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Red Ernst Gerber: "Ich wurde zur Kampfmaschine ausgebildet"

Red Ernst Gerber wurde als Kind von den Roten Khmer entführt und zum Soldat ausgebildet. Als Flüchtling kam er nach Deutschland, wo er bei einer Pflegefamilie aufwuchs. Heute lebt Red mit seiner Frau Anita und seinem Sohn in Niederhünigen und will Kambodscha zu einer besseren Zukunft verhelfen.

Red Ernst (mit rotem T-Shirt) baut mit den Dorfbewohnern und einigen Helfern aus der Schweiz eine Brücke. (Bild: zvg)
Die Kinder der Schule Rajomhin lernen, wie man richtig Zähne putzt. (Video: zvg)
Ein kleines Mädchen der Schule Rajomhin, Kambodscha, freut sich über die Hilfe aus der Schweiz (Bild: zvg)
Projekt: Sanierung Dorfplatz und Hauptstrasse Rajomhin. (Bild: Sol-Sorya)
"Ich war 7-jährig, als ich entführt und in ein Lager gebracht wurde", sagt Red Ernst Gerber gegenüber BERN-OST, "dort wurde ich zum Kindersoldaten ausgebildet." Insgesamt verbrachte er mehr als drei Jahre in den Fängen der Roten Khmer.

Unter der Führung des Diktators Pol Pot töteten die Roten Khmer zwischen ein und zwei Millionen Menschen in Kambodscha, ihr Ziel war, ein radikal-kommunistischer Bauernstaat. Alle Personen mit Schulbildung sollten ausgelöscht werden. Red, der auf einem Bauernhof im ländlichen Kambodscha aufwuchs und weder Lesen noch Schreiben konnte, wurde rekrutiert und zur Kampfmaschine ausgebildet.

Eine zweite Kindheit

Nach dem Fall der Roten Khmer 1979 flüchtete Red nach Thailand, wo er vom deutschen Roten Kreuz aufgefunden und in ein Kinderheim im Schwarzwald gebracht wurde. "Ich war unglaublich froh. Ich bekam zu Essen und neue Kleider, vorher musste ich Mülltonnen durchsuchen", sagt der heute 49-jährige, "in Deutschland wurde ich von der Familie Ernst aufgenommen. Dank ihnen konnte ich einen Teil meiner Kindheit sorgenfrei verbringen, sie schenkten mir Liebe." Später machte Red eine Ausbildung zum Koch. Während seiner Zeit als Sous-Chef in Interlaken, lernte er seine Frau Anita Gerber kennen. Heute merkt man ihm seine schwere Vergangenheit kaum an. Er strahlt Zufriedenheit aus, spricht ruhig und lächelt viel. "Ich lerne, wie ich mit dem posttraumatischen Stress umgehen kann", sagt er.

Der "verlorene Sohn" kehrt zurück

Immer wieder suchte Red in den folgenden Jahren nach seiner kambodschanischen Familie - erfolglos. Auf einer Neujahrsfeier in Biel lernte er einen Mann kennen, der als Wahlhelfer in Kambodscha tätig gewesen war. "Ich bekam einen Anruf, er habe meine Familie gefunden. Ich liess alles stehen und liegen, um mich auf den Weg nach Kambodscha zu machen. Meine Frau Anita war damals im 7. Monat schwanger und blieb in der Schweiz." Begleitet wurde Red von der Journalistin Andrea Jansen und einem Filmteam von SRF. Später entstand daraus die DOK "Der verlorene Sohn". "Ich habe Andrea gesagt, dass sie mich begleiten dürfen, unter der Bedingung, sich im Hintergrund zu halten." 

Red merkte schnell, wie arm seine Familie ist. Der Vater war schwer krank und seine Schwester musste deshalb alle Hektaren Land verkaufen. "Mir war klar, dass ich ihnen helfen muss. Etwas von dem Glück, das ich hatte, zurückgeben."

Sol-Sorya und die Kirchgemeinde Konolfingen

In den ersten Jahren fokussierte Red sich ausschliesslich auf seine Familie. Er half ihnen, wo er konnte und baute einen Wasserspeicher, damit sie auch in der Trockenzeit genügend Wasser haben. Bald kamen die Dorfältesten auf ihn zu, "sie baten mich, der Gemeinschaft zu helfen." So entstanden immer mehr Projekte - eine Brücke, eine Schule. "Mir ist es wichtig, dass die Menschen lernen, sich selber zu helfen. Sie kommen zu mir mit einer Skizze und ich besorge das nötige Material, bauen tun sie selber." 

Letztes Jahr gründete er den Verein Sol-Sorya - Kambodschanische Sonne - der dieses Jahr zum Jahresprojekt der Kirchgemeinde Konolfingen gewählt wurde. Was erhofft sich Red von der Zusammenarbeit? "Finanzielle Unterstützung, aber auch den Austausch der Kulturen. Die Kambodschaner können viel von den Schweizern lernen und umgekehrt auch. Ich bin überwältigt vom Support, den ich bekomme. Ich wünsche mir, dass mehr Leute Projekte unterstützen, hinter denen sie vollständig stehen können."

[i] Mehr Informationen zum Jahresprojekt 2018 und das Spendenkonto findet man auf dem Flyer der Kirchgemeinde Konolfingen, auf deren Webseite oder auf der Webseite des Vereins Sol-Sorya.

[i] Am Mittwoch 25. April organisiert die Junge Kirche Konolfingen einen Kambodscha-Abend mit Red Ernst Gerber. Beginn ist um 18:00 Uhr im Ref. Kirchgemeindehaus, Kirchweg 10, in Konolfingen.

[i] Die SRF-Sendung "Der verlorene Sohn", die Reds Wiedersehen mit seiner Familie dokumentiert, ist auf SRF verfügbar.

Autor
Lina Schlup, lina.schlup@bern-ost.ch
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Erstellt: 15.04.2018
Geändert: 16.04.2018
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