Geht uns das Wasser aus?

«Die Situation ist angespannt»

Trockene Jahre gab es früher schon. Aber noch nie haben so viele Gemeinden in der Region praktisch zeitgleich zum Wassersparen aufgerufen. Auch beim Blick aus dem Redaktionsfenster drängt sich die Frage auf: Trocknet die Region Bern-Ost aus? Wir haben Urs Wälchli, Geschäftsführer der InfraWerke Münsingen, gefragt.

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Blick von der Redaktion auf den Wislehügel: Sonst üppig grün, inzwischen trocken beige. (Foto: pg)

Ein Blick aus dem Fenster unserer Redaktion in Worb zeigt beiges Steppengras statt üppig grüner Wiese auf dem Wislehügel, in den meisten Gärten sieht es nicht viel anders aus: Trockenheit herrscht, und zwar aufgrund verschiedener Faktoren. Zahlreiche Gemeinden haben zum Wassersparen aufgerufen.

 

Dass so viele Gemeinden der Region auf einmal einen solchen Aufruf zum Wassersparen publizieren, ist in den letzten Jahren nie vorgekommen. Da drängt sich die Frage auf: Geht uns das Wasser aus? Wir fragten Urs Wälchli, Geschäftsführer der InfraWerke Münsingen, wie dramatisch die Lage wirklich ist. Er erklärt das am Beispiel Münsingen.

 

BERN-OST: Die Trockenheitskarte des Bundes zeigt mit wenigen Ausnahmen die höchste Stufe, «extrem trocken» – wie sieht es rund um Münsingen aus?

Urs Wälchli: Auch in Münsingen sind die Auswirkungen der Trockenheit deutlich spürbar. Anhaltende Hitze und geringe Niederschläge lassen den Wasserverbrauch derzeit sehr hoch steigen. Gleichzeitig ist die Ergiebigkeit der Quellen im Toppwald bei Niederhünigen sowie der Quellen Lochenberg stark zurückgegangen. Und auch der Grundwasserstand der Aare liegt für den Monat Juni bereits auf einem vergleichsweise tiefen Niveau.

 

Müssen wir uns Sorgen machen?

Die Situation ist aktuell noch nicht dramatisch, aber angespannt: Unsere Anlagen sind für eine hohe Auslastung eingerichtet, aber statt 4'700 Kubikmeter pro Tag, wie im vergangenen Jahr, liegt der Tagesverbrauch aktuell bei 6'090 Kubikmeter pro Tag. Wir beobachten das genau, zurzeit ist die Situation jedoch bewältigbar.

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Urs Wälchli, Geschäftsführer der InfraWerke Münsingen: An die Vernunft appellieren, aber nicht auf Panik machen. (Foto: zvg)

«Bewältigbar» klingt nicht unbedingt beruhigend …

Grundsätzlich haben wir genug Wasser, vor allem dank dem Grundwasser: Das ist Wasser aus unterirdischen Brunnen, die bis hundert Meter von der sichtbaren Aare entfernt unter dem Boden liegen und von Kies und Sand gefiltertes Wasser auffangen. Im Aaretal haben wir eine sehr komfortable Lage, und die Region Münsingen ist dank dieser Grundwasserbrunnen gut versorgt. In höher gelegenen Gemeinden, die sich auf Quellwasser abstützen müssen, kann es eng werden. 

 

Zusätzlich herrscht überall Waldbrandgefahr: Wie steht es um das Löschwasser?

Die Wasserversorgung ist jederzeit sichergestellt, und zwar inklusive Löschwasser: Wir haben klare Vorgaben, dass die Löschwasserreserve nie unter einen bestimmten Stand geraten darf, damit immer genug vorhanden ist.

Es gab ja bereits andere Hitzesommer, beispielsweise 2003, 2015 und 2018 …

Eine vergleichbare Entwicklung zeigte sich im Trockenjahr 2018: Insbesondere die Monate Juli und August waren damals sehr heiss und niederschlagsarm. Da auch im September nur wenig Regen fiel, gingen die Wasserstände weiter zurück und erreichten im Oktober vielerorts kritische Werte.

 

Und doch scheint es dieses Jahr akuter zu sein: Trifft der Wassermangel die Region härter als sonst?

Der Juni 2026 dürfte zu den Monaten mit den höchsten Wasserverbräuchen gehören. In Münsingen ist aber ein wesentlicher Grund dafür, dass die Gemeinde Wichtrach im Juni zusätzlich durch die InfraWerke Münsingen mit Trinkwasser versorgt wurde. Diese Übergangslösung bleibt bestehen, bis die neue Versorgung durch den Wasserverbund Region Bern fertiggestellt ist und Wichtrach an dessen Pumpwerk angeschlossen werden kann.

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Das ist ein klar feststellbarer Faktor. Gibt es noch andere Gründe?

Im laufenden Jahr war bereits der Juni aussergewöhnlich heiss und brachte nur geringe Niederschlagsmengen. Sollte diese Witterung ähnlich wie im Jahr 2018 weiter anhalten, könnte sich die Situation bis zum Spätsommer zusätzlich verschärfen.

 

Was passiert dann?

Steigt der Wasserverbrauch weiter an, kann die Wasserversorgung zunächst während einzelner Spitzenzeiten an ihre Belastungsgrenze kommen. Besonders hoch ist der Verbrauch am Abend, wenn viele Menschen gleichzeitig nach Hause kommen, duschen, die Toiletten benutzen oder ihre Gärten bewässern. Zusätzliche grossflächige Bewässerungen könnten in diesen Zeitfenstern zu Versorgungsengpässen führen. Dies gilt es zu vermeiden.

Welches sind die grössten Wasserfresser?
Der Wasserverbrauch unterscheidet sich je nach Wochentag deutlich: Im Durchschnitt entfällt der grösste Anteil auf Industrie und Gewerbe. Danach folgen die Haushalte, die Landwirtschaft und die Schulanlagen. Das Schwimmbad  und einzelne landwirtschaftliche Bewässerungsanlagen verfügen teilweise über eigene Wasserfassungen und belasten die öffentliche Wasserversorgung daher nicht zusätzlich.

Lösungsansatz in Konolfingen & Co: Gestaffelter Wasserverbrauch

Die Wasserverbund Kiesental AG, anders als Münsingen nicht mit Zugang zu Aarewasser, ist auf ihre Quellen und Grundwasserpumpwerke angewiesen. Dennoch habe man den Wasserverbrauch zurzeit gut im Griff, sagt Geschäftsführer Anton Pieren auf Anfrage: «Wir haben schnell festgestellt, dass wir vor allem zu Spitzenzeiten an die Grenzen kommen und daher früh angefangen, die Wasserbezugszeiten zu staffeln.»

 

Klares Verbrauchsregime …

Erste Versuche zeigten, dass sich das lohnt, inzwischen hat sich ein klares Regime bewährt: Montags von 21 Uhr bis Mitternacht und von 2 bis 6 Uhr früh darf Konolfingen als grösste Gemeinde seine Sport- und Schulhausplätze wässern. Dienstags zu denselben Zeiten ist die Gemeinde Grosshöchstetten an der Reihe und Mittwochs die kleinen Gemeinden wie Zäziwil, Bowil und all die anderen.

 

… half den Wasserverbrauch aufteilen

Am Donnerstag und Freitag sind dann die Landwirtschaftsbetriebe mit einer Bewässerungsbewilligung der Gemeinden an der Reihe, Samstag und Sonntag bewässern vorwiegend die Privatleute ihre Gärten: An Wochenenden brauchen dafür die Industriebetriebe weniger Wasser, die während der Woche tagsüber einen höheren Verbrauch haben. «So konnten wir den Verbrauch verteilen, und es passt für alle», fasst Pieren zusammen.

 

Der Appell zeigte sofort Wirkung

Der Wasserverbund habe es den Gemeinden offengelassen, ob sie auf ihrer Website einen Aufruf publizieren. «Die Aufrufe einzelner Gemeinden und der Appell an den gesunden Menschenverstand haben sofort Wirkung gezeigt», freut sich Anton Pieren.

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Giessen nach Regime: Damit können Wasserverbrauchsspitzen gebrochen werden. (Foto: Pixabay.com/ryanmcguire)

(Fortsetzung Interview)

Daher der Sparaufruf der Gemeinde, den Wasserverbrauch auf das Notwendige zu beschränken.

Genau. Dieser Aufruf zeigte eine erfreuliche Wirkung, und der Verbrauch ging sichtbar zurück. Dadurch konnte die Wasserversorgung spürbar entlastet werden, sodass vorläufig keine weiteren Massnahmen erforderlich sind.

 

Und wenn das Wasser noch knapper wird ?

Sollte sich die Situation erneut verschärfen, müssten zusätzliche Einschränkungen getroffen werden. Dazu gehören die Beschränkung von Bewässerungen auf festgelegte Zeitfenster während der Nacht, weitere Reduktionen bei Grossverbrauchern sowie das vorübergehende Abstellen öffentlicher Brunnen.

 

Viele Leserinnen und Leser haben bei unserer Umfrage, ob sie aufs Bewässern verzichten, angekreuzt: «Ich würde gerne, kann aber meine Pflanzen nicht verdursten lassen.» Was sagen Sie dazu?

Das kann ich gut nachvollziehen, da ich selbst einen Garten habe. Beim Bewässern sollte nach Möglichkeit auf das Sprinkeln von Rasenflächen verzichtet werden. Wird der Rasen etwas höher stehen gelassen, beschattet er den Boden besser und reduziert dadurch die Verdunstung. Pflanzen sollten gezielt und vorzugsweise am frühen Morgen oder am späten Abend bewässert werden.

Gibt es zusätzliche, einfach einzuhaltende Wasserspar-Massnahmen?

Laufendes Wasser vermeiden und das Befüllen von Pools und auf unnötige Reinigungsarbeiten mit Trinkwasser verzichten. Trinkwasser sparsam und bewusst verbrauchen. Wird es enger, müssen wir allenfalls die Bewässerungszeiten für die Landwirtschaft staffeln, damit die Spitzenzeiten entlastet werden. Dann muss vielleicht ein Bauer von 23 Uhr bis ein Uhr früh wässern, ein anderer zwischen ein Uhr und drei Uhr früh.

 

Für die nächsten Tage sind Gewitter angesagt – ist damit die Trockenheit beendet?

Nein, vereinzelte Gewitter reichen nicht, der ausgetrocknete Boden kann allfällige Regenmassen gar nicht aufnehmen. Es braucht eine mehrtägige Regenperiode, damit sich die Vegetation wieder erholen kann.

 

Und wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten ein?

Wenn Wichtrach wieder selbst versorgt wird, entspannt sich die Lage in Münsingen. Falls die Trockenperioden weiter zunehmen, werden wir jedoch in Zukunft gezwungen sein, die Infrastruktur auszubauen und in neue Brunnen, Reservoire und Pumpwerk zu investieren. Vorläufig hat tatsächlich schon der achtsame Umgang mit dem Trinkwasser zur Entspannung beigetragen. Das werte ich als sehr positiv, und wir danken der Bevölkerung für das Einhalten der Sparmassnahmen: Wir haben offenbar viele vernünftige Leute in der Region.

Wasserversorgung in Münsingen

Münsingen wird hauptsächlich über zwei Grundwasserbrunnen in der Nähe der Aare sowie über mehrere Quellen mit Trinkwasser versorgt. Für Notfälle besteht zudem ein Anschluss an die Versorgungsleitung des Wasserverbunds Bern. Die verfügbaren Wasservorkommen sind grundsätzlich ausreichend. In der aktuellen ausserordentlichen Situation stossen jedoch einzelne Teile der Infrastruktur, insbesondere die Pumpwerke und Reservoire, aufgrund des hohen Verbrauchs zeitweise an ihre Kapazitätsgrenzen.

 

Verbrauch in Zahlen

Am verbrauchsstärksten Tag im Juni lag der Wasserverbrauch 27 Prozent über dem entsprechenden Wert des Vorjahres. Über den gesamten Monat betrachtet war der Wasserverbrauch im Juni 2026 rund 42 Prozent höher als im Juni 2025 (siehe Tabelle unten). Dabei ist allerdings ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs auf die zusätzliche Versorgung der Gemeinde Wichtrach mit Trinkwasser zurückzuführen: Ihr Anteil am gesamten Mehrverbrauch wird auf knapp 30 Prozent geschätzt. Damit bleibt aber immer noch ein um rund 12 Prozent erhöhter Wasserverbrauch für Münsingen.

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Die Zahlen zeigen es: Auch nach 30 Prozent Abzug für Wichtrach bleibt eine Zunahme von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. (Tabelle: uw)

Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 14.07.2026
Geändert: 14.07.2026
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