Zeigen, wie aus einer Passion etwas Schönes entsteht
In den nächsten Monaten wird die Ausstellung «Trachtenkult(ur)» im Dorfmuseum Alter Bären in Konolfingen durch verschiedene Anlässe belebt: Zu sehen sind nicht nur Filigranschmuck und Trachten, sondern viele spannende Einblicke in das dazugehörende Kunsthandwerk. Unter anderen werden Trachtenschneiderin Caroline Strahm und Filigranschmuckherstellerin Marion Geissbühler ihre Arbeit vorführen.
Der alte Bären Konolfingen ist ein Lokalmuseum und könnte durchaus etwas verstaubt daherkommen. Stattdessen präsentiert der Verein alter Bären die Kultur und Tradition aus der Region äusserst lebendig: Immer wieder lassen sich die Verantwortlichen Neues einfallen. Nach der letztjährigen Sonderausstellung «Eisenbahnen des Emmentals» geht es in diesem und im nächsten Jahr um «Trachtenkult(ur)» und das kunstvolle alte Handwerk, das zur Herstellung einer Tracht oder eines Mutzes benötigt wird. Ausstellungsleiterin Marlis Mosimann und ihr Team haben sich viel Interessantes einfallen lassen, und wer bisher dachte, eine Tracht sei einfach ein ländliches Kleidungsstück, wird an dieser Ausstellung rasch eines Besseren belehrt.
60 Stunden für eine Sonntagstracht
An Spezialanlässen vom 19. April bis am 15. November ist live zu sehen, wie reichhaltig die Trachtenkultur daherkommt: Wie die Trachtengruppe Konolfingen tanzt, wie gejodelt wird, aber auch, was alles an Handwerk nötig ist, bis ein Mutz oder eine Tracht fertiggestellt sind. Allein zum Nähen einer schmucken Berner Sonntagstracht rechnet die diplomierte Trachtenschneiderin Caroline Strahm rund 60 Arbeitsstunden, also anderthalb Wochen Arbeit. «Für eine Landfrauentracht, die schlichteste der Trachten, brauche ich etwas weniger lang», sagt sie. In jedem ihrer Stücke steckt jedoch gleich viel Sorgfalt und Wissen: Caroline Strahm kennt alle Berner Trachten und hat sich darauf spezialisiert, Emmentaler Trachten zu nähen.
In der Tracht an die Konfirmation
So viel Arbeit gibt es nicht umsonst: Für die aufwendige Berner Sonntagstracht verlangt Caroline Strahm um die 4000 Franken, «dieser Preis variiert aber je nach Aufwand». Zurzeit herrscht in ihrem Atelier im Schloss Sumiswald Hochbetrieb. «Im Juni finden viele Trachtenfeste und Jodlerfeste statt», sagt sie, «und zudem werden Trachten immer gefragter für Konfirmationen – es gibt einen richtigen Aufschwung bei Jungen.» Zu dieser Zeit läuft jeweils auch die Trachtenbörse besonders gut, die sie mit ihrer Kollegin Jrene Burkhalter führt: Viele Junge lassen sich gern eine Occasions-Tracht umändern.
Zeigen, wie ein Mieder entsteht
Während im Trachtennähatelier die Sommermonate dann ungefähr so ruhig werden wie die stillen Wintermonate, werden schon im Herbst wieder zahlreiche Trachten verlangt, bevor die Konzerte von Jodelchören und Trachtengruppen stattfinden. Das sei an sich erfreulich, sagt Caroline Strahm, nur: «Die Zahl der Trachtenschneiderinnen wächst nicht ensprechend zur grösseren Nachfrage, wenige Junge nehmen die zweieinhalb Jahre dauernde Zusatzausbildung auf sich.» Umso mehr freut sie sich, am 6. September ihr traditionelles Handwerk im alten Bären vorzuführen. Sie werde dann ein aktuelles Stück mitbringen, ein Mieder vielleicht, und daran die Kunst zeigen, die sie sich in all den Jahren mit Leidenschaft und Herzblut angeeignet hat.
Filigraner Silberschmuck als wichtiger Bestandteil
Mit dem Nähen allein ist aber eine festliche Tracht noch lange nicht vollständig: Zu einer Sonntagstracht gehört unbedingt der traditionelle Filigranschmuck: die sogenannten Göllerhafte, die Brusthafte, die Brosche und die Blüemli und dazu die Ketten, die das schwarze Mieder zieren. Wie die dekorativen Stücke aus Silberdraht hergestellt werden, zeigt Marion Geissbühler am 17. Mai, und auch sie freut sich schon darauf, ihr filigranes Handwerk und das traditionsreiche Atelier Geissbühler aus Konolfingen dem Publikum vorzustellen.
Eine Art lebendiger Ballenberg
Viele Leute hätten heute die Verbindung zum Handwerk verloren, sagt sie. «So sieht man einmal, wie etwas in der Schweiz von Hand hergestellt wird.» Die Ausstellung vergleicht Marion Geissbühler deshalb mit einer Art lebendigem Ballenberg, das die Geschichte lebendig werden lässt. Für sie persönlich sei es sehr spannend, sich dadurch in ihre Familiengeschichte zu vertiefen: «1880 startete mein Ururgrossvater Fritz Geissbühler aus ärmlichen Verhältnissen in Grünenmatt als Filigranschmuckhersteller», erzählt sie. Für sie ist es berührend, Ausstellungsgegenstände aus seiner Zeit in den Händen zu halten.»
Frauenpower im Schmuckhandwerk
Den filigranen Fotorahmen beispielsweise, der an der Ausstellung ebenfalls zu sehen ist, stellte ihr Vorfahre um 1900 her. Wenn Marion Geissbühler ihn betrachtet, freut sie sich immer wieder, wie aus einer Passion etwas Schönes entstehen kann. Mittlerweile führt sie das bisher männerlastige Geschäft in der fünften Generation als erste Frau weiter, und sie hat Freude an ihrer Arbeit: Während ihr früher vor allem Design und Gestaltung wichtig waren, schätzt sie heute besonders den persönlichen Kontakt mit ihren Kundinnen und Kunden.
Trachtenschmuck erzählt Geschichten
Besonders der Trachtenschmuck, der von Generation zu Generation weitergegeben werde, erzähle ganze Geschichten, schwärmt sie: «So wird etwas Schönes mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft.» Und dank der Ausstellung hat auch sie sich einmal die Zeit genommen, sich einzulesen in das Schaffen ihrer Vorfahren. «Und dabei habe ich den Kelch meines Ururgrossvaters Fritz Geissbühler zum ersten Mal in der Hand gehalten, er steht sonst in einem Archiv der Berner Designstiftung.» Bei so viel farbiger und gelebter Geschichte wird kaum jemand die Ausstellung im alten Bären Konolfingen verstaubt finden.
Sonderausstellung «Trachtenkult(ur)»
Dorfmuseum alter Bären, Konolfingen: Jeden 1. und 3. Sonntag im Monat jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Sonntag, 19. April, von 14 bis 17 Uhr: Tanzshow der Trachtengruppe mit Workshop. Die Trachtengruppe Konolfingen besteht bereits seit 90 Jahren: Am 18. Januar 1936 versammelten sich starke Frauen im Hotel Bahnhof zum Gründungsfest und setzten sich dafür ein, dass Tanz, Gesang und Gemeinschaft seither zu einem festen Bestandteil des Dorflebens wurden. Mit der erst 23-jährigen Andrea Krähenbühl hat die Trachtengruppe Konolfingen wohl die jüngste Präsidentin weitum.
Weitere Infos und Daten von Anlässen finden Sie hier und hier.