Lindens Gemeindepräsident zu Vatti

«Was damals geschehen ist, finde ich haarsträubend»

Lindens Gemeindepräsident Ignaz Margelisch äussert sich erstmals zu den Vorkommnissen rund um den früheren Methernitha-Sektenführer Vatti. Er anerkennt eine Verantwortung der Gemeinde. Gleichzeitig fordert er, auch die Rolle von Kanton und Justiz seien zu betrachten.

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Ignaz Margelisch: «Es ist eine Geschichte, die man am liebsten nicht wahrhaben möchte.» (Fotos: rb)

Die Dokumentarserie über die Methernitha und ihren Sektenführer «Vatti» habe ihn in den vergangenen Monaten stark beschäftigt, schreibt Gemeindepräsident Ignaz Margelisch (parteilos) im Vorwort des Lindenblatts. In Gesprächen und Rückmeldungen habe er unterschiedliche Erfahrungen und Gefühle wahrgenommen.

 

Zu den damaligen Vorkommnissen sagt er: «Was damals geschehen ist, finde ich haarsträubend und verurteile es aufs Äusserste.» Die Gemeinde müsse sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.

 

Verantwortung der Gemeinde anerkannt

«Dass die Gemeinde damals eine Verantwortung hatte, steht für mich ausser Frage», schreibt Margelisch. 

 

Zugleich mahnt er zur Zurückhaltung bei der Beurteilung einzelner Verantwortlicher. Damalige Entscheidungen würden häufig mit heutigem Wissen beurteilt. Das müsse berücksichtigt werden, wenn es um die Verantwortung damaliger Aufsichtspersonen und Behörden gehe.

 

Für Margelisch gehört auch die Rolle von Kanton und Justiz zur Aufarbeitung. «Ich finde es deshalb schwierig, wenn heute vor allem die politische Gemeinde Linden für damalige Versäumnisse geradestehen soll.» Das bedeute nicht, dass die Gemeinde ihre eigene Verantwortung kleinreden oder wegschieben dürfe.

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In dieser Villa soll Vatti damals gewohnt haben. (Foto: rb)

Das Leid der Betroffenen

Margelisch spricht auch das Leid der Mädchen und jungen Frauen an: «Was den Mädchen und jungen Frauen damals widerfahren ist, wiegt schwer und darf nicht vergessen werden.»

 

Viele Fragen liessen sich nach so vielen Jahren wohl nicht mehr vollständig beantworten. Man müsse heute genau hinsehen, zuhören und den Mut haben Schwieriges anzusprechen. «Einfach zu schweigen und zu hoffen, dass sich die Sache irgendwann von selbst erledigt, kann keine Lösung sein.»

Konkrete Schritte bleiben offen

Margelisch hält einen Austausch mit der heutigen Gemeinschaft Methernitha für sinnvoll. In diesem Zusammenhang schreibt er: «Wir können diese Vergangenheit nicht einfach in ‹richtig› oder ‹falsch› einteilen.» Manches lasse sich heute klar benennen, anderes werde unterschiedlich wahrgenommen.

 

Gemeindepräsident Ignaz Margelisch konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.

Paul «Vatti» Baumann gründete in den 60er Jahren in Linden die spirituelle Gemeinschaft Methernitha und scharte Hunderte Anhänger um sich. Die Mitglieder lebten nach strengen Regeln, waren von der Aussenwelt abgeschottet und mussten Baumann blind gehorchen. Besonders Kinder waren ihm ausgeliefert, da sie von ihren Eltern getrennt und in einem eigenen Gebäudetrakt untergebracht wurden.

 

1976 sagten acht junge Frauen gegen Baumann aus und schilderten jahrelangen sexuellen Missbrauch, darunter auch die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens und eine von ihm herbeigeführte Abtreibung. Das Gericht verurteilte den damals 59-Jährigen wegen sexuellen Delikten an Kindern und Pflegebefohlenen sowie wegen versuchter Anstiftung zu falschem Zeugnis zu sieben Jahren Zuchthaus.

 

Trotz des Urteils blieben rund 100 Anhänger Baumann treu. Nach seiner Entlassung 1982 kehrte er zu Methernitha zurück. Baumann starb 2011, ohne seine Taten öffentlich zu bereuen, während die Gemeinschaft in Linden bis heute weiterbesteht.

Die Regisseurin Marina Klauser drehte den vierteiligen Dokumentarfilm «Der Engelmacher». Der Film erzählt von der bis heute bestehenden Schweizer Glaubensgemeinschaft Methernitha und ihrem Gründer Paul Baumann. Mehrere Missbrauchsopfer schildern die Vorgänge von damals und wie sie «Vatti» zu Fall brachten.

 

Die Serie «Der Engelmacher» kann auf SRF via Stream über Playswiss.ch geschaut werden.


Autor:in
Rolf Blaser, info@bern-ost.ch
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Erstellt: 05.11.2026
Geändert: 05.11.2026
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