Seit 1926 geben Kühe viermal mehr Milch
Die Viehzuchtgenossenschaft Vechigen feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit einer grossen Viehschau. Präsident Jürg Streit erklärt, wie moderne Zucht die Milchleistung erhöht hat und weshalb viele Milchbauern wirtschaftlich unter Druck stehen.
Wir treffen uns im Wohnhaus von Jürg Streit (59), das abseits vom Hof liegt, unterhalb des Pflegeheims Utzigen. Anlass des Treffens ist das 100-jährige Jubiläum der Viehzuchtgenossenschaft Vechigen. Streit leitet die Genossenschaft als Präsident, seinen Pachtbetrieb hat er vor über 20 Jahren vom Pflegeheim Utzigen übernommen. Mit seiner Frau Christine hält er 55 Milchkühe, zudem haben sie noch Platz für 100 Rinder, sei es zur Mast oder Aufzucht.
Von acht auf dreissig Liter
Vor 100 Jahren wurde die Viehzuchtgenossenschaft Vechigen gegründet, damals gab eine Milchkuh rund acht Liter Milch pro Tag. Heute geben Streits Kühe zwischen 25 und 35 Liter Milch. Wie kam es dazu, dass eine Kuh heute fast vier Mal so viel Milch gibt? Es seien mehrere Faktoren dafür verantwortlich. «1926 wurden in der Schweiz fast nur Simmentaler Kühe gehalten», sagt Streit. In den 70er-Jahren kam die künstliche Besamung auf und eine neue Rasse kam in die Schweiz: Die Red Holstein-Kuh. Mit gutem Munisamen wurden über die Jahre Hochleistungskühe gezüchtet, die heute bis zu 35 Liter Milch pro Tag geben.
Besseres Futter, bessere Ausbildung, mehr Milch
Auch die Fütterung habe sich stark verändert. «Wenn man eine Wiese von damals mit einer heutigen Kunstwiese vergleicht, so ist das etwas ganz anderes», sagt Streit. «Heute achtet man bei der Anpflanzung auf die richtige Zusammensetzung der Gräser- und Kleesorten. Die Kuh frisst also besseres Gras. Dazu bekommen sie mit Maissilage mehr Energie gefuttert und geben mehr Milch.» Zudem sind heute auch die Bauern besser ausgebildet.
Zuchtziel: gesunde Kühe mit Leistung
Dies sei das Ziel der Genossenschaft gewesen: «Man wollte in der Zucht weiterkommen, es ging um gesunde Kühe, die mehr Milch gaben.» Die Genossenschaft kaufte damals einen Zuchtstier für 2’500 Franken. Dieser leistete den angeschlossenen Bauern gute Dienste. Heute bestellen viele Bauern den Samen bei einer Besamungsorganisation. «Wenn eine Kuh stierig ist, kann sie noch am gleichen Tag besamt werden», so Streit. Bei der Besamung probiert man, die Schwächen einer Kuh auszugleichen. Hat eine Kuh beispielsweise ein schwaches Euter, wird ein Stier gewählt, der über diese Qualität verfügt.
Da Jürg Streit mit einem Melkroboter arbeitet, verfügt er über präzise Daten jeder Kuh. Daraus erfahre man viel über die Kuh und ihre Milchwerte, aber eben nicht alles. «Wenn eine Kuh einen schwierigen Charakter hat und zu dominant ist, so züchte ich nicht mit ihr.» So eine Kuh werde mit Samen einer Mastrasse besamt und das Kalb danach verkauft. Eine Besamung kostet zwischen 50 und 100 Franken. Jedoch ist es nie sicher, ob die Kuh danach trächtig wird. Wenn es nicht klappt, muss der Besamer drei Wochen später nochmals kommen. Erstaunlicherweise ist die Fruchtbarkeit besser bei einem Natursprung durch den Stier als bei künstlicher Besamung.
Milchpreis unter Druck
Aktuell ist der Milchpreis wieder ein Riesenthema, auch bei Jürg Streit. Auf die Frage, ob er genug bekommt, antwortet er klar: «Nein! Dieses Jahr sank der Milchpreis von 70 auf 60 Rappen. Wir produzieren im Jahr 450'000 Liter Milch und erhalten jetzt etwa 10 Rappen weniger.» Das sei eine grosse Belastung für die Milchbauern, sagt Streit. «Finanziell mag man das nicht ewig verkraften. Klar haben wir versucht, die Milchmenge zu drosseln, indem wir mehr Milch an die Kälber vertränken. Aber das belastet uns schon.»
Die Schwankungen des Milchpreises seien durch ein zu feuchtes 2024 verursacht worden. «Das Futter war schlecht und die Kühe gaben weniger Milch. Wenn schweizweit die Kühe fünf Liter weniger Milch geben, spürt man das auf dem Markt.» Dieses Jahr passiert das Gegenteil. Die Kühe geben zu viel Milch, man spricht von einer Milchschwemme. Streit findet deutliche Worte: «Es ist eine Katastrophe, dass ein gutes Lebensmittel plötzlich keinen Wert mehr hat.» Man versuche über die Schweizer Milchproduzenten Druck zu machen, aber es sei schwierig. «Wir können die Milch nicht zurückhalten. Die Milch muss innerhalb eines Tages verarbeitet werden.»
Feiern mit einem Dorffest
Trotz des tiefen Milchpreises gibt es dieses Jahr für die Viehzuchtgenossenschaft Vechigen einen Grund zu feiern. Mit einer grossen Jubiläumsviehschau soll das 100-jährige Jubiläum ein Fest für alle werden. «Wir wollen ein Dorffest daraus machen», so Streit. «Es gibt einen Unterhaltungsabend mit Festwirtschaft und Bar. Für die Viehschau sind 200 Kühe angemeldet.» Es kommen auch Jung-Züchter sowie Kinder, die Kälber zeigen.
Bei der Viehschau werden die schönsten Kühe prämiert. Für Jürg Streit ist das ein Zeichen, «dass man bei der Zucht der Kuh etwas richtig gemacht hat.» In der Genossenschaft gebe es weder Neid noch Missgunst, und das sei gut so. «Jeder hilft dem anderen und das ist heute wichtiger denn je», so Streit.
Daten zum Fest
Samstag, 19. September 2026, Viehschauplatz Utzigen, von 6:30 Uhr bis Mitternacht
Beurteilung und Misswahl der Rinder, Kälberschau mit Willy Graber, Barbetrieb, Festwirtschaft mit Unterhaltungsabend: Schwyzerörgelifamilie Lüthi
Zum Jubiläum
Die Viehzuchtgenossenschaft Vechigen wurde 1926 mit 25 Mitgliedern gegründet. Der Mitgliederbestand heute beträgt noch deren 12. Ziel war, die Zucht zu verbessern. 1954 hat die Genossenschaft Land für die Sömmerung auf dem Mont Crosin im Jura gekauft. Die Genossenschaft organisiert pro Jahr zwei Viehschauen auf dem Viehschauplatz Utzigen.
Die Milch
Je nach Rasse geben die Kühe unterschiedlich viel Milch. Simmentaler 20 - 25 kg pro Tag. Swiss Fleckvieh 25 - 30 kg pro Tag. Red Holstein 30 - 35 kg pro Tag.
Bei der Milchmenge für das Jahr 1926 beziehen wir uns auf die «Milchstatistik der Schweiz für das Jahr 1926» des Schweizerischen Bauernverbands. Im Bericht wird festgehalten: «1926 lag der Milchertrag bei rund 3'050 Kilogramm pro Kuh und Jahr.»