Ruth wollte auf die Alp. Paul war skeptisch
Ruth und Paul Dänzer aus Oberthal verbringen ihre Sommer auf der Alp am Iffigensee. Dort betreuen sie Guschti und geniessen die Stille in den Bergen. Eine heile Welt? Nicht immer. Dieses Jahr stürzten mehrere Guschti zu Tode.
Paul Dänzer winkt zwei vorbeikommende Wanderer zur Hütte. «Wollt ihr etwas Kaltes zu trinken?» Er und seine Frau Ruth verbringen den Sommer auf der Iffigenalp. Dass Paul einmal Wanderer auf einer Alp bewirten würde, war nicht sein Plan.
Ruth wollte schon als junge Frau «z Bärg». Doch dann führten sie während Jahren ihren Bauernhof in Oberthal. Als sie den Hof an die Tochter und den Schwiegersohn weitergaben, kam der Wunsch wieder auf. Durch einen Bekannten erfuhr sie, dass auf der Alp am Iffigensee jemand gesucht wurde. Paul war zuerst nicht begeistert, aber Ruth sagte: «Ich gehe.»
Erst lernte sie die Arbeit auf der Alp kennen und half aus. Paul kam mit. Auch ihm gefiel es. Inzwischen haben die 61-Jährige und ihr 75-jähriger Mann den fünften Sommer auf der Alp oberhalb der Lenk verbracht.
Keine Termine, aber Verantwortung
«Man lebt mit dem Tag dort oben», sagt Ruth und strahlt, als sie auf dem Balkon in Oberthal an den Sommer zurückdenkt. Das Leben am Iffigensee laufe anders. Sie schätze es, keine Termine zu haben. Das Essen muss nicht zu einer bestimmten Zeit auf dem Tisch stehen. Einzig zu den Guschtis muss man schauen. Ruth und Paul zählen die Tiere jeden Tag, geben ihnen Viehsalz und schauen, ob alle gesund sind.
Ein Guschti hatte es Ruth besonders angetan: Cherry aus Trub. «Sie war lieb wie ein Hund und ist mir überallhin gefolgt», schwärmt Ruth. Egal, wie weit hoch sie ging, um nach den Guschtis zu schauen, Cherry wich ihr nicht von der Seite.
Dieses Jahr spielte das Wetter mit. Es gab viel Sonne und genügend Regen. «So einen Sommer werden wir wohl nie mehr erleben», sind sich die beiden einig. Schnee, Hagel oder heftige Gewitter gab es nicht. Die Dänzers mussten die Herde deshalb nie in den Stall treiben. Das haben sie schon anders erlebt. Einmal lag während mehrerer Tage Schnee. Dann müssen die Tiere untergebracht und der Stall gemistet werden.
Drei Guschti kehrten nicht zurück
Trotz des schönen Wetters gab es auch dieses Jahr ein paar traurige Momente. Elf Guschti mussten wegen Klauenverletzungen behandelt werden. Für drei Tiere endete der Alpsommer sogar tödlich.
«Ein Guschti stürzte über eine Fluh. Ein anderes verletzte sich an einem Gelenk so schwer, dass der Tierarzt mit dem Heli kam und es einschläfern musste», erzählt Ruth. «Ein drittes hustete Blut und wurde lebend ins Tal geflogen. Auch dieses Tier starb später.»
In den ersten vier Sommern überlebten jeweils alle Guschti, aber dieses Jahr nicht. «Im Gebirge können wir nicht jede gefährliche Stelle einzäunen», sagt Ruth. Wenn die Tiere einen Hang hinunterrennen, könne viel passieren. Das gehöre leider dazu.
Paul und das Seebeizli
Paul hat am Iffigensee seine eigene Aufgabe gefunden. Bei ihm bekommen Wanderer einen Kaffee, ein Bier oder sonst etwas zu trinken. So entstand über die Jahre sein kleines «Seebeizli». Inzwischen fragen Wanderer, ob Paul wieder am See sei. Auf Google hat jemand geschrieben: «Ein fantastischer Ort. Und da ist ein echt netter Kerl, der Sachen verkauft.»
Manchmal werden sie auch um Hilfe gebeten. Wanderer standen schon mit Schuhen vor der Hütte, deren Sohlen sich gelöst hatten. Dänzers konnten helfen.
Kommt Besuch aus dem Tal, freuen sich die beiden über Abwechslung und frische Lebensmittel. Bekannte und die Bauern, denen die Guschti gehören, bringen Früchte, Salat oder etwas zum Grillieren mit. Ruth wurde den Sommer durch immer wieder mit Mocca-Joghurt aus dem Tal versorgt. «Dann geht es mir gut», erzählt sie und muss lachen.
Der Ärger mit dem Zelten
Von zuhause vermissen die beiden auf der Alp wenig – höchstens die Grosskinder. Auch das ständige Zusammensein sei kein Problem. Gemeinsam zu arbeiten, sind sie vom Hof gewohnt. Nur bei längerem Regen könne einem das Leben dort oben verleiden, sagt Paul. «Dann gehe ich halt fischen.»
Ein Ärgernis seien all die Leute, die auf der Alp im Zelt übernachten wollen. Da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, ist zelten verboten. Anfangs hätten sie die Wildcamper noch darauf hingewiesen, heute sagen beide ernüchtert: «Es hat keinen Wert, den Leuten zu sagen, dass sie das nicht dürfen. Das gibt nur Ärger und den wollen wir nicht.»
Abends kehrt Ruhe ein
Was für Ruth und Paul zählt, beginnt dann, wenn die Wanderer wieder weg sind. Keine Strasse führt zur Hütte, zu Fuss sind es zwei Stunden Aufstieg. Gegen Abend wird es ruhig. Dann sitzen Ruth und Paul vor der Alphütte, schauen auf den See und beobachten, wie die untergehende Sonne die Berge erst orange und dann rot färbt. Nachts leuchten die Sterne klar, fernab vom störenden Licht.
Nächsten Sommer wollen sie wieder hinauf, solange die Gesundheit mitmacht. «Das ist das Schönste, was es gibt», sagt Ruth, Paul nickt und lacht: «Ja, das ist es.»
So leben Dänzers auf der Alp
Die Alp liegt am Iffigensee auf rund 2000 Metern über Meer und gehört zur Gemeinde Lenk. Ruth war von Mitte Juni bis Anfang Oktober oben. Sie reist früher an, um mit einem Kollegen die Zäune zu stellen. Paul folgt später mit den Guschti. Diesen Sommer betreuten sie 60 Jungtiere von Bauern aus Arni, Biglen und umliegenden Gemeinden.
Kleider, Vorräte und drei Hühner kommen mit dem Heli hinauf. Wasser liefert eine eigene Quelle. Solarstrom reicht für Licht, Kühlschrank und das Laden der Handys. Die Hütte hat ein WC mit fliessendem Wasser. Zwischen Stall und Schlafzimmer liegt nur eine dünne Holzwand.
Zum Vorrat gehören Reis, Kartoffeln, Teigwaren und Konserven. Mit dem mitgebrachten Mehl backen die Dänzers Brot. Drei Hühner sorgen für Eier. In einem kleinen Beet wachsen Radiesli und Salat.
Wie die Iffigenalp nach Biglen kam
Ein Deutscher wollte die Iffigenalp vor gut hundert Jahren aus Altersgründen verkaufen. Weil ihm die Lenker das Ehrenbürgerrecht verweigert hatten, kamen sie laut einem Bericht des «Schweizer Bauer» als Käufer nicht infrage. Ein Sekundarlehrer aus Biglen vermittelte den Kontakt. Dort gründeten Bauern die Iffigenalpgenossenschaft Biglen, die die Alp 1923 für 375'000 Franken kaufte. Bis heute lassen Bauern aus der Region ihre Guschti den Sommer hindurch am Iffigensee weiden.