Staunen über den Unterricht ohne Altersgrenzen
Fünf Lehrkräfte der Schule Noarootsi aus Estland haben Anfang März die Gesamtschule Lindental besucht. Der Austausch gab ihnen Einblicke in den Unterricht mit altersdurchmischten Klassen und zeigte, wie gut das funktioniert. Im Herbst planen die Lindentaler Lehrkräfte einen Gegenbesuch in Estland.
Im Klassenzimmer der Gesamtschule Lindenthal arbeiten Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse nebeneinander. Einige Kinder schreiben konzentriert in ihre Hefte, andere besprechen eine Aufgabe in kleinen Gruppen. Die Lehrperson sitzt mit zwei Schülerinnen an einem Tisch und unterstützt sie bei der Planung ihrer nächsten Lernschritte. Für die fünf Lehrkräfte aus Estland, die Anfang März die Gesamtschule Lindental besuchen, waren solche Szenen zunächst ungewohnt, zugleich fanden sie das faszinierend.
Von Noarootsi ins Lindental
Wie Lehrkräfte von Noarootsi aus Estland ausgerechnet ins Lindental fanden? Angestossen hat diesen Austausch Sabine Burger aus dem Appenzell, die seit rund 13 Jahren in Estland lebt und dort unterrichtet. Vor zweieinhalb Jahren nahm sie Kontakt mit der Gesamtschule Lindental auf, um sich mit Lehrpersonen über den Unterricht in altersdurchmischten Klassen auszutauschen. Im Gespräch zeigte sich schnell, dass ein persönlicher Besuch tiefere Einblicke ermöglichen würde.
Einblick in den Schulalltag
Gemeinsam reichten die Beteiligten deshalb ein Projekt bei der Swiss International Educational Cooperation Fund (Movetia) ein, der nationalen Agentur zur Förderung von Austausch und Mobilität im Bildungswesen. Die Organisation unterstützte die Studienreise finanziell, und so kam es, dass eine Fünfer-Delegation der Schule Noarootsi vom 1. bis 5. März 2026 im Lindental zu Gast war. Sie sassen im Unterricht, tauschten sich mit Lehrpersonen aus und erhielten Einblick in den Schulalltag.
Mehrstufenklassen – ja, das geht!
Im Zentrum des Interesses stand der Unterricht in Mehrstufenklassen. Für die estnischen Gäste war dieses Modell zunächst schwer vorstellbar. Umso grösser war die Überraschung, als sie den Unterricht erlebten: Ältere Schülerinnen und Schüler unterstützen jüngere, arbeiten teilweise gemeinsam an Themen und übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess. Der Unterricht ist stark auf Selbstständigkeit ausgerichtet, Lernpläne, Wochenziele und Logbücher strukturieren den Schulalltag.
Schulkinder verfolgen ihre Lernziele
Dadurch entstehen ganz neue Rollen: Die Schülerinnen und Schüler planen ihre Arbeit teilweise selbst und verfolgen ihre Lernziele eigenständig. Die Lehrkräfte wiederum bieten nicht mehr klassischen Unterricht, sondern werden zu Begleiter:innen. Zeitweise arbeiten sie mit kleinen Gruppen, behalten den Überblick über die Lernfortschritte und unterstützen bei Bedarf. «Der Lehrer und die Lehrerin unterrichtet nicht – die Schüler:innen lernen», fassten die Gäste den Grundgedanken dieses Unterrichts für sich zusammen.
Überrascht von ruhiger Lernatmosphäre
Beeindruckt zeigte sich die Delegation auch von der Lernatmosphäre. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten einzeln, zu zweit oder in Gruppen und helfen sich gegenseitig. Gleichzeitig geben klare Strukturen und Vereinbarungen Sicherheit. Die Kinder begegneten Erwachsenen offen und respektvoll, beobachteten die Gäste. Auch praktische Arbeiten, kreative Aufgaben und regelmässige Reflexion über den eigenen Lernprozess gehören zum Unterricht.
Eindrücke aus der Schweiz
Neben den Schulbesuchen blieb auch Zeit, Land und Kultur kennenzulernen. Auf dem Programm standen unter anderem ein Besuch in Bern mit Zytglogge und Münster, das Zentrum Paul Klee sowie das Sensorium in Rüttihubelbad. «Durch diese Exkursionen bekamen wir ein umfassendes Bild vom Leben der Schweizer, ihren Gewohnheiten und Traditionen», fasste die estländische Besuchsgruppe ihre Eindrücke zusammen: «Wir lernten die Esskultur und das Bildungssystem kennen.»
«Nicht Problem, sondern Chance»
Der Austausch ist damit noch nicht abgeschlossen: Bereits im kommenden Herbst reisen Lehrpersonen aus dem Lindental zum Gegenbesuch nach Estland, um ihrerseits das dortige Schulwesen kennenzulernen. Für Initiantin Sabine Burger geht es mit dieser Aktion auch um die Zukunft kleiner Schulen. «Ich möchte zum Erhalt kleiner Landschulhäuser beitragen», sagt sie. Das sei machbar, wenn genügend Flexibilität, Neugier und Bereitschaft vorhanden sei: «Wir haben im Lindental eine Schule besucht, in denen das Lernen in gemeinsamen Klassen nicht als Problem, sondern als Chance angesehen wird.»