Wer schlug ihr ins Gesicht? Und wer nahm die Goldkette?
Nach anderthalb Jahren wird der Raubüberfall von Schlosswil vor Gericht verhandelt. Es zeigt sich eine Geschichte um vier Männer, die alle beteuern, sie hätten gar keine Gewalt ausüben wollen. Die aber dennoch die 77-jährige Margrit Mosimann so brutal überfielen, dass diese verletzt wurde und die Folgen mit einer Therapie aufarbeiten musste.
Etwas angespannt steht Margrit Mosimann-Wyss im Gang des Regionalgerichts Bern-Mittelland: Bald geht der Gerichtssaal auf, dann werden sich die vier Angeklagten in die Reihe vor ihr setzen. «Ein seltsames Gefühl», findet die 77-Jährige. Dann streckt sie den Rücken durch und sagt, trotzdem sei sie auch froh: «Damit findet diese leidige Geschichte ihr Ende, und ich kann damit abschliessen.»
Ausspioniert und überfallen
Ihren Anfang fand «diese leidige Geschichte» am 19. August 2024 in Schlosswil: Während seiner Arbeit für eine Reinigungsfirma entdeckte einer der vier Angeklagten im Haus von Ernst und Margrit Mosimann einen Tresor, fotografierte ihn und beschloss schon bald zusammen mit seinem Bruder und zwei Kollegen, Geld und allfällige Wertgegenstände aus diesem Tresor an sich zu bringen. Am 23. September 2024 um 17 Uhr drangen deshalb drei von ihnen, maskiert und bewaffnet, gewaltsam in das Haus ein.
Hinuntergestossen und bedroht
Am ersten Verhandlungstag wird die ganze Geschichte noch einmal ausgerollt: Wie die Männer Margrit Mosimann mit dem falschen Postpaket an die Tür lockten, sie mit einer Pistole bedrohten, ihr voll ins Gesicht schlugen und sie grob die Treppe hinunterzerrten und stiessen. Und auch, wie im unteren Stock einer der Männer von der erschrockenen Frau drohend forderte: «Geld, Tresor!», und wie die drei dann stattdessen vom grossgewachsenen Ernst Mosimann mit lautem Rufen «äuä chuum!» in die Flucht geschlagen wurden.
«Was für eine Brutalität»
Vor Gericht schildert Margrit Mosimann das Ganze so klar, wie sie das bereits bei der ersten Einvernahme bei der Polizei erzählt und danach bei allen Vorverhandlungen wiederholt hatte. Nur einmal beim Schlusswort gerät ihre Stimme kurz ins Wanken: «Was für eine Brutalität, wenn man jemandem die Faust mitten in Gesicht schlägt!», ruft sie: «Wie kann man das? Das frage ich mich!»
Wenigstens gut begleitet
In der Pause atmet sie tief durch: «Hätte ich gewusst, dass ich alles noch einmal erzählen muss, während alle vier im Saal sitzen, wäre ich vorher noch viel nervöser gewesen.» Spontan legt sie Sibyl Appenzeller, die neben ihr steht, den Arm um die Schulter: Ihre Freundin aus Biglen hat sie schon zu den Einvernahmen begleitet, und auch an diesem Verhandlungstag bleibt sie, bis der Staatsanwalt sein Plädoyer beendet hat, obwohl sie Geburtstag hat. «Ohne dich würde ich das nicht schaffen», sagt Margrit Mosimann dankbar.
Die goldene Kette war weg
Ernst Mosimann hingegen ist der Verhandlung ferngeblieben. Er verdränge die Sache lieber, erklärt seine Frau: «Das Ganze hat sich auf seine Gesundheit ausgewirkt, es geht ihm nicht gut.» Auch wenn er sie nicht ans Gericht begleitet, ist ihm Margrit Mosimann heute noch dankbar, dass sein Auftreten die Räuber in die Flucht schlug und noch Schlimmeres verhinderte. Und dass am Ende einzig eine goldene Halskette fehlte – eine Kette allerdings, die Ernst Mosimann seiner Frau geschenkt hatte, und die über den Geldwert von 5000 Franken hinaus einen unbezahlbaren emotionalen Wert für sie hat.
Ein Informant und drei Räuber
Als die Beschuldigten nacheinander ausführlich befragt werden, zeichnet sich ein Bild von vier Männern, die ihren Weg durch das Leben nicht gefunden oder wieder verloren haben. Von vier Männern, die einzeln vielleicht nicht unrechtschaffen wären, im Viererpack jedoch einen zerstörerischen Mix ergeben. Zwar drangen nur drei der Männer in das Haus der Mosimanns ein, der vierte, der Informant, hatte Angst, man würde ihn vor Ort erkennen – immerhin hatte ihm Margrit Mosimann nur wenige Tage zuvor noch an ihrem Esstisch Znüni, Zmittag und Zvieri serviert. Mit seinem Wissen über das Haus trug er dennoch massgeblich zur Tat bei.
Verschwommene Abläufe …
Um einzuordnen, wer was getan hat, helfen die Bezeichnungen, die ihnen Margrit Mosimann verliehen hat: Sie sprach vom «Grossen», vom «Mittleren» und vom «Kleinen». Der Weg vom Auskundschaften bis zum Überfall bleibt dennoch verschwommen, ebenso der genaue Tatablauf: Jeder der Angeklagten beschönigt seine Rolle, keiner scheint wirklich Schuld zu haben. «Ich habe ja nur gesagt, dort habe es Geld», verteidigt sich der Informant. Wer denn die Idee hatte, ein Auto zu besorgen? «Ich weiss nicht.» Und wie die Pistole ins Spiel kam? «Ich weiss nicht.»
… und Drogen im Spiel
Auch sein Bruder bringt nicht mehr Licht in die Angelegenheit, er betont einzig: «Wir wollten ohne Gewalt vorgehen, dann ist es doch passiert.» Vielleicht spielte eine Rolle, dass zumindest bei zweien von ihnen auch Drogen im Spiel waren. Denn auch der Dritte im Bund kann partout nicht erklären, warum er plötzlich im Haus stand und mithalf, Margrit Mosimann gewaltsam die Treppe hinunterzubugsieren: Er habe doch nur wegen der zornigen Blicke des einen überhaupt mitgemacht – und überhaupt habe er eigentlich nur als Fahrer dabeisein wollen.
Wer war der Chef?
Die Befragung samt teilweiser Übersetzung auf Albanisch und Vietnamesisch zieht sich hin, aber für die Schuldzumessung ist wichtig, wer in dieser Sache was getan hat. Und wer der Chef dieser Aktion war. Einhellige Aussage: «Niemand.» Tatsache ist, dass das Quartett eine Gasdruckpistole, ein Postpaket und Pfefferspray organisierte, ein Auto mietete und die Nummernschilder abmontierte – dass die vier den Überfall also durchaus detailliert planten und keineswegs so zufällig hineinstolperten, wie sie den Anschein erwecken wollten.
Wer hatte die Pistole und wer klaute die Goldkette?
Für das Gericht, fasst der Staatsanwalt in seinem Plädoyer zusammen, gelte es zu klären: Wer von den dreien bedrohte Margrit Mosimann mit der Pistole, wer rammte ihr die Faust ins Gesicht und wer griff ihr mit behandschuhten Fingern in den Mund, um sie am Hilferufen zu hindern? Und: Wer riss ihr die Goldkette ab und liess sie mitlaufen? Auch wenn jeder der Angeschuldigten «es Burdeli» zu tragen habe, sagt er, rechtfertige das keineswegs, dass sie mit ihrer Tat dem Ehepaar Mosimann eine solche Bürde aufgelastet hätten.
Haftstrafen und Landesverweis gefordert
Der Staatsanwalt verlangt Haftstrafen von 41 bis 50 Monaten und beantragt in zwei Fällen einen Landesverweis, einmal für neun Jahre, einmal für zehn. Um zehn vor sechs Uhr abends holt Margrit Mosimann ihre Handtasche aus dem Besucherkästchen und tritt durch die grosse automatische Tür. «Jetzt bin ich nudelfertig», erklärt sie matt. Und doch will sie wieder dabeisein, als tags darauf die drei Verteidiger und die einzige Verteidigerin ihre Plädoyers halten.
Sie will bei der Urteilsverkündung dabei sein
«Es war sehr spannend und hat mir vieles aufgezeigt», findet sie am Ende des zweiten Tages. Aber die Rätsel um die Gewaltübergriffe und um den Verbleib der Goldkette sind auch nach dem zweiten Verhandlungstag noch nicht gelöst. Umso mehr will Margrit Mosimann auch am Gründonnerstag dabei sein, wenn das Urteil verkündet wird: So zielstrebig, wie sie ihr Trauma mithilfe ihres Therapeuten Thomas Lips verarbeitet hat, will sie jetzt endlich den ganzen Überfall abschliessen.
Am Rande ...
Zwei der Männer haben einen Entschuldigungsbrief an die Mosimanns geschrieben, der eine hat inzwischen 1000 Franken «Kettenersatzgeld» bezahlt, «obwohl ich sie nicht genommen habe», wie er betont. Aber es tue ihm alles sehr leid. Auch die anderen betonen vor Gericht immer wieder ihre Reue. Die Goldkette, Margrit Mosimanns Lieblingsschmuckstück, das sie von ihrem Mann geschenkt erhielt, ist nicht wieder aufgetaucht.