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Worb - Blaues Bähnli fährt aufs Abstellgleis

Quelle
Berner Zeitung BZ

Bis 2024 will Bernmobil rund 20 neue Trams beschaffen. Zum Einsatz kommen werden sie auch auf der Linie 6 nach Worb. Dort verdrängen sie das blaue Bähnli, das seit dem legendären Sketch aus den 1950er-Jahren Kultstatus geniesst.

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FC-Basel-Tram? Nein, blaues Bähnli. Seit Ende 2010 sind die alten RBS-Züge bereits in Rot-Blau unterwegs. Bis 2024 werden sie nun durch Trams ersetzt, die ganz rot sind. (Bild: Urs Lindt)

Eine Ära geht ihrem Ende entgegen. Gemeinsam kündigten gestern die städtischen Verkehrsbetriebe Bernmobil und der Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS) an, dass sie die blau-roten Trams auf der Linie 6 von Worb ins Fischermätteli ersetzen wollen. 2024 ist es so weit. Dann werden die Trams, die vor bald 30 Jahren vom RBS beschafft wurden und ursprünglich rein blau eingefärbt waren, ihre Lebensdauer erreicht haben.

Damit verschwindet nicht einfach ein Fahrzeug, sondern das blaue Bähnli, das weit über die Region hinaus Kultstatus erlangt hat. Schuld ist der legendäre Sketch aus den 1950er-Jahren, in dem ein Deutscher einen Einheimischen um den schnellsten Weg nach Worb fragt. Nach einigem Hin und Her merkt der Fremde, dass ihm das blaue Bähnli gerade vor der Nase abfährt.

Dass gar nicht von der heutigen Linie 6 durchs Kirchenfeld die Rede war, weiss heute allerdings kaum mehr jemand. Im Auge hatte der Sketch vielmehr das blaue Bähnli auf der zweiten RBS-Linie nach Worb, die damals vom Zytglogge aus via Kornhausbrücke und Breitenrain ins Worblental führte – und heute mit den genauso legendären Mandarinli-Zügen im Bahnhof Bern startet.

Blau, blau-rot, rot

Die neuen Trams für die Linie 6 werden nicht mehr vom RBS, sondern von Bernmobil gekauft, und sind deshalb nicht mehr in Blau, sondern in Rot gehalten. Die städtischen Verkehrsbetriebe machen so definitiv sichtbar, was eigentlich schon seit Ende 2010 gilt. Damals übernahmen sie die Verantwortung für die RBS-Linie von Worb durchs Kirchenfeld nach Bern und verlängerten sie als neue Tramlinie 6 bis ins Fischermätteli.

Um den Wechsel wenigstens ein Stück weit zu markieren, liessen die Verantwortlichen das blaue Bähnli sofort zum Teil rot einfärben. Was den Fahrzeugen prompt den zwiespältigen Ruf eintrug, in Bern ‹Reklame für den ebenfalls in Blau-Rot agierenden FC Basel zu machen.

Die Vevey-Trams

Bernmobil packt die Gelegenheit beim Schopf und ersetzt bis 2024 auch die eigenen, etwa gleich alten Vevey-Trams. So kommt eine Bestellung von rund 20 Fahrzeugen mit einem Investitionsvolumen von 80 bis 100 Millionen Franken zusammen.

Dank der neuen Trams werde Bernmobil über eine einheitliche Flotte verfügen, die einen flexiblen Einsatz der Fahrzeuge auf allen Linien zulasse, hiess es in der Mitteilung von gestern weiter. Wobei Unternehmenssprecher Rolf Meyer präzisierte: Volle Flexibilität werde nur bei jenen Trams erreicht, die mit der für die Fahrt nach Worb obligatorischen Zugsicherung ausgerüstet würden. Bei allen anderen Fahrzeugen bleibe der Einsatz dagegen aufs Stammnetz beschränkt– wie viele das sein werden, konnte Meyer noch nicht sagen.

Ein Schulterschluss

Klar ist dagegen wieder, dass auch nach 2024 Wagenführer des RBS auf der Tramlinie 6 unterwegs sein werden. Diese sollen mehr und mehr auch bei Bernmobil zum Einsatz kommen. Schon ab Ende Jahr sitzen sie in den roten Trams, die vereinzelt schon heute auf der Linie 6 verkehren (siehe Kasten). Ein Jahr später fahren sie sogar auf allen Tramlinien.

Einen Schulterschluss planen die beiden Unternehmen zudem im Unterhalt. Während die Fahrzeugwäsche und der Kleinunterhalt bei Bernmobil am Eigerplatz konzentriert werden, besorgt der RBS in Worb künftig den Grossunterhalt. Hier wie dort wären Investitionen nötig, die sich nun einsparen lassen. Die Rede ist von einem Betrag in zweistelliger Millionenhöhe.

[i] Schleife im Siloah

Ein Führerstand oder nicht doch besser zwei? Für Bernmobil war bisher klar, dass Trams nur über einen Führerstand verfügen. Ob die städtischen Verkehrsbetriebe auch bei den neuen Fahrzeugen an dieser Philosophie festhalten, ist noch offen. «Es kann sein, dass wir mit Blick auf diese Bestellung die Frage prüfen», sagt Sprecher Rolf Meyer – um gleich einzuschränken: Ein Wechsel von Ein- zu Zweirichtungsfahrzeugen wäre sicher mit Aufwand verbunden. «Das müssen wir gewichten.» Bleibt Bernmobil bei einem Führerstand, bekommt wenigstens die neue, 3 Millionen Franken teure Wendeschleife beim Siloah-Spital einen Sinn. Nur dank ihr können heute auf der Linie 6 auch die Trams von Bernmobil vorzeitig in Gümligen wenden. Die roten Fahrzeuge mit nur einem Führerstand sind indes in klarer Minderzahl – noch immer ist nach Worb hauptsächlich das blaue Bähnli des RBS unterwegs. Es verfügt über zwei Führerstände und könnte auch ohne Schleife wenden.


Autor*in
Stephan Künzi, Berner Zeitung BZ
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Erstellt: 04.02.2015
Geändert: 04.02.2015
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