Wenn der Kreisel zum Hindernis wird
BERN-OST-Leser Jean-Luc Lehmann hat sich ein paar Gedanken zum neuen - noch nicht fertigen - Kreisel vor dem Coop in Konolfingen gemacht. Er habe dieses Lesermail mit einem Augenzwinkern geschrieben, fügte er an.
Es gibt Dinge im Leben, die funktionieren einfach. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Niemand regt sich auf, niemand reklamiert, niemand verlangt nach Veränderung. Doch genau darin liegt offenbar das Problem: Was funktioniert, muss dringend verbessert werden!
So geschehen in Konolfingen.
Wer von Zäziwil her Richtung Konolfingen fährt, kennt die Einfahrt beim Coop. Eine ganz gewöhnliche Verkehrssituation. Eine Zufahrt, eine Ausfahrt, ein Fussgängerstreifen. Seit Jahren. Vielleicht nicht das achte Weltwunder, aber immerhin eine Lösung, mit der der Verkehr offenbar ganz ordentlich zurechtkam.
Doch dann kam die grosse Erkenntnis: Hier muss ein Kreisel hin!
Also wurde geplant, vermessen, gezeichnet, bewilligt, abgesperrt, aufgerissen, gebaggert und betoniert. Seit Wochen, ja Monaten wird gebaut. Mit schwerem Gerät, unzähligen Arbeitsstunden und einem finanziellen Aufwand, über dessen Höhe ich lieber gar nicht erst spekulieren möchte.
Und nun nimmt das Wunderwerk langsam Gestalt an.
Kürzlich durfte ich Zeuge einer besonders eindrücklichen Vorführung moderner Verkehrsplanung werden.
Mir entgegen kam ein Lastwagen mit Anhänger. Kein Schwertransport, kein überdimensioniertes Ungetüm, kein fahrendes Einfamilienhaus. Nein, ein ganz gewöhnlicher Lastwagen mit einem ebenso gewöhnlichen Anhänger.
Und dann geschah das Erstaunliche. Der Lastwagen wollte um den Kreisel. Der Kreisel wollte offenbar nicht.
Der Fahrer lenkte, der Lastwagen bog ab, doch der Anhänger hatte schlicht keinen Platz. Zum Glück hatten die Planer wenigstens für diesen Fall vorgesorgt: Die Kreiselmitte ist leicht abgeschrägt und überfahrbar. Also rumpelte der Anhänger kurzerhand über diese Rampe, bevor das Gespann seine Fahrt fortsetzen konnte.
Ein Kreisel, den man überfahren muss, um ihn befahren zu können!
Ich war beeindruckt.
Da werden offenbar beträchtliche Summen investiert, um eine Verkehrssituation zu verbessern, die mir persönlich nie als besonders problematisch aufgefallen ist. Von einer auffälligen Unfallhäufung an dieser Stelle habe ich jedenfalls nie gehört. Auch der Fussgängerstreifen war bisher klar signalisiert.
Natürlich kann es gute Gründe für einen solchen Umbau geben. Vielleicht schlummern irgendwo in einer Amtsstube Unfallstatistiken, Verkehrsprognosen oder Sicherheitsanalysen, die dem gewöhnlichen Verkehrsteilnehmer verborgen bleiben.
Aber eines bleibt bemerkenswert: Man baut einen Kreisel, der für ein alltägliches Lastwagengespann offenbar so eng ist, dass der Anhänger über die Mitte fahren muss.
Vielleicht ist das ja die neue Philosophie der Verkehrsplanung: Nicht mehr die Strasse soll zum Fahrzeug passen, sondern das Fahrzeug muss sich irgendwie mit der Strasse arrangieren.
Und sollte der Verkehrsfluss dadurch ins Stocken geraten, ist auch das kein Problem. Schliesslich nennt man das heute vermutlich «Verkehrsberuhigung».
Früher fuhr man einfach durch. Heute fährt man um etwas herum, manchmal darüber hinweg und fragt sich anschliessend, wozu das Ganze eigentlich gut sein soll.
Ich bin gespannt, wie sich dieses Bauwerk nach seiner Fertigstellung im Alltag bewähren wird. Vielleicht werden wir eines Tages erfahren, wie viel Geld dieser Kreisel tatsächlich gekostet hat, welche konkreten Probleme er lösen soll und weshalb seine Dimensionierung so gewählt wurde.
Bis dahin bleibt mir nur eine Erkenntnis: Man muss nicht jedes Problem lösen. Manchmal genügt es offenbar, zuerst eines zu schaffen.
Dies meine Beobachtung aus dem Verkehrsalltag im Emmental – während eines Stopps an einer roten Baustellen-Ampel. Immerhin blieb genug Zeit, dieses Meisterwerk moderner Verkehrsplanung zu bewundern. Die Ampel war rot. Der Fortschritt offenbar auch.