Wie ein Biber über eine Million Franken sparte
Der Biber sorgt nicht nur für gefällte Bäume. In der Hunzigenau bei Rubigen verändert er seit Jahren die Landschaft. Für den Naturschutz ist das ein Gewinn. Ganz ohne Konflikte geht es aber nicht.
Wo heute Wasser steht, wäre einst ein Bauprojekt geplant gewesen. In der Hunzigenau bei Rubigen hat der Biber die Landschaft in den vergangenen Jahren stark verändert. Für Lorenz Hirni, Geschäftsführer der Stiftung Dr. Werner Sidler, ist das ein Glücksfall für die Natur. Er sagt: «Der Biber hat uns die Arbeit abgenommen.»
Der Biber arbeitete gratis
Am Rand des Hechtenlochs zeigt Hirni auf eine überflutete Fläche mitten im Wald. Ein Graureiher sitzt auf einem Ast und starrt ins Wasser. Der Biber hat mehrere Dämme gebaut und somit ein Waldstück überflutet. Seit drei Jahren wird auch ein Teil des Feldes ausserhalb des Waldes überschwemmt. «Das ist grandios!», freut sich Hirni über die neu entstandenen Feuchtgebiete.
Eine Million gespart
«Wenn wir das künstlich hätten revitalisieren müssen, hätte das über eine Million Franken gekostet», sagt Lorenz Hirni. Hinzu wären lange und mühsame Bewilligungsverfahren gekommen. «Der Biber braucht zum Glück keine Baubewilligung», sagt er und lacht.
Der von Hirni geführten Stiftung gehört das Hunzigengut, ein grosses Gebiet hinter der Mühle Hunziken samt Hechtenloch, welches von der Belpstrasse bis zur Autobahn reicht. Die Hunzigenau steht unter Naturschutz. «Unser Ziel ist es, die Natur hier zu fördern.» Wobei der Biber eine wichtige Rolle spielt.
Neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen
Früher sei das Gebiet viel eintöniger gewesen. «Es gab die Aare und das Hechtenloch. Das umliegende Land wurde landwirtschaftlich genutzt», so Hirni. Heute prägen Weiher, Kanäle, Bäche und überflutete Flächen das Bild. «Der Biber gräbt neue Wasserläufe und gestaltet den Lebensraum laufend um.»
Wenn Lorenz Hirni den Biber beobachte, verhalte sich der wie ein Architekt. «Der Biber schaut den Damm an. Dann holt er ein Stück Holz und baut es genau dort ein. Man hat fast das Gefühl, er denke wie ein Ingenieur.»
Nicht alles überlässt man dem Biber
Die Veränderungen in der Natur haben Folgen. Wo früher Ackerland war, fliegen heute Libellen und Schmetterlinge. Im vergangenen Winter beobachtete Hirni 45 Bekassinen und zwei Kiebitze auf der von den Bibern kreierten Feuchtlandschaft neben dem Autobahnzubringer. «Diese Arten gab es dort früher nicht», so Hirni, «hinter dem Haus sang diesen Frühling sogar eine Nachtigall. Sie brütet seit ein paar Jahren wieder hier.» Wie sich die Artenvielfalt entwickelt, wird nun wissenschaftlich untersucht.
Grösste Dichte an Bibern
Auf dem Gebiet leben heute vier Biberfamilien. Die grösste zählt 14 Tiere. Die Spuren der Biber hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen. «Das ging fast exponentiell. Wir sind hier schweizweit im Gebiet mit der höchsten Dichte an Biberrevieren.»
Ganz ohne Konflikte geht es nicht. Manchmal geht der Biber zu weit, wenn er Bäume fällt und Wasser staut. Einzelne alte Bäume werden deshalb geschützt. Hirni darf Dämme mit Bewilligung öffnen, wenn Strassen oder Gebäude gefährdet sind. «Aber oft baut der Biber dies in zwei Nächten wieder auf.»
Mensch und Biber müssen sich anpassen
Es gibt auch Bauern oder Landbesitzer, die sich über den Schutz des Bibers aufregen. Überschwemmte Wiesen oder unter Wasser stehende Waldflächen führten immer wieder zu Diskussionen. «Klar haben nicht alle Freude am Biber. Ich verstehe diese Anliegen. Aber in unserem Naturschutzgebiet überwiegt für mich der Nutzen, weshalb wir den Biber machen lassen.»
Mensch und Biber müssen gemäss Hirni lernen, miteinander auszukommen. «Wir haben in den letzten Jahren viel über den Biber gelernt. Seit wir besser verstehen, was er braucht, greifen wir auch anders ein.»
Für Lorenz Hirni ist der Biber kein Störenfried, sondern ein Partner der Natur, der zeigt, was passiert, wenn man ihm Raum lässt. Während der Mensch Renaturierungen plant, baut der Biber einfach weiter.
Lorenz Hirni (62) aus Interlaken ist Geschäftsführer der Dr. Werner Sidler Stiftung und Leiter von «Natur Hunziken». Die Stiftung ist Besitzerin der Hunzigenau und fördert die Natur auf ihrem Gelände.
Hirni ist Anwalt und arbeitete davor über 20 Jahre für Greenpeace Schweiz. Heute begleitet er die Entwicklung der Hunzigenau und beobachtet, wie der Biber den Lebensraum mitgestaltet. «Bei uns hat der Biber viel dazu beigetragen, dass sich die Natur erholt», sagt er.
Die Stiftung Dr. Werner Sidler ist Eigentümerin des 43 Hektar grossen Hunzigenguts. Sie setzt sich ein für das Erhalten von Lebensräumen für bedrohte oder seltene Tier- und Pflanzenarten.
Vier Biberfamilien leben in der Hunzigenau
Auf dem Gelände der Stiftung leben aktuell vier Biberfamilien. Die grösste Familie zählt 14 Tiere. Eine Biberfamilie besteht meist aus den Eltern und den Jungtieren der letzten zwei Jahre.
Der Biber ist vor allem in der Dämmerung und in der Nacht aktiv. Mit seinen kräftigen Zähnen fällt er Bäume, baut Dämme und gräbt neue Wasserwege.
Deshalb wird der Biber oft als «Landschaftsarchitekt» und Förderer der Biodiversität bezeichnet. Er verändert seinen Lebensraum und schafft damit neue Feuchtgebiete. Davon profitieren zahlreiche andere Arten wie Libellen, Amphibien und Vögel.