Vom Roadmanager zurück in den Familienbetrieb
Velo Schmutz hat seine Basis seit über hundert Jahren im Dorfkern von Worb. Christian und Michèle Schmutz führen den Familienbetrieb, sie sprechen mit BERN-OST über Velos und Patent Ochsner. Eine ungewöhnliche Karriere führte sie über Musik und Fernsehen in den Veloladen.
Christian Schmutz ist im Veloladen aufgewachsen. Für alle ist er der Chrigu. Nach der Lehre als Maschinenmechaniker zog es ihn zunächst nach Saas-Fee, wo er zwei Saisons als Elektro-Taxi-Chauffeur jobbte und snowboardete.
Nach Jahren mit Patent Ochsner zurück zum Velo
Danach folgte ein weiterer Umweg: Chrigu Schmutz war mehr als zehn Jahre als Roadmanager mit Patent Ochsner unterwegs. Später managte er selbst Bands, baute seine eigene Eventagentur auf, organisierte Open Airs, Strassenfeste und arbeitete im Webdesign sowie Marketing.
Michèle Schmutz hatte ebenfalls einen Umweg eingeschlagen. Die 49-Jährige wuchs in Bümpliz auf und lernte Pharmaassistentin. Danach arbeitete sie bei verschiedenen Radiosendern und war lange bei TeleBärn. Kennengelernt hatten sich die beiden beim Tichu spielen.
Der entscheidende Moment kam, als Chrigus Vater ankündigte, den Veloladen aufzugeben. «Wenn ich Interesse habe, soll ich das anmelden, sonst würde er die Velohandlung verkaufen», erzählt Christian Schmutz. Was tun? Das Leben mit Bands auf Tour einfach so aufgeben?
Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden ihr erstes Kind und lebten aneinander vorbei. «Wir sahen uns morgens um vier Uhr, Michèle ging zur Morgenshow, ich kam nach Hause.» Die beiden entschieden sich, den Familienbetrieb zu übernehmen. Das war vor 14 Jahren.
500 Velos im Lager
Heute haben sie einen Veloladen mit rund 500 Velos am Lager. Das sei Chance und Risiko zugleich. Einerseits bedeutet ein solches Lager eine grosse Investition, andererseits kann die Kundschaft verschiedene Modelle vergleichen und ausprobieren.
«Wir haben das nötige Know-how im Verkauf und in der Reparatur», sagt Schmutz. Gerade bei der Beratung sieht er einen wichtigen Unterschied zu Billiganbietern. Die Mitarbeitenden seien ausgebildete Velomechaniker und wüssten, worauf es bei einem Velo ankomme.
«Wir beraten Leute nicht fürs teuerste, sondern fürs richtige Velo», wendet Michèle Schmutz ein. Das könne ein E-Mountainbike für 8000 Franken sein, aber genauso ein E-Bike für 3500 Franken.
Ohne Werkstatt geht es nicht
Für Chrigu Schmutz gehört die Werkstatt deshalb zwingend zum Geschäft. «Ohne Werkstatt kann man keine Velos verkaufen.» Eine reine Werkstatt würde sich hingegen nicht rechnen. Verkauf und Reparatur müssten zusammenspielen.
Die persönliche Betreuung schaffe auch eine Kundenbindung über Generationen hinweg: «Die Grossmutter hat schon hier ein Velo gekauft und das Grosskind kommt dann auch in den Laden.»
Corona brachte Kunden aus der ganzen Schweiz
Während viele Betriebe heute noch davon sprechen, das Geschäftsniveau vor Corona nicht mehr zu erreichen, sieht es bei Velo Schmutz anders aus: «Wir kommen nicht mehr ans Corona-Niveau ran», sagt er lachend.
Während der Pandemie konnte Velo Schmutz vom grossen Lager profitieren. Viele Menschen verbrachten ihre Ferien in der Schweiz und investierten in Velos. Gleichzeitig herrschte weltweit ein Lieferengpass bei den Velos. Weil Schmutz weiterhin liefern konnte, kamen Kundinnen und Kunden von überall nach Worb.
«Wir konnten Kunden aus der ganzen Schweiz gewinnen, die heute noch zu uns kommen. Darauf sind wir stolz, das ist schon cool», sagt Michèle Schmutz.
Anteil E-Bike und Bio-Velo
Der Markt hat sich inzwischen wieder normalisiert. Die grossen Marken hätten ihre Preise gesenkt, und die Branche sei schwieriger geworden. Das E-Bike bleibt für Schmutz dennoch ein wichtiger Teil des Geschäfts. Rund 70 Prozent der verkauften Velos sind E-Bikes, 30 Prozent normale Velos.
E-Bikes waren früh im Sortiment
Dass E-Bikes heute einen so grossen Anteil ausmachen, kommt für die Familie Schmutz nicht überraschend. Schon Christians Vater setzte auf die Technologie. «Als Flyer die ersten E-Velos brachte, hatte mein Vater die von Beginn an im Sortiment. Viele andere Händler rümpften damals die Nase.»
Heute sind vor allem E-Mountainbikes gefragt. Bei den normalen Velos laufen Gravelbikes und Rennvelos gut.
So kam es zum Schmutzli
Velo Schmutz hat verschiedene Marken im Angebot. Bei Trek und Diamant gehört Schmutz zu den bestverkaufenden Händlern schweizweit. Gleichwohl entstand vor Jahren die Eigenmarke Schmutzli. «Die Leute wollten ein individuell zusammengesetztes Velo. Daraus entstand ein Tourenvelo, unser erstes Schmutzli», so Christian Schmutz. Bei Schmutzli lassen sich Farbe, Motor, Schaltung sowie vieles mehr kombinieren.
Ganz aus der Schweiz kommt das Velo allerdings nicht. Rahmen und Schaltung kommen aus Taiwan, andere Teile aus Deutschland, aber zusammengesetzt werden die Schmutzlis in der Schweiz. Ein komplettes Schweizer Velo gebe es nicht. «Wenn wir Schweizer Rahmen schweissen würden, könnte man das nicht bezahlen», sagt Schmutz.
Als der Worber Beck vor 120 Jahren aufs Velo setzte
Die Geschichte des Geschäfts reicht weit zurück. Damals betrieb die Familie Schmutz in Worb noch eine Bäckerei und ein Café. Für die Brot-Auslieferung kaufte der Urgrossvater Velos. Der Grossvater begann, diese zu reparieren. Bald brachten auch andere Leute aus dem Dorf ihre Velos zum Flicken. Daraus entstand vor 120 Jahren Velo Schmutz.
Dass der Laden heute in dritter Generation weiterlebt, wäre wohl im Sinne von Christians Grossvater gewesen. «Der hätte eine Riesenfreude und auch, dass es in Familienbesitz ist.»
Wie der Velohandel in den nächsten 120 Jahren aussieht, wissen die beiden nicht. Sicher ist für Chrigu und Michèle Schmutz nur: «Man darf nie stehen bleiben und kann nie ausruhen. Man muss immer am Ball bleiben oder besser gesagt am Rad!»
Velo Schmutz, Bernstrasse 18, Worb. Das Geschäft wurde 1906 gegründet, wird heute in dritter Generation weitergeführt. Velo Schmutz beschäftigt zehn Angestellte.