So gehen Schulen der Region mit dem Thema um
Gefälschte Nacktbilder von Mitschülerinnen, erstellt mit KI und verbreitet via Snapchat: Der jüngste Fall an einer Deutschschweizer Schule hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. In der Region Bern-Ost ist bislang kein Vorfall bekannt, doch die Verantwortlichen der Oberstufen in Konolfingen, Münsingen und Worb warnen: Digitale Übergriffe kennen keine Grenzen.
Kürzlich ist es passiert – an irgendeiner Deutschschweizer Oberstufenschule: Mehrere Schüler haben mit einem KI-Tool Fotos von Schulkolleginnen so bearbeitet, dass gefälschte Nacktbilder erstellt wurden. Diese verschickten sie via Snapchat, und die Medien von Blick bis Watson haben darüber berichtet. Soweit unsere Recherchen ergaben, ist diese Geschichte an keiner Schule in der Region Bern-Ost vorgefallen – entgegen anderslautenden Gerüchten.
Das kann an jeder Schule passieren
Dass es nicht in unserer Gegend passiert ist, sei reiner Zufall, finden die Verantwortlichen der drei zufällig befragten Oberstufenschulen Konolfingen, Münsingen und Worb: Solche Vorfälle könnten an jeder Schule und jederzeit passieren, sagen sie übereinstimmend. «Die ganze Geschichte war zu erwarten», bringt es Bernhard Bacher, Leiter der Abteilung Bildung, Kultur und Sport von Konolfingen, auf den Punkt. «Es wäre naiv von einer Schule zu behaupten, das wäre bei ihnen nie möglich.»
Kleine Vorfälle hier und dort
Auch an der Münsinger Oberstufe sei es schon zu einzelnen Vorfällen gekommen, sagt Michael Reber, Abteilungsleiter Bildung, Kultur und Sport Münsingen – glücklicherweise keine so gravierenden wie die oben erwähnten. «Allerdings bekommen wir nur mit, was uns gemeldet wird.» Er erwähnt einen Vorfall mit einem sexualisierten Sticker, und auch der Umlauf von grenzwertigen Memes (Kurzvideos und Bilder) und Texten ist ihm schon zu Ohren gekommen. Diese Vorfälle hätten jedoch intern und unter den Eltern geklärt werden können.
Es betrifft die Freizeit – und auch die Schule
Ausserdem seien die Vorfälle nicht während der Schulzeit passiert, betont Reber, sondern in der Freizeit. Trotzdem, sagt er klar, betreffen sie die Schule: «Denn wir müssen mit den Jugendlichen anschauen, wie sie miteinander umgehen.» Tatsächlich machen Themen wie Missbrauch von künstlicher Intelligenz, Social Media und sexualisierten Apps vor keiner Schule Halt, und auch die anderen Verantwortlichen erzählen von Vorfällen: Ein Filmli von einer Pausenplatz-Schlägerei hier, ein heimlich aufgenommenes Video aus dem Unterricht dort, und auch Fälle von Cyber-Mobbing seien schon verschiedentlich vorgekommen.
Klassenzimmer und Pausenplatz sind handyfrei
Und doch passieren dramatische Fälle von digitalen Übergriffen in Münsingen, Konolfingen oder Worb vielleicht weniger schnell als andernorts: An all diesen Schulen herrscht ein Handyverbot während der Schulzeit und auf dem Pausenplatz. «Die Schülerinnen und Schüler legen ihr Handy morgens in eine Box, nehmen es mittags hinaus, legen es nachmittags wieder in die Box und nehmen es abends wieder mit», sagt zum Beispiel Oliver Rüesch, Schulleiter im Oberstufenzentrum Worbboden. Auch an den anderen beiden Schulen läuft das schon seit rund vier Jahren ähnlich.
Wer unbedingt will, kann tricksen
«Im Moment ist es im Worbboden für einmal ruhig», ergänzt Oliver Rüesch. Aber ihm sei klar, dass Schülerinnen und Schüler irgendwann alles ausprobieren, was möglich ist. «Deshalb lassen sich solche Vorfälle auch in Worb nicht ausschliessen.» Umso weniger, weil die Schülerinnen und Schüler im Unterricht mit Notebooks arbeiten. Und obwohl Instagram und Kompanie auf den Schulgeräten gesperrt sind, macht sich Rüesch keine Illusionen: «Wer will, findet immer Tricks.»
Besorgnis an allen Schulen
Überrascht zeigt sich deshalb keiner der drei über den Snapchat-Vorfall an einer Schweizer Schule: Problematisches Online-Verhalten und digitale Grenzverletzungen seien zu erwarten gewesen und liessen sich nicht eingrenzen, sagen sie einhellig. Das Thema versetze wohl alle Schulen in grosse Besorgnis und sei schwierig zu händeln: «Alle sind überfordert mit der rasanten KI-Entwicklung», sagt der Konolfinger Verantwortliche Bernhard Bacher. «Viele KI-Angebote, von irgendjemandem in China vertrieben, sind hochgradig toxisch für die Gesellschaft – vor allem für Kinder und Jugendliche.»
Darum Medienkompetenz fördern
Es gehe nicht darum, KI und Social Media zu verteufeln, ergänzt der Münsinger Michael Reber. «Aber wir müssen unbedingt die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, aber auch der Eltern fördern und sie auf die Risiken im digitalen Raum hinweisen.» Das ist umso wichtiger, weil sich viele Jugendliche gar nicht bewusst sind, dass allein das Verbreiten solch illegal erstellter Inhalte straftbar ist.
Tipps und Wissenswertes
- Jugend und Medien: «Aufwachsen mit Medien»
- Pro Juventute: Gefahren von Sexting
- Kinderschutz Schweiz: Sexualisierte Gewalt
- Sexting: Wenn zu viel nackte Haut zum Albtraum wird - Blog der Kantonspolizei Bern
- Übergriff im Chat: «Schick mer doch es Foti vo dr Süessi» - Blog der Kantonspolizei Bern
- Rachepornografie: Wenn das Internet nicht vergisst - Blog der Kantonspolizei Bern
- Mobbing: Alle gegen einen - Blog der Kantonspolizei Bern
Wichtig sind Wissen und Sicherheit
Damit die Jugendlichen im Internet mehr Wissen und Sicherheit gewinnen, führt die Kantonspolizei Bern regelmässige Präventionskurse durch (mehr dazu siehe Kasten unten). Just an dem Tag, an dem die Medienberichte über die Nacktbilder publik wurden, erhielten Konolfinger Neuntklässler:innen einen altersangepassten Kurs zum Thema «Hate Crime, (Cyber-)Mobbing, sexualisierte Gewalt». Dieses Modul wird an allen 9. Klassen des Kantons angeboten.
Gefragt sind auch die Eltern
Präventionskurse hin, Handyabgabe her, die Verantwortlichen sind sich einig: Die Schulen können nicht alles leisten – die meisten Fälle von digitalem Fehlverhalten passieren nämlich in der Freizeit. Umso dringlicher sagt Michael Reber: «Es ist wünschenswert, dass Eltern besser hinschauen, dass ihnen bewusst wird, welche Gefahren im Internet bestehen.»
Auf dem Pausenplatz reden statt snapchatten
Er hat das Gefühl, viele Eltern seien ausgesprochen froh über die klare Haltung der Schule. Ja, mehr noch, sogar viele Schülerinnen und Schüler seien ganz glücklich mit der handyfreien Unterrichtszeit und merken, dass sie auch ohne Snapchat und Co. Überleben können: «Es ist schön zu sehen, wie alle auf dem Pausenplatz miteinander reden.»
Interview zum Präventionsunterricht der Kantonspolizei Bern
Das Präventionsteam der Kantonspolizei Bern führt jährlich an den Schulen Präventionsunterricht Präventionsunterricht an Schulen durch. Im Interview erzählt Fernanda Gurzeler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Prävention, wie sie dabei vorgeht, was es zu bedenken gilt und was wichtig ist.
BERN-OST: Frau Gurzeler, wie steht es um die Region Bern-Ost: Herrschen punkto digitale Übergriffe vergleichbare Verhältnisse wie in anderen Regionen des Kantons?
Fernanda Gurzeler: Die erwähnten Phänomene werden in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht separat ausgewiesen. Dies auch, weil je nach Fall unterschiedliche Straftatbestände wie beispielsweise illegale Pornographie, Drohung, Beschimpfung oder Ehrverletzung zur Anwendung kommen können. Deshalb können wir auch keine Einschätzung zur regionalen Verteilung machen.
Den Namen der betroffenen Schule nennt niemand, aber vielleicht können Sie sagen, ob es in der Region bereits vergleichbare Fälle gab?
Wie gesagt, wir kennen die regionale Verteilung nicht. Es werden aber immer wieder solche Meldungen aus dem ganzen Kanton Bern an uns herangetragen.
Wie gehen Sie an Schulen punkto Prävention vor?
Seit fünf Jahren vermitteln wir im Rahmen des flächendeckenden Präventionsunterrichts an den Schulen im Kanton Bern angepasste Module: in der 6. Klasse sensibilisiert das Modul «Digitale Medien»Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Medien. Diese digitalen Aspekte werden in der 7. Klasse um das Thema «Sexuelle Belästigung» (inklusive Sexting und Rachepornografie) ergänzt. Im Modul «Gemeinsam gegen Gewalt» für die 9. Klassen werden Hassdelikte, Mobbing und sexualisierte Gewalt thematisiert. Zudem unterstützen wir Schulleitungen und Lehrpersonen auf Anfrage bei konkreten Vorfällen direkt.
Was gibt es aus Ihrer Sicht zum Fall mit den KI-Nacktbildern zu sagen?
Der Umgang mit Nacktbildern – ob echt oder KI‑generiert – ist nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern in vielen Fällen eindeutig strafrechtlich relevant: Solche Darstellungen können als illegale Pornografie eingestuft werden. Die Erstellung, Bearbeitung oder Weiterleitung erfüllt potenziell Straftatbestände des Pornografie-Artikels oder von Ehrverletzungsdelikten.
Wissen das die Jugendlichen?
Im Präventionsunterricht setzen wir einen klaren Schwerpunkt auf die strafrechtliche Einordnung von illegaler Pornografie – unabhängig davon, ob sie real oder mittels KI erzeugt wurde. Wir erklären rechtliche Konsequenzen, fördern aber auch gezielt Perspektivenübernahme und Verantwortungsbewusstsein: Jugendliche sollen verstehen, welche Folgen solche Handlungen für die Betroffenen haben können, und andererseits erkennen, welche Verantwortung sie selbst bei der Tatausführung tragen – strafrechtlich, aber auch in psychischer oder sozialer Hinsicht.
Was bewirken solche Handlungen?
Solche Handlungen führen vor allem dazu, dass Betroffene die Kontrolle über ihre eigene Darstellung verlieren. Dadurch geraten sie sozial und psychisch unter Druck. Ein einziges verbreitetes Bild kann Ausgrenzung, Blossstellung oder Mobbing auslösen und den Alltag der betroffenen Jugendlichen erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig bewegen sich die Beteiligten – teils ohne sich dessen bewusst zu sein – im Bereich klar strafbarer Handlungen. Die Folgen können somit sowohl für Betroffene als auch für Beschuldigte weitreichend sein.
Welches Strafmass haben Jugendliche zu erwarten, die solche Fotos oder Filme verbreiten?
Die rechtliche Beurteilung solcher Fälle liegt bei der Justiz. In Bezug auf Jugendliche unterscheidet sich das Jugendstrafrecht aber vom Strafrecht für erwachsene Personen. Das Jugendstrafrecht hat primär zum Ziel, dass Jugendliche aus ihrem Fehlverhalten lernen und künftig nicht mehr straffällig werden.
Ist Aufklärung eine Aufgabe der Schule, oder müsste das schon lange vorher passieren?
Wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien zu begleiten, stehen Erziehungsberechtigte an erster Stelle. Eine offene, frühzeitige und kontinuierliche Kommunikation im Elternhaus bildet die wichtigste Grundlage dafür, dass Kinder Risiken erkennen, Fragen stellen und Probleme ansprechen können. Darauf aufbauend ist es zentral, dass weitere Akteure – Schulen, Polizei und Fachpersonen – zusammenarbeiten.
Was also raten Sie Eltern?
Wir geben den Eltern von Schulkindern die folgenden Tipps:
- Zeigen Sie Interesse an den Internetaktivitäten Ihres Kindes. Achten Sie dabei auf Ihr eigenes Medienverhalten, denn Ihr Kind schaut auf Sie.
- Sprechen Sie mit Ihrem Kind aktiv über Risiken und Gefahren im Netz und halten Sie Verhaltensregeln fest.
- Ermöglichen Sie eine Atmosphäre des Vertrauens und vermeiden Sie bei Vorfällen Schuldzuweisungen. Wichtiger ist, dass Ihr Kind mit Ihnen darüber spricht und Sie gemeinsame Lösungen finden.
- Wenden Sie sich bei Bedarf an entsprechende Hilfsangebote.
Lassen sich Auswüchse von KI und Social Media überhaupt noch kontrollieren?
KI und Social Media haben viele sehr positive Aspekte und gehören zum Alltag dazu. Die Frage stellt sich nicht, ob wir uns damit auseinandersetzen, sondern wie. In der polizeilichen Prävention liegt unser Schwerpunkt auf der strafrechtlichen Sensibilisierung. Wir zeigen auf, welche Risiken bestehen, stehen als Ansprechstelle zur Verfügung und erläutern im Rahmen unseres polizeilichen Auftrags die rechtlichen Grundlagen. Entscheidend für wirksame Prävention ist, dass die gesamte Gesellschaft auf mehreren Ebenen zusammenwirkt, damit Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Richtungen erreicht werden.