Wenn's wild wird, wird er zum Wirbelwind
Andy Marchand, dieses Jahr Parlamentspräsident und damit «höchster Worber», hat eine kurvenreiche Biografie. Der umtriebige FDP-Mann stellt im Gespräch sich und seine Ziele vor: Im Parlament will der Krisenmanager und Schulleiter vor allem «Probleme ihrer Lösung zuführen»; einige Schwänke aus seinem Leben hingegen erinnern an die Reise des Odysseus.
Wenn Andy Marchand im Parlament etwas vorträgt, muss man konzentriert zuhören: Der Mann redet schnell. Er denkt schnell. Und er packt viel an. Allein in Worb engagiert er sich als Vizepräsident der Aufsichtskommission, Vorstandsmitglied der FDP Worb und Feuerwehr-Vizekommandant. In der Ansprache zum Amtsbeginn verglich ihn SVP-Parlamentskollege Hans Ulrich Steinmann anerkennend mit einem «Vielfachgerät» aus der Landwirtschaft.
Landschaftsgärtner oder Astronaut …
Wer aber ist Andy Marchand, dieser Hansdampf? «Ich bin viele», sagt er nach kurzem Nachdenken. Täglich schlüpfe er in mehrere Rollen, wäre gerne auch einmal Landschaftsgärtner, Helikopterpilot oder Astronaut. Dann sagt er unvermittelt: «Bald werde ich fünfzig – eine Katastrophe.» So schlimm? Er nickt. «Die Zeit vergeht so schnell. Ich möchte am liebsten alles ausprobieren, aber was jetzt noch kommt, ist kürzer, als was war.»
… und Lehrer und stellvertender Feuerwehrkommandant
Das sagt einer, der in diese knapp fünfzig Jahre wohl doppelt so viel gepackt hat als andere, dessen Lebenslauf sich liest, als hätten sich drei Personen dafür zusammengetan: Sekundarlehrer, Zivilschutzinstruktor, IT-Spezialist E-Learning, Manager des Contact Tracing in der Coronapandemie, Betriebsleiter der Containersiedlung für Ukrainische Geflüchtete, stellvertretender Worber Feuerwehrkommandant – ach ja, und Schulleiter am Oberstufenzentrum Seidenberg in Muri ist er auch. Jetzt lächelt er breit. «Das stimmt, ich mache megaviel Megaspannendes.»
Nicht im Mittelpunkt, aber mittendrin
Trotz allem, und das mag überraschen, steht Andy Marchand nicht gern im Mittelpunkt. Viel wichtiger ist ihm, mitten im Leben zu stehen, am liebsten dort, wo es drunter und drüber geht, wo vernetztes Denken und unkompliziertes Anpacken gefragt sind. Das passt gut, denn sein Leben nimmt manchmal abrupte Wendungen, die selbst ihn überrumpeln. Marchand erzählt abwechslungsreich, und beim Zuhören drängt sich ein Vergleich mit Odysseus auf: Auch ihn hat seine Reise stets zu neuen, ungeplanten Abenteuern verschlagen.
Witzige Wendung
Am meisten amüsiert Andy Marchand selbst zurzeit die Tatsache, dass er heute Schulleiter ist – er, der als Jugendlicher, wenn ihm der Unterricht zu langweilig war, seine Lehrer derart piesakte, dass er aus dem Gymnasium flog. «Eine witzige Fügung.» Die Matur machte er dann trotzdem, in eigener Regie. Als er fand, er habe genug gelernt, meldete er sich zur Eidgenössischen Maturitätsprüfung an. Und bestand.
Geplatzter Berufstraum Nummer eins …
Das Medizinstudium musste er wegen einer Studienplatzreduktion auf die Wartebank schieben, später erfuhr er, dass die Wiederaufnahme nicht wie vorgesehen klappen würde. Damit begrub er seinen ersten Berufstraum und meldete sich bei der Berufsberatung. Dort ergab ein Test, dass Andy Marchand – weil so breit interessiert – bestens geeignet wäre als Lehrer. Er lachte auf und fragte: «Was ist die Alternative?» Antwort: «Keine.» So landete der Lehrerschreck an der Pädagogischen Hochschule, wurde Lehrer, arbeitete zehn Jahre lang am Oberstufenzentrum Worbboden und fühlte sich überraschend wohl in seinem Beruf.
… und Nummer zwei
Während seinem Studium verdiente Marchand sein Geld bei McDonald’s und liebte den Job. «In den Jahren am heissen Grill lernte ich hart arbeiten», sagt er. «Und ich lernte vor allem, wie essenziell wichtig Kundenzufriedenheit ist.» Daraus wuchs ein heimlicher Traum: Eines Tages würde er eine Lizenz für eine eigene McDonald’s-Filiale beantragen und dort seine Dienstleistungsfähigkeiten zur Perfektion bringen. Eisern sparte er jahrelang für den nötigen finanziellen Grundstock, stellte eine Dokumentation für die Bewerbung zusammen, dick wie ein Buch, und wollte die Bewerbung einreichen. Aber auch sein zweiter Berufstraum platzte.
Coronapandemie und Ukrainekrieg
Diesmal stoppte ihn die Coronapandemie. Und wieder drängt sich der Vergleich mit Odysseus auf, denn das Leben verschlug auch Marchand zu ungeahnten Abenteuern: Aufgrund seiner Tätigkeiten in Zivilschutz und Beruf wurde er quasi über Nacht zum Troubleshooter in der Pandemie, baute aus dem Chaos ein Contact Tracing auf – und wechselte während der Flüchtlingswelle aus der Ukraine fast fliegend zur Containersiedlung im Berner Viererfeld. Als die Container aufgebaut und die Abläufe sichergestellt waren, richtete er dort eine Schule für die vielen ukrainischen Jugendlichen ein, bevor er zur nächsten Krise gerufen wurde: Die Oberstufen in Muri sollten zusammengelegt werden, hundert empörte Lehrerinnen und Lehrer drohten mit Kündigung – eine Krise ganz nach Marchands Geschmack, er nahm die Herausforderung an.
Dann noch ins Worber Parlament …
Und ein solcher Macher wollte unbedingt auch noch in die Politik? Er schmunzelt. Dorthin hat es ihn verschlagen, weil ein Freund ihm nach einem hitzigen Diskussionsabend riet, nicht nur zu stänkern, sondern mitzureden. Das muss man einem wie ihm nicht zweimal sagen, flugs füllte Marchand eine Checkliste zur politischen Haltung aus und sah verblüfft: Seine Punkte lagen mitten im Blau des Freisinns. «Stimmt, das bin ich», war ihm sofort klar: «Ich bin überzeugt, dass jeder seines Glücks Schmied ist und der Staat nicht alles regeln muss.» Er meldete sich umgehend als Parteimitglied an.
… als sprachloser Präsident
Bald, nachdem der Stadtberner 2015 nach Worb gezogen war, sass er auch schon für die FDP im Parlament, das damals noch Grosser Gemeinderat hiess. Was er dort erreichen will? Marchand antwortet ohne Zögern: «Den öffentlichen Raum gestalten, progressiv und visionär handeln und Probleme ihrer Lösung zuführen.» Dieses Jahr ist Marchand ausserdem als Parlamentspräsident «der höchste Worber». Titel jedoch bedeuten ihm nichts. Er empfinde sein Amt als Ehre, aber wirklich bewirken könne er nicht viel: «Ich darf nicht einmal etwas sagen, höchstens, wenn nötig, den Stichentscheid geben.»
Das Feeling in der Feuerwehr
Irgendwann drängt sich die Frage auf: Hat der Mann auch Freizeit? Andy Marchand nickt, stutzt dann ein wenig, «ja, schon». Aber bei ihm lassen sich Freizeit und Arbeit nie ganz trennen, als Hobbies führt er auf seiner Homepage Politik und Feuerwehr auf. Die Feuerwehr jedoch ist längst mehr geworden, dort hat er buchstäblich Feuer gefangen: Inzwischen ist die Truppe für ihn zur Familie geworden, die sich privat bisher nicht ergeben hat. «Dieses absolute gegenseitige Vertrauen, das bedingungslose Füreinander-Einstehen, wenn es um Leben und Tod geht», jetzt leuchten Marchands Augen: «Das ist unbeschreiblich kostbar, dieses Feeling möchte ich nie missen.»
Klavierspieler und Fotoreiseleiter
Möchte der Rastlose einmal tatsächlich entspannen, setzt er sich ans Klavier und spielt Lieder, die er am Radio gehört und sich mit Tutorials selber beigebracht hat. «Dabei kann ich richtig schön abschalten.» Musik ist allerdings das einzige, das er wirklich zur Erholung macht, bei allem anderen zieht er Aufträge an wie ein Magnet: Einmal reiste er mit einem Freund auf eine Foto-Tour zu den Nordlichtern und war begeistert. Seinen längst überfälligen dreimonatigen Urlaub verbrachte bald danach erneut auf Fotoreisen – als Reiseleiter und Fotolehrer.
Nicht alles gut, aber alles ein wenig …
Andy Marchand ist viele und kann viele Krisen lösen. Was kann er nicht? Er runzelt die Stirn. «Ich kann vieles nicht gut, aber ich versuche alles.» Wahrscheinlich kann er gar nicht anders: Ein Mann, der von sich sagt, er schlafe nur dreieinhalb Stunden pro Nacht, braucht schnellen Wechsel und eine Portion Abenteuer. Ob ihm nach den zwei Jahren Krisen-Schulleitung die neue Rolle als «Alltags-Schulleiter» auf Dauer genügt?
… ausser vielleicht Normalleben
Er überlegt kurz, zuckt die Schultern und lächelt: «Das weiss ich noch nicht so genau, das muss ich noch herausfinden.» Aber wahrscheinlich zieht er Action einfach an: Zum Gespräch im Kafi BERN-OST erschien Marchand im Tiefflug, er musste vorher noch rasch ein akutes Problemgespräch mit zwei Jugendlichen aus der Oberstufe führen. Ob ihm solche Krisen genügen, muss sich zeigen. Denn Normalleben, so scheint es, ist ihm zu anstrengend.