«Siege sind für die Ewigkeit, Rekorde zum Brechen»
Maja Neuenschwander lief an Olympischen Spielen, hielt den Schweizer Marathon-Rekord und ist neu in den Grossrat gewählt worden. Im Gespräch spricht die Rubigerin über Schmerzgrenzen, Rekorde und ihren Blick aufs Aaretal.
Maja Neuenschwander (46) gewann den Marathon von Wien, wurde zweite in Hamburg und stellte in Berlin den Schweizer Rekord im Marathon auf. Zudem nahm sie teil an den Olympischen Spielen in London und Rio de Janeiro.
Heute ist Neuenschwander Gemeinderätin von Rubigen und wurde Ende März auf Anhieb für die Grünliberalen in den Grossrat gewählt. Im Interview spricht sie über ihre Profizeit als Marathonläuferin und sagt, warum Rubigen genial ist.
BERN-OST: Maja Neuenschwander, Ihr Vater, Walter Neuenschwander, war Gemeindepräsident von Rubigen und Grossrat, erst SVP, dann BDP. In was für einem Umfeld sind Sie aufgewachsen?
Maja Neuenschwander: Weniger politisch, aber sportlich. Wir waren polysportiv, ich habe viel ausprobiert, war im Skiclub Münsingen, ich schwankte immer, ob ich Fussball spielen soll, war aber dann schon bei der Leichtathletik im Verein und blieb dabei.
Ich habe auch lange Klavier gespielt und wollte Neues ausprobieren. Wir wohnten etwas ausserhalb des Dorfs, ich war viel draussen im Garten und konnte mich austoben.
Mit Ihnen und Daniel Wildhaber verfügt Rubigen über zwei Mitglieder im Grossrat. Das ist erstaunlich für eine so kleine Gemeinde, wie erklären Sie sich das?
(lacht) Das liegt an unserem Slogan «Genial im Aaretal». Es ist wohl Zufall, man kann sowas nicht planen, es hat einfach gepasst.
Als 26-Jährige liefen Sie vor zwanzig Jahren Ihren ersten Marathon, wie wird man zur Marathon-Läuferin?
Ganz einfach, ich habe ein Schnuppertraining bei einem Leichtathletik-Verein besucht und fühlte mich ab dann der Leichtathletik verbunden. Mit 14 bin ich erstmals über 3000 Meter Schweizermeisterin geworden. Erst lief ich auf der Bahn, dann wechselte ich auf die Strasse. Mir fehlte die Grundschnelligkeit und so kam ich zum Marathon, rückblickend war das eine gute Entscheidung.
Laufen Sie heute immer noch?
Ja, ich laufe immer noch sehr gern, etwa ein, zwei Rennen pro Jahr, weil es cool ist. Die Laufzeiten spielen heute aber keine Rolle mehr, ich werde jetzt immer langsamer (lacht). Marathon laufe ich nicht mehr, weil ich zurzeit keine Lust mehr habe, drei Stunden zu laufen.
Sie hielten während Jahren den Schweizer Rekord im Marathon – wie war es für Sie, als dieser unterboten wurde?
Das ist eine Entwicklung, die normal ist. Siege sind für die Ewigkeit, Rekorde zum Brechen, heisst es. In den Siegerlisten bleibt man, bei den Rekorden rutscht man gegen hinten. Aber das ist ok so.
Sie waren zwei Mal an Olympischen Spielen dabei. Im Fernsehen sieht das bei den Profis immer sehr locker aus, wenn sie Marathon laufen. Leiden Profi-Läuferinnen nie?
Es war nie locker! Eigentlich sind 42 Kilometer zu viel. Irgendwann mag der Körper nicht mehr und dann beginnt der Wettkampf zwischen Kopf und Körper. Der Körper möchte aufhören, aber das ist die Faszination dieser Distanz. Irgendwann schmerzen die Beine, je schneller man läuft, umso mehr geht kaputt. Im Ziel ist man zwei bis drei Kilo leichter als am Start.
Wenn es läuft und läuft, kann man verdrängen, dass man müde wird. Aber wenn man in den Flow kommt und diese Müdigkeit übersteuert wird, ist das Gefühl schon genial. Das sucht man als Läuferin, aber man erreicht es nicht immer.
Wie lange brauchten Sie jeweils für die Erholung?
Ich brauchte danach meistens zwei Wochen ohne Sport. Wenn man zu früh wieder losläuft, schmerzen die noch nicht verheilten Muskeln. In der Regel hatte ich danach sowieso keine Lust zu laufen.
Haben Sie nie gedacht, das tue ich mir nicht mehr an?
Viele haben während des Laufs das Gefühl, das mache ich nicht mehr. Aber man vergisst das schnell. Danach kommt man in einen stolzen Modus: das Gefühl, es geschafft zu haben, das will man wieder erleben. Dazu kommen die Eindrücke der Zuschauer an der Strecke und die Stimmung.
Als ich in Berlin mit neuen Schweizer Rekord beim Brandenburger Tor ins Ziel einlief, waren da tausende, die einen anfeuerten. Das sind Momente, die einmalig sind und man will das wieder erleben.
Was hat Sie der Marathon über Durchhaltewillen gelernt?
Es geht nicht nur darum. Ich habe vom Sport viel gelernt, was mich ausmacht. Durchhalten ist eines, Zielstrebigkeit, Planung, Flexibilität, Resilienz, Belastbarkeit oder auch Umgang mit Druck: Das sind Sachen, die maximal sind im Spitzensport.
Sie haben beim Buch «Vorbild und Vorurteil» mitgemacht, bei dem lesbische Spitzensportlerinnen erzählten. Sie äusserten sich sehr offen über Ihre Liebe zu Ihrer Frau und die Geburt Ihrer beiden Söhne. Was hat das ausgelöst?
Nicht viel, es hat sich eigentlich nichts geändert. Alle wussten bereits davor, wie ich lebe.
Wo spüren Sie heute noch Vorurteile gegenüber lesbischen Frauen, sei es im Sport oder im Beruf?
Die Leichtathletik ist sehr offen in der Beziehung, das hat nie eine Rolle gespielt und das spielt es auch heute nicht. Es ist die Frage, wie ich damit umgehe, es war immer transparent. Geheimnisse machen etwas spannend, wenn man das öffentlich macht, verliert es an Spannung.
«Genial im Aaretal» ist der Slogan von Rubigen. Was ist in Rubigen genial?
Sehr viel. Ich sehe von hier aus die Alpen, mit dem Zug bin ich in 13 Minuten in Bern oder in Thun. Die Autobahn ist auch in der Nähe, viele kennen Rubigen wegen der Mühle Hunziken. Hier kennt man sich, es gibt Orte, wo man sich trifft, sei es auf dem Märit oder im Dorf. Das Schöne ist, man kann anonym bleiben oder man findet schnell Anschluss.
Bei mir fühlt es sich fast so an, als hätte ich 3113 tätowiert. (lacht). Weiter kann ich von hier in alle Himmelsrichtungen gehen und bin sofort im Grünen. Zudem verfügt Rubigen über eine gute Grundinfrastruktur, es hat Ärzte, Läden, es ist alles andere als eine Schlafgemeinde.
Maja Neuenschwander ist sechsfache Schweizermeisterin und lief während Jahren für den Stadtturnverein Bern (STB).
Sie gewann Gold in den Disziplinen Crosslauf lang, Marathon, 10’000-Meter-Lauf und Halbmarathon. 2015 beim Marathon von Berlin stellte Neuenschwander den neuen Schweizer Rekord auf mit 2 Stunden 26:49.
An den Olympischen Spielen in London 2012 belegte sie im Marathon den 53. Rang, bei den Olympischen Spielen in Rio vier Jahre später erreichte sie Platz 29.
Beim Grand-Prix von Bern lief Neuenschwander mehrmals aufs Podest, ihre beste Klassierung war 2018 der zweite Platz (mit 57:25).
Weiter hielt sie mehrere Schweizer Rekorde über 15, 20 und 25 Kilometer.
Nach einem Ermüdungsbruch beendete sie ihre Karriere 2018. Danach wechselte Neuenschwander zu Swiss Olympic, wo sie den Bereich «Athlete Hub» leitet.