst fachlicher Unterstützung sollen die Familien auch konkrete Begegnungsmöglichkeiten erhalten: Mitspielplatz, Eltern-Kind-Café, Mutter-Kind-Gruppe oder Elternbildungskurse – an diesen Orten können Eltern zusammenkommen, Fragen stellen und sich austauschen. Das sind wichtige Treffpunkte: «Viele Familien in Worb, vor allem Migrantenfamilien, sind isoliert», erklärt Sengül Ataç.
Für Migrationsfamilien – und für Schweizer Familien
Sie überlegt kurz und sagt dann: «Es wäre schön gewesen, wenn solche Angebote früher existiert hätten.» Um Hemmschwellen zu überwinden, sollen Flyer, Informationsveranstaltungen und direkte Ansprachen helfen. Ziel des neuen Vereins «Familie und Bildung Worb» lautet: «Eltern und Kinder stärken, über Angebote und Rechte informieren und Räume für Begegnung schaffen – für Schweizer Familien ebenso wie für Migrant:innen.»
Chancen für die Zukunft verbessern
Investitionen in den Familienbereich, betont Sengül Ataç, seien nachhaltig und wirkungsvoll. «Wer den Frühbereich unterstützt, sorgt dafür, dass Kinder gute Chancen haben», sagt sie: «Es ist die Basis für Bildung, Berufswahl und späteren Erfolg.» Für sie wie für Heidi Mosimann ist klar: Je früher und umfassender Eltern begleitet werden, desto besser für die Kinder, die Familien – und am Ende für die ganze Gemeinde.
Verein «Familie und Bildung Worb» FaBiWorb
Der neue Verein «Familie und Bildung Worb» FaBiWorb hilft, die Situation von Eltern und Kindern in Worb und Umgebung mit diversen Angeboten zu verbessern:
- Bildungsangebote für Eltern mit und ohne Migrationserfahrung
- Frühförderungsangebote für Kinder von 0 – 6 Jahren
- Begegnungsmöglichkeiten zwischen Eltern, unabhängig von Nationalität, Herkunft, Alter und anderem
Inzwischen sind etliche Anlässe gestartet oder fangen bald an:
- Der Mitspielplatz mit Livingdome, der die Begegnung von Kindern und Familien auf öffentlichen Plätzen fördert, findet das nächste Mal am 21. März nachmittags auf dem Dorfplatz in Rüfenacht statt, weitere am 10. Juni und am 14. Oktober in Worb
- Da Rüfenacht als «sozialer Brennpunkt» gilt, starten dort anfangs Mai Kurszyklen für Migrationseltern zu den Themen Schulsystem, Freizeit und Berufswahlsystem
- Am 6. Juni ist ein Informationstag mit Spiel und Spass auf dem Robispielplatz Rüfenacht in Arbeit.
- In Zusammenarbeit mit Magnolia Worb wird dort ab 14. Januar 3x pro Monat eine Mutter-Kind-Gruppe für Migrantinnen angeboten.
- Jeweils am 4. Mittwoch im Monat wird in Zusammenarbeit mit Chindernetz ein ElternKind-Café im Coop in Worb durchgeführt. Nächstes Treffen ist am 25. Februar 2026
Mehr Informationen finden Sie auf der Webseite.