Parlament Worb

Was Corn Flakes mit dem Lesen zu tun haben

Im Worber Parlament entfachte die Frage, ob Rüfenacht eine Bibliothek im Zentrum benötigt, rege Diskussionen. Offenbar zeigen Tests, zum Beispiel rund um die Geschichte der Brüder Kellogg, wie schlecht Schulkinder Texte verstehen. Ob dieses Beispiel die Abstimmung beeinflusste, ist unklar, aber es zeigte anschaulich, dass Bibliotheken eine Investition in Bildung sind.

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Zu reden gab im Parlament vor allem die Frage, ob im Zentrum von Rüfenacht eine Bibliothek entstehen soll. (Foto: cw)

Andy Marchand, der neue Präsident des Worber Parlaments, zeigte sich zufrieden: Die erste Parlamentssitzung unter seiner Leitung verlief «angeregt und doch respektvoll, genauso, wie ich mir das vorstelle». Zu diskutieren gab vor allem die Frage, ob es Sinn macht, in Rüfenacht eine Gewerbefläche in der Überbauung «zur alten Linde» zu kaufen und eine Bibliothek im Zentrum einzurichten.

 

Klug und notwendig – oder teuer und überflüssig?

Diese Forderung hatte die EVP-Fraktion letzten September unter dem Titel «Bibliothek Rüfenacht – neue Überbauung bietet neue Chancen» eingereicht. An der Februar-Sitzung argumentierte jetzt das Parlament eifrig für und gegen dieses Anliegen. Die Meinungen gingen von «das ist eine kluge und notwendige Investition in die Zukunft» (Ataç Sengül, Grüne) bis «590 000 Franken sind eine hohe Investition, da fände man besser eine Lösung mit der Bibliothek in Worb, die sieben Minuten Bähnlifahrt sind zumutbar» (Rolf Hager, FDP).

 

Jährlicher Text mit Verständnisfragen

Unterhaltsam war das Plädoyer des zuständigen Gemeinderats Christoph Moser: Er las einen Ausschnitt aus der Gründerstory der Kellogg’s CornFlakes vor und zeigte, wie die Geschichte um die beiden Brüder Will und John Kellogg heute in der Schule verwendet wird: «Fragen rund um diesen Text sollen zeigen, wie gut die Schülerinnen und Schüler das Gelesene auch verstehen können», erklärte Moser. Einmal jährlich werde ein derartiger Text den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe Worbboden vorgelegt.

 

Amüsante Antworten …

Die Jugendlichen müssten den jeweiligen Text gut durchlesen und danach Fragen dazu beantworten wie: «Was bedeutet: «Will stand im Schatten seines Bruders John»? – Ob das heisse: Will stand seltener in der Sonne als sein Bruder? Oder ob Will seinen Bruder oft beleidigte? Ob Will weniger beachtet wurde als sein Bruder – oder ob er kleiner war als sein Bruder? Eine amüsante Auswahl eigentlich.

 

… nicht so amüsante Resultate

Weniger amüsant dann die Resultate, die Moser präsentierte: «Fast drei Viertel der Schülerinnen und Schüler der 7. Realklassen konnten den Text nicht richtig verstehen», fasste er zusammen. Nur gerade sieben von hundert hätten ihn gut bis sehr gut verstanden. In der Sekundarschule sieht es gemäss Moser etwas besser aus: «Die Hälfte verstand den Text gut, 20 Prozent sogar sehr gut.» Aber immer noch 30 Prozent hätten den Text nur ungenügend verstanden, betonte er.

 

Eine Bibliothek als Aufwertung

Auch wenn diese Ergebnisse in der achten und neunten Klasse insgesamt noch besser aussehen: «Sie sind immer noch alarmierend.» Eine zentrale, gut zugängliche Schulbibliothek jedoch, argumentierte Moser, könne Jugendliche zum mehr Lesen animieren und damit solchem Unvermögen abhelfen. Sein Plädoyer lautete darum klar: «Der Raum in der neuen Überbauung wertet auch das Zentrum auf, und die Gelegenheit ist günstig – nutzen wir sie.»

 

«Für Wissen und Demokratie»

Die Argumente vonseiten der SVP- und FDP-Fraktionen, die das Projekt als «nicht sinnvoll genug» einstuften oder als «zurzeit nicht realistisch», vermochten sich nicht durchzusetzen. Zu sehr leuchteten die Argumente für die Bibliothek ein, beispielsweise jenes von Adrian Hodler, SP: «Lesen ist die Grundlage für den Alltag, fördert Wissen und ist wichtig für die Demokratie.» Der Verpflichtungskredit von 590'000 Franken wurde mit 19 gegen 13 Stimmen angenommen.

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Einigkeit quer durch die Parteien: Die umliegenden Gemeinden sollen die Finanzierung des Wisleparks mittragen. (Foto: Archiv BERN-OST)

Wenig Widerspruch für Wisleparkpostulat

Nicht gross zu diskutieren gab dann das dringliche Postulat der SP-Fraktion «Sanierung Wislepark – Beteiligung der umliegenden Gemeinden». Der Gemeinderat schreibt in der Stellungnahme: «Der Verwaltungsrat arbeitet bereits an entsprechenden Konzepten und wird anschliessend versuchen, die umliegenden Gemeinden für eine höhere finanzielle Unterstützung zu gewinnen.»

 

«Worb muss nicht alle Kosten tragen»

Gemeindepräsident Niklaus Gfeller ergänzte, die Leistungsverträge müsse zwar der Verwaltungsrat des Wisleparks ausarbeiten. Aber der Gemeinderat werde dabei wo weit möglich mithelfen, denn: «Die Situation, wie sie jetzt ist, ist nicht gut – Worb muss nicht alle Kosten tragen.» Ein Lastenausgleich wie im Kulturbereich fehle beim Sport noch gänzlich, daher empfehle er, das Postulat als erheblich anzunehmen.

 

Ohne rechtliche Grundlage, aber angenommen

Noch unklar ist, in welcher Form eine solche Beteiligung der umliegenden Gemeinden überhaupt aussehen soll: Eine rechtliche Grundlage besteht eigentlich nicht, aber quer durch die Parteien fanden alle, dass es unfair ist, wenn andere mitprofitieren und Worb die ganze Last trägt. Dementsprechend wurde das dringliche Postulat der SP-Fraktion nach ein paar Wortmeldungen grossmehrheitlich als erheblich angenommen.

 

Mitreden und mitzahlen lassen

Bereits letzten September hatte das Parlament auch das Postulat der Grüne-Fraktion «Einbezug der Bevölkerung beim Projekt 'Sanierung Wislepark'» als erheblich erklärt. Einigkeit also quer durch die Parteien: Die Bevölkerung soll bei der Sanierung des Wisleparks mitreden sollen, und die umliegenden Gemeinden sollen sich finanziell an dieser Sanierung beteiligen. Als erste Massnahme werden jetzt einmal die Postleitzahlen der Wislepark-Gäste erfragt. Alles Weitere wird sich weisen müssen.

Fraktionszusammensetzungen Präsidentinnen und Präsidenten

Grüne Worb: Myriam Gerber-Maillefer

FDP – liberale Fraktion Worb: Daniel Stucki

EVP Worb: Silvia Moser

Die Mitte/GLP Worb: Catarina Jost-Pfister

SVP Worb: Hans Ulrich Steinmann

SP Worb: Matthias Marthaler


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 04.02.2026
Geändert: 04.02.2026
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