Diana Wältis Trauerkaffee im Kafi BERN-OST

«Trauernde dürfen auch ganz leichte Momente erleben»

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, mag sich keine leeren Trostworte anhören. Im Trauerkaffee von Diana Wälti können Betroffene miteinander reden, schweigen, weinen, lachen oder ganz einfach Kaffee trinken. «Ein Ort, an dem auch das Leben Platz hat», betont Besucherin Michèle Bigler, die ihren Sohn durch Suizid verloren hat. Im Trauerkaffee hofft sie, damit besser leben zu lernen.

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«Es darf auch gelacht werden»: Trauerbegleiterin Diana Wälti (links) und Trauerkaffee-Besucherin Michèle Bigler, die hofft, dort mit ihrer Trauer umgehen zu lernen. (Foto: cw)

Gestochen scharf erinnert sich Michèle Bigler an den 2. Dezember 2023. Sie hatte soeben ihre Tournee bei Brocki, Weihnachtsmarkt und Galerie vollendet und wollte um fünf Uhr ihren Partner Rolf zum Abendessen treffen. Um halb Fünf läutete es an der Tür, davor stand ein junger Mann, seit zwanzig Jahren der beste Freund ihres Sohnes, neben ihm ein Polizist.

 

Das Herz wollte die Nachricht nicht verstehen

Mit dem Verstand bekam die Worberin glasklar mit, was sie ihr mitteilten. Das Herz weigerte sich, die Worte zu verstehen: Ihr Sohn David, damals 45 Jahre alt, hatte sich erhängt. Die elegante 74-Jährige schweigt einen Moment, atmet durch. Sie hält sich kerzengerade, spricht energisch und wirkt trotz ihrer feinen Erscheinung stark. Nur ab und zu schimmert die Erschütterung durch, wenn sie von ihrem Sohn spricht.

 

Meierislisträusschen zum Geburtstag

Beispielsweise, wenn sie erzählt, wie David oft auf dem Nachhauseweg kurz bei ihr vorbeigeschaut hatte. Wie feinfühlig er war, «zu fein für diese Welt». Wie er ihr zum Geburtstag immer ein Meierislisträusschen vorbeibrachte, und wie er sich umgekehrt von ihr als Geburtstagsmenu immer einen Apfelkuchen wünschte. Wie begeistert er für seine Arbeit als Handymast-Monteur hoch hinaufkletterte, und wie es ihr seither jedesmal ins Herz sticht, wenn sie einen dieser Maste sieht. Sogar ihn Worb hat David etliche montiert. «Ich verbinde die Menschen», habe er jeweils zufrieden gesagt. Bis ihm auch das keine Freude mehr machte

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David, ein feinfühliger junger Mann, «zu fein für diese Welt», wie seine Mutter liebevoll sagt. (Foto: zvg)

Damit kann eine Mutter eigentlich nicht weiterleben

Wie eine Mutter nach einem solchen Verlust weiterleben kann? Die Antwort kommt trocken und schnell: «Eigentlich gar nicht.» Es habe unzählige Momente gegeben, in denen sie ebenfalls nicht mehr dasein mochte. Allerdings wollte sie ihren Angehörigen nicht dasselbe antun, sie weiss, wie es ist, danach zurückzubleiben. Für ihre älteste Tochter Melanie in Australien und ihre jüngste Tochter Manon im Thurgau sei es auch so schwer genug. Davids Schwestern haben je ein Kind, dem älteren war er ein liebevoller Onkel, das jüngere lernte er nie kennen. Für sie alle will Michèle Bigler noch da sein.

 

Zurück bleiben Fragen, Trauer und Wut

Aber als Mutter bleibt sie mit der bitteren Frage zurück: «Warum hat er nichts gesagt? Ich wäre für ihn dagewesen.» Manchmal zerreisst es sie vor Kummer, manchmal ist sie putzverruckt. Seine Abschiedsbriefe an jedes Familienmitglied und die besten Freunde, sorgfältig in ein Tagebuch geschrieben, helfen nicht. Auch nicht das Wissen, dass niemand Schuld trägt, sondern dass David den plötzlichen Tod seines Vaters ein Jahr zuvor nicht verarbeiten konnte.

 

Der Tod des Vaters erschütterte den Sohn

Als eine langjährige Beziehung zerbrach, war er zum Vater ins grosse Terrassenhaus gezogen, die beiden assen oft zusammen, genossen eine friedliche Vater-Sohn-Wohngemeinschaft. Bis eines Abends, beim gemeinsamen Nachtessen mit Davids Partnerin, der Vater plötzlich aufhörte zu atmen und tot zusammenbrach. Ein Schock für den sensiblen Sohn, der allein im grossen Haus zurückblieb und das Vertrauen ins Leben nicht wieder fand. Dennoch kam Davids Suizid ein Jahr darauf für die Angehörigen aus dem Nichts. Er habe nachdenklich gewirkt, aber nicht depressiv, sagt seine Mutter.

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Eine Erinnerungsbox kann den Hinterbliebenen helfen. Diana Wälti zeigt im Trauerkaffee, wie eine solche Box aussehen könnte. (Foto: zvg)

Sein Tod kam scheinbar aus dem Nichts

Wie minutiös er sich darauf vorbereitet hatte, zeigte sich erst nach und nach. «Das machte es umso schwieriger für mich», sagt Michèle Bigler: Sie hadert damit, dass sie sich nicht vorbereiten, nicht vorher noch Abschied nehmen konnte. Auf einen Schlag stand sie da, allein mit ihrer alles auffressenden Trauer. Und funktionierte doch immer weiter, wirkt nach aussen zäh und wäre innerlich beinahe zerbrochen. «Meine Mutter sagte immer, Gott gebe einem das Bürdeli, das man tragen könne – ich kann offenbar viel tragen», sagt sie mit einem feinen Lächeln.

 

Therapie brachte nichts

Zwei Therapiestunden bei einer Psychiaterin brachten sie kein bisschen weiter. «Das ist nichts für mich», beschloss sie bald: Was sie belaste, sei kein medizinisch behandelbares Problem. Sie mochte sich auch nicht von einer Fachperson erklären lassen, wie sie gut trauern kann, die selbst kein Kind hat und diesen Verlust nicht wirklich nachvollziehen kann. Stattdessen entdeckte sie letzten August gleich um die Ecke den Aushang für das Trauerkaffee.

 

Trauerkaffee half ihr besser als Therapiegespräche

Diana Wälti bietet dieses seit letztem August einmal pro Monat im Kafi BERN-OST an. Als Bestatterin und Trauerbegleiterin kennt sie die Palette an Gefühlen von Trauernden, sie weiss, wie verschiedenartig Menschen diese verarbeiten. Ausserdem hat sie erwachsene Kinder, kann also zumindest ansatzweise verstehen, wie sich ein solcher Verlust anfühlt, und sie weiss, was helfen kann. «Wichtig ist ein gemütlicher Rahmen mit Bezug zum Leben», sagt sie: «Ein Kafi, in dem man schwatzen, lachen, aber auch weinen kann, in dem es nicht nur ums Sterben, sondern auch ums Leben geht – eine Runde, die allen Halt gibt.»

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Solche Bilder wie diese Katze auf einem Sarg sieht Diana Wälti immer wieder: Leben und Sterben gehören zusammen. (Foto: zvg)

«Ein Ort, der mit dem Leben verbunden ist»

Michèle Bigler nickt nachdrücklich: «Genau, ein Ort, der nicht so grässlich gruftig ist wie die Abdankungshalle beim Friedhof – ein Ort, an dem man mit dem Leben verbunden bleibt.» Sie ist bisher die einzige regelmässige Besucherin des Trauerkaffees, und wenn sie nicht gerade in Australien bei der Tochter weilt, nimmt sie immer teil. «Es tut gut, sich mit anderen in der gleichen Situation auszutauschen», sagt sie. «Man weiss, wovon man spricht, und kann trotzdem auch über ganz andere Themen reden.» Ihr alltägliches Umfeld hingegen sei oft überfordert gewesen, habe sie mit Floskeln abgespiesen à la «das Leben geht doch weiter», oder «die Zeit macht es einfacher».

 

Ein Grab, das sie selbst bepflanzen kann

«Bullshit», reagiert sie auf solche Sprüche grob: «Das Leben geht weiter, aber es wird nie mehr unbelastet.» Umso bereichernder findet sie dann Begegnungen mit anderen Betroffenen, die ohne grosse Worte verstehen, warum sie vor zweieinhalb Jahren ihren Sohn nicht kremieren lassen konnte – «einen so bildhübschen jungen Mann kann man doch nicht einfach verbrennen». Ihr war eine Erdbestattung wichtig und ein Grab, das sie im Lauf der Jahreszeiten selbst bepflanzen und dabei ihrem Sohn nahe sein kann.

 

Ein Cüpli im Sterbezimmer

Diana Wälti nickt. Solche Gedanken und Gefühle kennt die Bestatterin aus ihrer jahrzehntelangen Berufserfahrung, und sie weiss, dass alle ganz unterschiedlich mit einem Verlust umgehen: «Einige möchten möglichst wenig über die verstorbene Person und ihre Geschichte reden», sagt sie. «Andere haben das Bedürfnis, immer wieder von ihren Lieben zu erzählen.» Man müsse sich immer wieder bewusst sein, dass Trauer alle Farben haben kann: Sie hat schon erlebt, dass Angehörige im Sterbezimmer des Verstorbenen gemeinsam auf dessen Leben mit einem Cüpli anstiessen. Oder dass eine Frau mitten im Trauergespräch sagte, sie habe jetzt Hunger und müsse kochen. «Das gehört alles dazu.»

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Grab von Diana Wältis Eltern: «Auch Katzen trauern», schreibt sie dazu. (Foto: zvg)

Gegenstände sind mit Emotionen verbunden

Sie weiss auch, dass Michèle Bigler längst nicht die Einzige ist, die besonders schlimme Momente durchmachte, als sie das Haus räumen und die Gegenstände und Kleider ihres Sohnes weggeben musste. Vieles überliess sie Davids Freunden, einiges hatte er für seine Schwestern angeschrieben. Diana Wälti nickt: «Leute erzählen oft, dass mit Gegenständen sehr viele Emotionen verbunden sind, und dass daher auch das Loslassen sehr emotional ist.» Dieses Verständnis hilft Michèle Bigler. Asserdem sei das Trauerkaffee sehr praktisch, findet sie: «Ich kann einfach rüberspazieren und ins Kafi sitzen, und es ist keine mit der Krankenkasse verbundene Therapiesitzung – hier kann ich mit meiner Trauer kommen und mich sein.»

 

Schönes und Schluchzen hat nebeneinander Platz

Sie findet, man müsse anderen betroffenen Leuten mitteilen, dass sie auch nicht zwingend mit einem Päckli Nastüchli kommen müssen: «Es ist eine lockere Atmosphäre, und man kann sich nirgendwo schöner austauschen als in einem Lokal, wo man zusammen etwas trinken kann – und sogar eine Packung Kleenex steht bereit.» Es stört sie auch nicht, wenn die Leute wissen, was sie durchmacht: Vielleicht, überlegt sie, verstehen sie dann auch, dass in ihrem Alltag viel Schönes Platz hat, dass sie aber zwischendurch schluchzen und schreien könnte.

 

Vielleicht wird es im Trauerkaffee etwas leichter

Das Trauerkaffee ist ein idealer Raum auch für alle, die es anstrengend finden, immer wieder alles neu zu erklären, denn hier haben sich alle mit dem Thema auseinandergesetzt. Diana Wälti findet es wichtig, den Tod nicht zu tabuisieren: «Wenn man akzeptiert, dass der Tod mitten im Leben ist, lebt man auch sein Leben viel bewusster.» Ganz wichtig ist ihr dabei: «Trauernde dürfen auch ganz leichte Momente erleben, das muss man ihnen zugestehen.» Michèle Bigler nickt, genau das ist ihr Ziel: «Jedes Mal, wenn ich das Trauerkaffee betrete, möchte ich, dass der Tod meines Sohnes ein bisschen weniger schmerzhaft, ein bisschen kleiner wird.»

Trauerkaffee im Kafi BERN-OST

Das Trauerkaffee findet immer am letzten Mittwoch im Monat von 18 bis 20 Uhr im Kafi BERN-OST am Bahnhofplatz 3, Worb statt, das nächste Mal am Mittwoch, 27. Mai 2026, danach am Mittwoch, 24. Juni 2026, Sommerpause im Juli.

Es kann geredet oder geschwiegen werden, gelacht und geweint, erinnert und geteilt. Es spielt keine Rolle, wie lange ein Todesfall her ist, und es kann um den Verlust eines Elternteils, eines Kindes, eines Ehepartners oder eines Haustiers gehen: «Hier sind alle Weggefährten», betont Diana Wälti.


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 20.05.2026
Geändert: 20.05.2026
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