Alterszentrum Konolfingen wird neu gebaut

Hiobsbotschaft für die Bewohnenden der Kiesenmatte

Eine unschöne Nachricht erhielten die Bewohnenden des Alterszentrums Kiesenmatte in Konolfingen an der jüngsten Informationsveranstaltung: Die Gebäude werden Mitte 2027 abgerissen und neu gebaut, sämtliche Pflegezimmer und Alterswohnungen müssen geräumt werden. Das bedeutet für die 83 teils hochaltrigen Menschen eine grosse Belastung. Was läuft da?

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Stiftung Lebensart Standort Konolfingen: Die Bausubstanz macht offenbar einen Neubau sinnvoller als eine Sanierung. (Foto: Archiv BERN-OST)

Eingeladen waren die Bewohnenden des Alterszentrums Kiesenmatte in Konolfingen zu einer der regelmässigen Informationsveranstaltungen der Stiftung Lebensart. Diese hat das Alterszentrum im Juli 2020 übernommen, jetzt lud sie zu «Kaffee und Gipfeli und sonstigen Informationen aus der Region». Die «sonstigen Informationen» entpuppten sich allerdings als Hiobsbotschaft, die einige Bewohnerinnen und Bewohner fassungslos zurückliess.

 

83 teils sehr alte Menschen müssen ausziehen

Das Alterszentrum Kiesenmatte, so erfuhren die Anwesenden, werde komplett abgerissen und neu gebaut. Voraussichtlicher Baustart ab dem zweiten Quartal 2027, Bauzeit rund zwei Jahre. Sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner – 52 aus dem Pflegeheim und 31 Mieter:innen aus den Alterswohnungen – müssten auf diesen Zeitpunkt eine andere Unterkunft finden, wurden sie weiter informiert. Danach könnten sie in den Neubau zurückziehen. Im hohen Alter die vertraute Umgebung noch einmal verlassen und sich an einem neuen Ort wieder einleben, und alles nach zwei Jahren noch einmal rückwärts – keine Kleinigkeit.

 

«Verwirrung, Unsicherheit, Angst»

Tatsächlich herrsche seit dieser Schreckensnachricht bei vielen Bewohnenden des Standorts Konolfingen «eine Art Schockzustand, viel Verwirrung, Unsicherheit und Angst», so schrieb die Tochter einer Mieterin in einem Brief an die Medien. «Den alten und meist vulnerablen Personen wurde auf einen Schlag und in grober, rücksichtsloser Weise die Perspektive auf einen ruhigen Lebensabend entzogen.» Von immensem Stress schreibt sie, von Entwurzelung aus der vertrauten Umgebung und von einer hektischen Suche nach einem Platz.

 

Und dann eine solche Nachricht?

Gemäss ihrem Schreiben sei einfach ein Bericht über «diverse aktuelle Themen aus der Region» angekündigt worden. Und dann eine solche Nachricht? Das scheint tatsächlich krass. «Ich kann das gut nachvollziehen», erklärt Cédric Marville, Leiter Unternehmenskommunikation bei der Stiftung Lebensart, auf Anfrage. «Und ich bedaure das auch sehr.»

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Für Laien noch durchaus in Ordnung, für Fachleute nicht einmal mehr sanierungsfähig: Die Gebäude des Alterszentrums Kiesenmatte. (Foto: lebensart.ch)

Man wollte rechtzeitig informieren

Zu welchem Zeitpunkt man so etwas am sinnvollsten mitteile, sei jedoch schwierig abzuschätzen. Man habe die Mieterinnen und Mieter der Wohnungen so früh wie möglich informieren wollen, deshalb habe man das Infogefäss dazu genutzt. «Jetzt haben sie mindestens ein Jahr Zeit für die Wohnungssuche.» Das ist an sich begrüssenswert. Dennoch: Sensible Kommunikation geht anders.

 

Und da sei auch die Sachebene

Dass Bewohner:innen wie die Mutter der Briefschreiberin jetzt so durcheinander seien, tue ihm leid, sagt Cédric Marville. Das Thema betreffe aber verschiedene Ebenen: Zum einen seien da die Einzelschicksale, für die er «unglaublich viel Verständnis» habe. Dann sei da aber auch die Sachebene: «Der Zustand des Gebäudes ist in verschiedener Hinsicht schlecht, und selbst mit einer Sanierung wären die heutigen Standards und Anforderungen nur schwer oder gar nicht möglich zu erreichen.»

 

Macht ein Neubau Sinn?

In ihrem Brief an die Medien schreibt die Tochter allerdings, sie habe sich die Gebäude mit einem Bausachverständigen angeschaut. Von ihm habe sie sagen lassen, diese seien bei weitem nicht abbruchreif, sondern könnten saniert werden. «Abgesehen von den vielen menschlichen Einzelschicksalen macht ein Abbruch solch relativ junger Bausubstanz weder ökologisch noch ökonomisch Sinn», schreibt sie.

Bausubstanz entspricht nicht mehr den Normen ...

Diesem inoffiziellen Gutachten widerspricht Cédric Marville klar: «Die Bausubstanz der Gebäude von 1979 und 1986 entspricht nicht mehr heutigen Normen, sie ist auch nicht behindertengerecht.» Man könne das nicht mehr so sanieren, dass es für einen modernen Betrieb nutzbar sei. Abgesehen davon, ergänzt Marville, wäre eine Sanierung für die Bewohnerinnen und Bewohner wohl sogar zur wesentlich grösseren Belastung geworden, mit all dem Baulärm und Baustaub. 

 

… das war schon länger bekannt

Tatsächlich hiess es bereits in der Mitteilung zur Übernahmefusion vom Dezember 2019, die Gebäudeinfrastruktur komme an das Ende ihrer Nutzungsdauer «und bedarf grösserer Investitionen, um den heutigen Bedürfnissen der Bewohnenden weiterhin gerecht zu werden». Die Nachricht kommt also vor allem für die Bewohner:innen und Mieter:innen als erschreckende Überraschung. Und für einige als grosse Belastung: Ein Umzug geht immer mit grossem Stress einher, erst recht, wenn er im hohen Alter und unfreiwillig stattfindet.

 

Bewohnende des Pflegeheims werden nach Bärau verlegt

Die Bewohnenden des Pflegeheims müssten allerdings gar nichts unternehmen, beruhigt Cédric Marville: «Sie werden vollumfänglich in ein neues Gebäude in Bärau verlegt, samt den bestehenden Pflegeteams, und erhalten dort nach Möglichkeit die gewohnte Betreuung von den gleichen Mitarbeitenden.» Dennoch wird der Umzug nicht allen gleich leichtfallen: Bärau ist immerhin rund zwanzig Autominuten von Konolfingen entfernt.

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Im zweiten Quartal 2027 sollen die Gebäude rückgebaut werden, zwei Jahre später soll ein modernes Alterszentrum stehen. (Foto: Archiv BERN-OST)

Mieterinnen und Mieter erhalten Unterstützung

Die Mieterinnen und Mieter der Alterswohnungen hingegen, so versichert Marville, unterstütze man «so weit wie möglich» bei der Suche nach geeigneten Alterswohnungen in der Umgebung. Wie weit diese Unterstützung konkret geht und ob auch beim Umzug Hilfe zu erwarten ist, kann er nicht sagen, «das wird im Einzelfall abgeklärt». Aber die Tür der Standortleitung stehe jederzeit offen.

 

«Weiterbestand für 50 statt 30 Jahre»

Wie auch immer: Abwenden lässt sich der Neubau nicht. Die Bauunterlagen liegen bereit zum Einreichen. Da zählt auch ein weiterer Hinweis der Briefschreiberin nicht als Hinderungsgrund: «Es scheint unklar, dass eine Schliessung der Alterssiedlung mit dem Stiftungsrecht vereinbar wäre», schreibt sie. Bei der Fusion sei zugesichert worden, dass das Alterzentrum während mindestens 30 Jahren weiterbetrieben werde. Das streitet Cédric Marville nicht ab. Im Gegenteil, sagt er: «Mit dem Neubau sind wir so gut aufgestellt, dass wir wahrscheinlich sogar von einem Weiterbetrieb für 50 Jahre sprechen können.»

 

Grosses Bedauern

Das ist eine positive Nachricht. Sie ändert jedoch nichts daran, dass einige alte Menschen bang auf die nächsten Monate schauen. Ihre betagte Mutter habe in der Lebensart Bekanntschaft mit Nachbarinnen geschlossen, ergänzt die Tochter der Mieterin telefonisch, und die Frauen hätten angefangen, einander gegenseitig mit kleinen Hilfeleistungen im Alltag zu unterstützen. «Meine Mutter ist so wohl in ihrer Wohnung – sie ist richtig aufgelebt», freute sich die Tochter. «Umso mehr bedauert sie jetzt, dass sie das bald wieder aufgeben muss.»


Autor:in
Claudia Weiss, claudia.weiss@bern-ost.ch
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Erstellt: 23.01.2026
Geändert: 23.01.2026
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