«Ich wünsche den vier Herren für ihre Zukunft alles Gute»
Anderthalb Jahre nach dem Überfall in ihrem Wohnhaus in Schlosswil kann Margrit Mosimann aufatmen: Das Urteil ist gesprochen, die vier Männer, die ihr Schreck und Schmerz bereiteten, müssen je eine dreijährige Haftstrafe verbüssen. «Jetzt ist es für mich vorbei», sagt sie mit einem erleichterten Lächeln. Sie will die schlimmen Erinnerungen wegpacken und diesen Fall für sich abschliessen.
Zum dritten Mal wartet Margrit Mosimann im Gang des Regionalgerichts Bern-Mittelland, auch diesmal ist sie ein wenig aufgeregt: An diesem Gründonnerstagnachmittag wird das Urteil über die vier Männer eröffnet, die sie und ihren Mann Ernst Mosimann vor anderthalb Jahren in ihrem Haus in Schlosswil überfallen hatten. Sie ist froh, wird sie von ihrer treuen Begleiterschar auch zum dritten und letzten Gang in den Gerichtssaal begleitet: Sie hatte bereits bei der Hauptverhandlung und den Verteidigungs-Plädoyers zugehört und am ersten Verhandlungstag den Überfall noch einmal aus ihrer Sicht geschildert. In der Hand hält sie noch ein Foto, das sie mit dem Bluterguss rund um das linke Auge zeigt, «falls ich es dem Staatsanwalt noch einmal zeigen muss».
Drei Jahre für jeden der vier
Noch einmal sitzen die vier Angeklagten in einer Reihe vor Gericht, Margrit Mosimann am Tisch hinter ihnen. Die Urteilseröffnung durch den Gerichtspräsidenten Jürg Christen verläuft rassig: Jeder der vier Täter erhält für Raub und Hausfriedensbruch drei Jahre Freiheitsentzug, zwei von ihnen müssen 15 Monate davon unbedingt absitzen, die beiden anderen 18 Monate. Die restliche Zeit erhalten sie auf Bewährung mit einer Probezeit von vier Jahren. Für zwei von ihnen werden zusätzlich zehn Jahre Landesverweis ausgesprochen mit Eintrag in das Schengener Informationssystem (SIS), also mit einem Einreiseverbot in den gesamten Schengenraum für diese Dauer.
«Etwas im Sinn mit dem Tresor»
Anfangs ist Margrit Mosimann kurz erstaunt, dass alle vier Männer beinahe dasselbe Strafmass für die Tat erhalten. Die ausführliche Begründung des Gerichtspräsidenten Jürg Christen zeigt jedoch schnell, wie bei jedem der vier die belastenden und entlastenden Elemente gewichtet wurden. Beispielsweise war der Informant nicht vor Ort beteiligt, aber er war der Urheber des ganzen Überfalls und hatte nicht nur das Haus ausgekundschaftet, sondern auch den Tresor fotografiert. «Er hatte etwas im Sinn mit dem Tresor, sonst hätte er ihn nicht fotografiert», so Christens Schluss.
«Wenig glaubhaft und weltfremd»
Dementsprechend ordnet er viele Aussagen der vier Männer als «sehr beschränkt glaubhaft» ein. Unter anderem klingt für ihn allzu weltfremd, wenn die Täter angeben, sie hätten Gewalt vermeiden wollen, aber dann doch eine Pistole mitnahmen und sofort Gewalt anwendeten. Ob sie sich den vorgestellt hätten, Frau Mosimann öffne die Tür und sage: «Kommen Sie herein, der Tresor ist hier unten!», fragt er, und sagt: «Das kann man sich nicht vorstellen.»
«Amateurhaft, aber hinterhältig»
Ablauf und Planung seien teils amateurhaft, fasst er zusammen, und zugunsten der Täter spreche, dass sie im Sinn gehabt hätten, Gewalt zu vermieden. Aber letztlich hätten sie sich nicht daran gehalten. Das gewaltsame Eindringen zu dritt, mit Pistole und Masken, der wuchtige Schlag, die Finger im Mund und das Hinunterzerren – das sei schlimm. Trotz der beschönigenden Aussage, man habe gewaltlos vorgehen wollen, sei hier massive Gewalt ausgeübt worden. «Das Schlimmste ist, dass es sich um ein älteres Ehepaar handelt, und dass es in ihrem eigenen Haus passiert ist», bringt es Christen auf den Punkt: «Wie hinterhältig, fies und verachtend.»
«Zeugenaussage hingegen klar und glaubhaft»
Bei der Hauptverhandlung hätten sich zwar alle vier Angeklagten sehr empathisch und reuig gezeigt. «Beim Überfall gingen sie jedoch alles andere als empathisch vor.» Insgesamt hätten sämtliche Täter ihre Beteiligung stark schöngeredet und ihre Rolle heruntergespielt. Auf der anderen Seite ordnet der Gerichtspräsident Margrit Mosimanns Zeugenaussage als klar und absolut glaubhaft ein. Er findet, sie habe die Sachlage sehr differenziert geschildert, so dass man sich ohne weiteres darauf stützen könne, und bei ihrer Aussage trotz der vier Männer im Rücken viel Haltung gezeigt. «Bewundernswert, wie sie mit dem Ganzen umgeht.»
Einige Rätsel bleiben ungelöst
Die Frage nach dem Verbleib der Goldkette lässt sich allerdings auch an diesem Tag nicht klären, und wer der Chef war, bleibt ebenfalls unklar. Wer Margrit Mosimann die Pistole ins Gesicht hielt und ihr die Finger in den Mund steckte, um sie zum Schweigen zu bringen, kann zwar anhand der DNA-Spuren einigermassen sicher festgestellt werden. Aber wer sie letztlich auch geschlagen und wer sie bedroht hat? «Tatsache ist, dass der Vorfall für Margrit Mosimann schockierend und einschüchternd war und sie wegen der psychischen Folgen eine Therapie benötigte», fasst Christen zusammen. All diese Punkte machen die vier Männer gleichermassen zu Mittätern, und so kam das Gericht auf das im grossen und ganzen sehr ähnlichen Strafmass.
Ein herzhafter Dank an das Unterstützerteam ...
Nach der Urteilsverkündung steht Margrit Mosimann etwas erschöpft auf der Treppe vor dem Regionalgericht. Sie gibt sich einen Ruck und sagt energisch: «Jetzt kann ich das für mich abschliessen.» Als sie in ihrer Jackentasche einen zusammengefalteten Zettel findet, muss sie schmunzeln. Für den Fall, dass man sie noch um ein Abschlusswort gebeten hätte, hat sie sich extra etwas aufgeschrieben: Sie wollte ganz herzlich allen danken, die sich für sie und ihren Mann eingesetzt haben, dem Gericht und vor allem jenen, die sie stets begleitet haben.
... und ein Schlusswort an die Angeklagten
Und auch den vier Tätern wollte sie noch etwas mitgegeben. Sie liest vor, was sie notiert hat: «Diesen vier Herren wünsche ich für ihre Zukunft alles Gute!» Dann steckt sie den Zettel wieder in die Tasche und geht die Treppe hinunter. Sie hat trotz ihrer 78 Jahre alles erstaunlich gut hinter sich gebracht, aber die Verhandlungen haben sie doch ein wenig erschöpft, jetzt braucht sie dringend einen Kaffee.