Ein Zeitzeuge erzählt

«Vatti war eine furchterregende Gestalt»

Der «Vatti» aus Linden wurde Mitte der 70er Jahre eine nationale Berühmtheit. Er war der Kopf einer Sekte, in der er während Jahren junge Mädchen missbrauchte. Jetzt erscheint eine Dokumentarserie über ihn. Ein Zeitzeuge spricht über seine Begegnungen mit ihm, und über das Schweigen im Dorf.

image 996470
Paul «Vatti» Baumann und seine Villa in Linden. (Foto: rb/Staatsarchiv des Kantons Bern, BB 4.2.1122 (Nr. 2155))

Er hiess Paul Baumann, genannt wurde er «Vatti». Während Jahren missbrauchte er junge Mädchen, die in seiner Sekte in Linden wohnten. Jetzt zeigt eine Dokumentation, wie er vorging.

 

Es schaudert ihn immer noch

Der kleine Junge beobachtete, fürchtete sich, und alle um ihn herum schwiegen. Heute, Jahrzehnte später, kann er endlich reden – aber auch das nur anonym. Inzwischen ist aus ihm ein älterer Mann geworden. Doch wenn er darüber spricht, schaudert es ihn immer noch: «Es hiess immer, dass man sich von Vatti fernhalten soll», sagt er.

 

Unser Zeitzeuge wohnt heute noch in Linden. Als Kind habe seine Mutter immer darauf geachtet, dass er nichts mit den Mitgliedern der Methernitha Sekte zu tun hatte. Die Gemeinschaft Methernitha war von «Vatti» in den 60er Jahren gegründet worden.

 

«Sie fielen auf»

Für den Mann aus Linden war die Gemeinschaft ein «Dorf im Dorf». Sie wohnten abgekapselt für sich wie in einer Siedlung. Die Mitglieder seien schon von weitem aufgefallen. «Auf 200 Meter Distanz konnte man sagen, dass das einer von ihnen war.» Kleidung, Haltung und Verhalten seien anders gewesen. «Sie fielen auf, und sie fallen auch heute noch auf.» Bis heute seien sie nicht ins Dorf integriert. «Weder in Vereinen noch in der Feuerwehr noch an der Gemeindeversammlung lassen sie sich blicken.»

 

Die Einwohnerinnen und Einwohner von Linden hätten um die Gemeinschaft einen Bogen gemacht. «Man liess sie gewähren. Ja nicht zu nahe kommen, nichts damit zu tun haben.» Es habe aber auch Verbindungen ins Dorf gegeben. Eine Arztpraxis habe Dienstleistungen für Methernitha erbracht, zudem habe das lokale Gewerbe von Aufträgen profitiert.

Begegnungen mit «Vatti»

«Vatti» Baumann selbst habe er zwei- oder dreimal gesehen. «Er war eine furchterregende Gestalt. Ich war froh, dass ich ihm nie allein begegnet war.»

 

Eine Begegnung ist ihm besonders geblieben. Baumann sei mit zehn bis zwölf Frauen unterwegs gewesen. Erst beim zweiten Hinsehen habe er bemerkt, dass der Sektenführer Frauenkleider trug. Die Gruppe sei im Gänsemarsch hinter Baumann in Richtung eines Hauses im Wald gegangen.

 

«In der Waldhütte hatten sie dann ihre Reinigungen oder auch den Missbrauch», sagt der Zeitzeuge. Niemand habe gewagt, etwas zu sagen. Was genau innerhalb der Gemeinschaft geschehen sei, habe er als Kind nicht gewusst. Erst später, als es zum Prozess gegen «Vatti» kam, habe er erfahren, was hinter verschlossenen Türen passiert sei.

 

«Vatti» wird zum Medienereignis

Als Paul «Vatti» Baumann 1976 in Thun vor Gericht stand, wurde der Fall national zu einem Medienereignis. Radio, Fernsehen und Zeitungen berichteten über ihn. In der Schweizer Illustrierte erzählte ein Opfer, wie es von ihm missbraucht wurde. Es gab sogar einen Song über «Vatti».

 

Das Gericht verurteilte Baumann zu sieben Jahren Zuchthaus. Ein mildes Urteil angesichts des Schuldspruchs: Es befand ihn schuldig wegen sexueller Handlungen mit Kindern und weiteren Straftaten.

image 996542
Paul «Vatti» Baumann war 1.58 Meter gross. (Foto: Staatsarchiv des Kantons Bern, BB 4.2.1122 (Nr. 2155))

Der Prozess brachte Gewissheit

«Als das Gerichtsurteil kam, lag alles auf dem Tisch», erinnert sich der Mann aus Linden. Vieles habe man zuvor vermutet. Die Schwere der Taten seien aber erst danach klar geworden: Unzucht, Vergewaltigungen sowie mehrere Abtreibungen.

 

Im Dorf habe das Urteil einerseits Erleichterung ausgelöst. Gleichzeitig habe die Geschichte Linden belastet. «Man hat sich geschämt, hier zu wohnen», sagt er, «auch ich.» Wenn er ausserhalb des Dorfes gesagt habe, dass er aus Linden stamme, sei er sofort mit der Sekte in Verbindung gebracht worden.

 

«Man war froh, dass Gras darüber wächst»

«Nach dem Urteil hatte die Hälfte der Mitglieder Methernitha verlassen. Der Rest blieb, auch als «Vatti» nach dem Verbüssen seiner Strafe nach Linden zurückkam», so der Zeitzeuge. Es sei unverständlich, dass «Vatti» nach seiner Entlassung weiterhin von jungen Mädchen umgeben war. Nach «Vattis» Tod 2011 sei es ruhig geworden und das Thema sei aus der Öffentlichkeit verschwunden. «Man hatte es satt. Man war froh, dass Gras darüber wächst.»

 

Auch deshalb habe ihn die neue Dokumentarserie beschäftigt. Er habe vieles über die Vorgänge erst durch die vierteilige Dokumentation erfahren. «Nach dem zweiten Teil musste ich weinen. Das hat mich so erschüttert.» Nach dem dritten Teil sei er wütend gewesen. Immer wieder sagt er: «Unglaublich, dass so etwas hier in unserem Dorf passiert ist!»

 

Dass Methernitha weiterhin besteht, sei für ihn schwer verständlich. «Der Film hat kein Happyend.» Die Geschichte sei für Linden deshalb nicht abgeschlossen.

Ein Schatten über Linden

Der Zeitzeuge sieht die Geschichte von Methernitha als Teil der Dorfgeschichte. «Die hat Linden in ein Licht gerückt, das Linden nicht wollte.» Die Bevölkerung habe sich über Jahrzehnte mit der Gemeinschaft arrangiert. Im Film wird ein ehemaliger Gemeindepräsident zitiert, der sagt, Methernitha sei der grösste Steuerzahler der Gemeinde gewesen.

 

Die Dokumentation bringe das Ganze jetzt wieder zurück. «Mit diesem Film kommt eine Lawine auf die Gemeinde zu.» Für den Zeitzeugen kommt diese Dokumentation zur richtigen Zeit. «Ohne den Film wäre es nicht möglich, dies aufzuarbeiten.» Auch für die nachfolgenden Generationen sei es wichtig, dass die Geschichte nicht einfach verdrängt werde.

 

Methernitha existiert bis heute. Sie besitzt verschiedene Liegenschaften in Linden. Methernitha wollte sich gegenüber BERN-OST nicht zu den Vorgängen von damals äussern.

Der Gemeinderat von Linden antwortete auf Anfrage von BERN-OST folgendermassen:

«Die Personen, die bei Methernitha wohnen, sind in der Gemeinde integriert und nehmen am Dorfleben teil.»

 

Auf die Frage, ob Methernitha nach wie vor der grösste Steuerzahler der Gemeinde sei: «Zu Steuerzahlen können wir keine Auskunft erteilen.»

 

Weiter schreibt der Gemeinderat von Linden: 

«Welchen Einfluss der Film auf die Gemeinde hat, können wir nicht beurteilen.»

 

«Im Zusammenhang mit der Dokumentarsendung über Methernitha und deren damalige Verantwortliche hat die Gemeinde bewusst darauf verzichtet, ein öffentliches Interview zu geben. Die Gemeinde hält jedoch klar fest, dass sie jegliches Verhalten verurteilt, das gegen geltendes Recht verstösst oder die Würde und Rechte von Menschen verletzt.

 

Wir haben Respekt vor den Menschen, die von den damaligen Ereignissen betroffen waren, und anerkennen die Bedeutung einer sorgfältigen Aufarbeitung der Vergangenheit.

 

Gleichzeitig ist es uns wichtig, zwischen den damaligen Geschehnissen und der heutigen Situation in der Gemeinde zu unterscheiden. Die Gemeinde steht für einen offenen, respektvollen und rechtsstaatlichen Umgang miteinander.

 

Der Verzicht auf ein öffentliches Interview ist weder als Verharmlosung der damaligen Ereignisse noch als Ablehnung ihrer Aufarbeitung zu verstehen. Die Gemeinde hat sich vielmehr bewusst entschieden, sich nicht öffentlich zu einzelnen historischen Aussagen, Vorwürfen oder persönlichen Schicksalen zu äussern.

 

Entscheidend ist für uns, dass aus der Vergangenheit gelernt wird und sich vergleichbare Vorgänge nicht wiederholen.»

Die Genossenschaft Methernitha beschreibt sich folgendermassen: «Methernitha beruht auf den gemeinsamen Bestrebungen der Mitglieder, zur Gewährleistung des Genossenschaftszweckes nach Möglichkeit beizutragen, nach dem Leitbild: "Einer für Alle, Alle für Einen." Die Genossenschaft orientiert sich an christlichen Grundsätzen. Darunter fallen auch insbesondere ein gewaltfreies Miteinanderleben und die Wahrung der sexuellen Integrität.»

 

Methernitha hat ihren Sitz am Moosbühlweg 2 in Linden. Gilles Froment präsidiert die Verwaltung der Genossenschaft Methernitha.

An derselben Adresse untergebracht sind die folgenden Firmen:

Trigonorm AG, Hersteller von Regalsystemen

Regenbogen AG, Betreiberin von Hotels und Pensionen

Pflegeheim Sternau

Paul «Vatti» Baumann gründete in den 60er Jahren in Linden die spirituelle Gemeinschaft Methernitha und scharte Hunderte Anhänger um sich. Die Mitglieder lebten nach strengen Regeln, waren von der Aussenwelt abgeschottet und mussten Baumann blind gehorchen. Besonders Kinder waren ihm ausgeliefert, da sie von ihren Eltern getrennt und in einem eigenen Gebäudetrakt untergebracht wurden.

 

1976 sagten acht junge Frauen gegen Baumann aus und schilderten jahrelangen sexuellen Missbrauch, darunter auch die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens und eine von ihm herbeigeführte Abtreibung. Das Gericht verurteilte den damals 59-Jährigen wegen sexuellen Delikten an Kindern und Pflegebefohlenen sowie wegen versuchter Anstiftung zu falschem Zeugnis zu sieben Jahren Zuchthaus.

 

Trotz des Urteils blieben rund 100 Anhänger Baumann treu. Nach seiner Entlassung 1982 kehrte er zu Methernitha zurück. Baumann starb 2011, ohne seine Taten öffentlich zu bereuen, während die Gemeinschaft in Linden bis heute weiterbesteht.

Die Regisseurin Marina Klauser drehte den vierteiligen Dokumentarfilm «Der Engelmacher». Der Film erzählt von der bis heute bestehenden Schweizer Glaubensgemeinschaft Methernitha und ihrem Gründer Paul Baumann. Mehrere Missbrauchsopfer schildern die Vorgänge von damals und wie sie «Vatti» zu Fall brachten.

 

SRF 1 zeigt «Der Engelmacher» ab Donnerstag, 27. August 2026. Die Serie ist bereits jetzt verfügbar im Stream über Playswiss.ch.

Name und Adresse des Mannes aus Linden sind der Redaktion bekannt.


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
Fehler gefunden?
Statistik

Erstellt: 22.08.2026
Geändert: 22.08.2026
Klicks heute:
Klicks total: