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Zäziwil - Lossels Traum

Quelle
Berner Zeitung BZ

Arbeit, Wochenende, Alltagstrott: Matthieu Lossel braucht mehr vom Leben. Er will deshalb am härtesten Velorennen der Welt teilnehmen, das ohne Halt quer durch die USA führt.

Matthieu Lossel trainiert 20 Stunden pro Woche. Als «Ausgleich» zum 100-Prozent-Job. (Bild: Christian Pfander)

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Velo durch die Wüste. Tagelang. Bis zu den Bergen am Horizont. Und dann fahren Sie einfach weiter. Rauf auf die Pässe und wieder hinunter aufs topfebene Land. 4800 Kilometer müssen Sie hinter sich bringen, und das in nicht einmal zwei Wochen Zeit. Sie kämpfen gegen Ihre Beine und Ihren Geist, gegen die Langeweile und die unerbittliche Zeit. Schlafen werden Sie auf diesem Höllenritt wenig bis gar nicht. Jetzt haben Sie eine vage Vorstellung von Matthieu Lossels Traum.

 

Ausgleich?

Matthieu Lossel, 28, Schiebermütze und Arbeiterkluft, steht in seiner Küche und entschuldigt sich: Er könne nur Wasser, Tee, Sirup und Kaffee anbieten... und Nougat. Auch wenn man ihm versichert, dass ein Glas Wasser wirklich genüge, wohl ist es ihm nicht. Der Mann ist schmal gebaut, fast stromlinienförmig. Das harte Training hat aus dem Büezer einen Spitzenathleten geformt.

 

Der 28-Jährige lebt zwei Leben. Ein normales, in dem er Schreiner ist, jeden Morgen um halb sieben auf der Matte steht. Und ein verrücktes mit 20 Trainingsstunden in der Woche. Lossel nennt es seinen «Ausgleich».

 

In einem Jahr will er das Race Across America absolvieren. Das «RAAM» gilt als das härteste Radrennen auf dem Planeten. Die Route verläuft von der US-West-an die Ostküste. Durch die Sierra Nevada, über die Rocky Mountains, durch den Mittleren Westen, über die Appalachen. Nur wer den Kontinent in zwölf Tagen durchquert und unterwegs keinen Kontrollschluss verpasst, beendet das Rennen offiziell.

 

«Vollgas!»

Lossel hat einen Zettel an einen Balken in seiner Dachwohnung gepinnt. «Ich werde das RAAM 2020 gesund in 10 Tagen finishen», steht da. Überhaupt merkt jeder, der sein Zuhause in Zäziwil betritt: Dieser Mann ist auf einer Mission. Seine beiden Velos hat er im Wohnzimmer geparkt. Auf dem Schrank stehen dicke Büchsen voller Proteinpulver. Und auf seinem Laptop befinden sich Trainingspläne, bei denen einem angst und bange wird: viel Rumpfkraft und viele Intervalls – «Puls rauf, Vollgas!». Samstags gibts die kleine Runde um den Thunersee, am Sonntag die grosse über rund 200 Kilometer. Im Mai und Juni stehen 24-Stunden-Trainings an, im Sommer einige Rennen. Da will er die Qualifikation fürs Rennen durch Amerika schaffen.

 

Beim Ultra Cycling bleibt die Stoppuhr nie stehen, Schlaf und Pausen gehören zum Rennen und bleiben deshalb auf ein Minimum beschränkt. Ein, zwei Stunden hie und da. Wenn der Körper nicht mehr kann. Lossel weiss, dass das eigentlich verrückt klingt. Er weiss, dass er Grenzen überschreitet, seinen Körper in die totale Erschöpfung treibt. Wie kann das Ausgleich sein?

 

«Ich brauche Ziele im Leben», sagt er. «Und wenn ich sie erreicht habe, brauche ich neue.» Er liebe seinen Beruf, aber dieses An-die-Grenzen-Gehen finde er im Alltag nicht. Früher spielte Lossel Fussball. «Leidenschaftlich.» Irgendwann aber war die Lehre abgeschlossen und der Fussball nicht mehr genug. Lossel stieg aufs Velo um. «Ein geniales Fortbewegungsmittel.» Sein allererstes hat er heute noch. «Ein rotes mit Flammen an den Seiten.»

 

Angefangen hat alles mit lockeren Ausfahrten. Ans erste Rennen nahm ihn ein Freund mit. Er nahm die Hürde, dann die nächste und die übernächste. Irgendwann war in seinem Kopf nur noch das RAAM übrig.

 

Manchmal sagt er sich: «Du spinnsch doch!» Wenn er wieder einmal mitten in der Nacht auf dem Velo sitzt und ein freies Wochenende opfert. Aber dann kommt er in der Morgendämmerung auf dem Gotthard an. «Mausbeinalleine.» Er spürt die kühle Luft, die Beine sind plötzlich ganz leicht. Er saugt diese Momente auf, die Natur, das Panorama. «Ich muss nichts machen, nur fahren, einfach nur fahren.»

 

Mehr vom Leben

Matthieu Lossel hat seinen Vater früh verloren. An den Krebs. Er ist ewig dankbar für dieses eine Jahr, das die Familie noch mit ihm hatte. «Der Verlust hat ihn geprägt», sagt seine Mutter Pia. Die Sache mit dem Ausgleich, für sie ist es auch Verarbeitung: «Es ist wie ein Ventil, das er öffnen kann.» Matthieu fühle diese riesige Verantwortung gegenüber den Menschen. Wenn er auf dem Fahrrad sitze, könne er alles für einen Moment ablegen. «Einfach bei sich sein.»

 

Matthieu Lossel ordnet seinem Traum praktisch alles unter. Von Verzicht spricht er nicht. «Jetzt gibt es nur noch selten ein Bier.» Ist halt so. «Das Härteste ist der fehlende Schlaf.» Gehört dazu.

 

Neun Leute wird er ans RAAM mitnehmen, darunter seine Mutter. Das Rennen ist nicht nur sein Projekt. Er will das Erlebnis mit dem engsten Kreis teilen. Sie werden ihm im Begleitfahrzeug folgen, im Camper das Essen zubereiten, ihn unterstützen. 50 000 Franken hat er für den gesamten Tross budgetiert. Einen grossen Teil hat er beisammen, den Rest wird er auch noch auftreiben.

 

Wie andere Fahrerinnen und Fahrer radelt Lossel auch für einen guten Zweck. Zehn Prozent seiner Sponsorenneinnahmen wird er ans Register für Blutstammzellenspender weitergeben. Er ist selbst zweimaliger Spender. Beim ersten Mal nahmen ihm die Ärzte mehr als ein Kilogramm Knochenmark ab. Seine Leistung ist danach eingebrochen. Aber er hatte dieses Jahr mit dem Vater, andere sollen es auch bekommen. «Ich weiss, wie wertvoll das ist.»

 

Matthieu Lossel sagt: «I bi ä ganz normale Typ.» Und doch ist er anders. Extremer. In allem. «I bruuche villech ä chli meh vom Läbe.» Ja, braucht er.


Autor
Cedric Fröhlich, Berner Zeitung BZ
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Erstellt: 13.05.2019
Geändert: 13.05.2019
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