Jobwechsel mit 40

Warum Stephanie Balliana einen Neustart wagte

Mit 40 nochmals neu anfangen. Stephanie Balliana liess ihre Karriere in der Kommunikation hinter sich und wurde Lehrerin in Münsingen. Dieses Jahr präsidiert sie zudem das Gemeindeparlament. Beim Treffen erzählte Balliana, was in der Schule schwieriger ist als in der Kommunikation, und was sie über Schweizer Reaktionen zum Krieg im Iran denkt.

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Stephanie Balliana: «Ich bin immer gerne zur Schule gegangen.» (Foto: rb)

Wir treffen uns beim Tischtennistisch vor dem Münsinger Schulhaus Schlossmatt. Die Sonne scheint, auf dem Pausenplatz ist es ruhig. Stephanie Balliana kommt aus dem Haupttrakt und führt mich in ein Besprechungszimmer im Schulhaus. Sie unterrichtet hier seit letztem Jahr die Schülerinnen und Schüler von der siebten bis neunten Klasse. Mit 40 Jahren hat sie als Lehrerin einen beruflichen Neustart gewagt.

 

Erste Ausbildung: Die Kommunikatorin

Stephanie Balliana ist 44 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Aufgewachsen ist sie in Murten, Gymnasium und Uni besuchte sie in Freiburg. «Ich bin immer gerne in die Schule gegangen, wollte viel wissen und hatte gute Kameradschaften», sagt sie. Nach ihrem Studium von Medien und Kommunikation zog sie nach Bern und arbeitete sich hoch bis zur Leiterin Kommunikation bei Swisstransplant.

 

Zweite Ausbildung: Die Lehrerin

Mit 40 fasste sie einen Entscheid, der ihr Leben veränderte. «Ich habe gemerkt, dass ich Lernende oder auch junge Einsteiger gerne begleite auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen. Da fragte ich mich, wo ich das einsetzen kann.» Sie entschied sich darauf, für eine Ausbildung zur Lehrerin für die Oberstufe. Seit Sommer unterrichtet sie in Münsingen Deutsch sowie Wirtschaft, Arbeit, Haushalt.

 

Das Unterrichten gefalle ihr, jedoch sei der Wechsel happig gewesen, erklärt Balliana ganz offen: «Mir war nicht bewusst, wie etabliert ich in der Kommunikation war. Der Umstieg war herausfordernder als vorgestellt.» Plötzlich wieder Anfängerin zu sein, immer nachfragen, vieles nicht wissen, sich finden müssen. Das sei schon eine Umstellung gewesen.

 

Fachlich fühle sie sich durch die Pädagogische Hochschule gut vorbereitet. Entscheidend sei jedoch die Führung der Klasse und wie man die Jugendlichen begeistern könne: «Schliesslich müssen sie in die Schule kommen», sagt sie lachend und fügt an: «Die Frage ist immer: Wie bereite ich ein Thema auf, damit es die Schülerinnen und Schüler interessiert? Damit setze ich mich immer wieder auseinander.»

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«Die Perspektive verändert sich völlig.» (Foto: rb)

Neue Perspektive: Der Blickwechsel

Den Wunsch, Lehrerin zu werden, hatte sie schon früh. «Ich dachte schon als Kind an eine Ausbildung als Lehrperson, aber ich traute es mir damals nicht zu. Dafür musste ich 40 werden.» Der tägliche Kontakt mit Jugendlichen ging nicht spurlos an Balliana vorbei: «Die Perspektive verändert sich völlig. Wenn man im Leben steht, verändert sich der eigene Blick, er wird enger. Plötzlich muss man sich auf 14-Jährige einlassen, für die die Welt noch offensteht. Und sich fragen, was ist für sie wichtig, die jetzt aufwachsen?»

 

Weiter muss sie natürlich die Jugendsprache verstehen. Auch Themen wie Social Media seien präsenter, näher bei den Jugendlichen. An der Münsinger Schule gilt übrigens ein klares Reglement: Handys und Smartwatches müssen abgegeben werden.

 

Mehr fürs Geld: Der Umzug aufs Land

Nach Münsingen verschlug es die Familie Balliana vor ein paar Jahren. «Wir suchten einen Ort, wo man mehr fürs Geld bekommt als in der Stadt.» Münsingen sei praktisch, es gebe viele Möglichkeiten zum Einkaufen, eine Tagesschule und man sei schnell in Bern oder Thun.

 

Die Familie verzichtet bewusst aufs Auto. «Hier ist man gut angebunden. Wir sind viel mit dem ÖV unterwegs.» Für den Grosseinkauf steht bei Ballianas ein Lastenvelo bereit. Dies reiche völlig, um ein «paar Säcke Erde für den Garten zu transportieren», fügt sie grinsend an. 

 

Alles mal versuchen: Die Politik

Nach ihrem Umzug nach Münsingen kam bei Stephanie Balliana der Gedanke auf, sich politisch zu engagieren. «Ich will nicht nur über Probleme sprechen, sondern Lösungen finden», sagt sie. Aufgewachsen in einem links-gewerkschaftlich geprägten Elternhaus, musste sie ihre Partei erst finden. Sie besuchte verschiedene Parteien, sprach mit ihnen und landete bei der Grünliberalen Partei. Das Liberale und das Soziale hätten sie überzeugt.

 

Die Grünliberalen profilierten sich Anfang der 2010er-Jahre damit, die Energiewende zu unterstützen. Weg von der Atomkraft hin zu Solar. Braucht es die GLP überhaupt noch? Balliana sagt klar: «In der Umsetzung der Energiestrategie mehr denn je. Es geht darum, wie wir dies in Firmen, Privathaushalten, aber auch in den Gemeinden umsetzen.»

 

Kaum in der Politik angekommen, übernahm sie Anfang Jahr das Präsidium des Münsinger Parlaments. Inhaltlich liegen ihr Bildung und Soziales besonders nahe. Das integrative Schulsystem beurteilt sie positiv. «Die Vorteile überwiegen.» Es gehe um Chancengerechtigkeit. «Das ist eine Frage des Mindsets.»

Alles mal probieren: Das Tanzen

Ausgleich findet sie beim Tanzen und Pilates. In der Tanzschule lernt Balliana den zeitgenössischen Tanz – «meistens zu Pop oder Rock» – es sei ein wunderbares Training für jeden Teil des Körpers und auch für den Kopf.

 

Und schon wieder überrascht sie mit ihrer unkonventionellen Herangehensweise: «Ich wollte das eigentlich schon immer machen. Vor drei Jahren habe ich mit Tanzen angefangen und es macht Spass!» Der Schritt sei vergleichbar mit ihrem Berufswechsel oder dem Einstieg in die Politik. Frei nach dem Motto: «Mal schauen, was mich noch reizt.»

 

Blick auf die Welt: Ach, der Benzinpreis!

Der Interviewtermin fand kurz nach dem amerikanischen Angriff auf den Iran statt. Angesprochen auf die brisante Weltlage sagt sie: «Es relativiert sehr stark, wovor wir hier Angst haben. Wir sprechen hier von der Angst, dass der Benzinpreis auf zwei Franken steigen könnte. Angst ist, wenn man nicht weiss, ob man am nächsten Morgen aufwacht.» Gespräche mit Geflüchteten aus der Ukraine hätten ihren Blick in dieser Hinsicht geschärft.

 

Deshalb ist es wichtig, Orte zu haben, an denen man wieder runterfahren kann. Stephane Ballianas persönlicher Rückzugsort liegt ganz in der Nähe: «Im Frühling an der Aare, wenn sie wenig Wasser führt und man auf den Steinen spazieren und bräteln kann.»

Am Dienstag leitet Stephanie Balliana als Präsidentin die Sitzung Münsinger Parlaments. Auf der Traktandenliste stehen ein Kredit für den Kindergarten Buechli, ein Kredit für die Sanierung des Finkenwegs sowie ein Blick auf die unerledigten Vorstösse der Münsinger Politik.


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 12.03.2026
Geändert: 12.03.2026
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