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Adrian Junker: "Ich wusste, dass mich der nächste Schritt aus der Küche führt"

Adrian Junker ist seit drei Jahren Zentrumsleiter der Stiftung für Betagte in Münsingen. Der 43-jährige ausgebildete Koch war zuletzt Chef aller Küchen im Inselspital. Mit BERN-OST sprach er über die Herausforderungen im Alltag und die Vorteile, die er als Branchenneuling in der Pflege hat.

(Video: Lina Schlup; Casimir Blaser)
Adrian Junker mit Bewohnern und Pflegern beim YB Match (Bilder: zvg)
Adrian Junker in seinem Büro im Alterszentrum Schlossgut.
Begegnung zwischen YB-Fans.
Die Bewohner fieberten mit.
YB wurde Schweizermeister.
Junker (mitte) verkleidet als Osterhase mit seiner Tochter (links) und einer Mitarbeiterin.
Ostern im Alterszentrum.

Es ist ein sonniger Wintertag in Münsingen. Das Alterszentrum Schlossgut, das etwa fünf Gehminuten vom Bahnhof Münsingen entfernt liegt, ist ein modernes und einladendes Gebäude. Direkt hinter dem Haupteingang befindet sich der Speisesaal. Noch ist er leer, es ist knapp 10 Uhr morgens. Im Hinterhof des Gebäudes tummeln sich Ziegen und Alpakas – alles in allem ein sehr idyllischer Ort.

 

Hier arbeitet Adrian Junker seit rund drei Jahren als Zentrumsleiter der Stiftung für Betagte. Zur Stiftung gehören das Alterszentrum Schlossgut, die Altersresidenz Bärenmatte und die Altersiedlung Sonnalde.

 

"Ich wusste, dass mich der nächste Schritt aus der Küche führt"

Der 43-jährige Junker ist ein Neuling in der Pflegebranche, seine Lehre machte er Anfang der 1990-Jahre als Koch. "In der Schule stand ich vor der Wahl, gehe ich in das Gymnasium oder mache ich eine Lehre. Ich habe aber gewusst, dass ich einen handwerklichen Beruf lernen will", sagt er. 

 

Seine Erfahrung reicht von kleineren Betrieben mit 36 Sitzplätzen und 9 Köchen bis zum Berner Inselspital mit 6'500 Mahlzeiten täglich und 180 Köchen. "Von der Spitzengastronomie bis zur Gemeinschaftsgastronomie, Spital, Heim, Catering – alles durfte ich miterleben", sagt Junker.

 

Zuletzt arbeitete er als Leiter Küchen im Inselspital. "Nach meinem Job dort, wusste ich, dass mich der nächste Schritt aus der Küche führen wird", sagt Adrian Junker. "Ich wollte nicht zweimal das Gleiche sehen und wollte deshalb in die Unternehmungsführung."

 

Rückkehr ins Alterszentrum Münsingen

Das Alterszentrum Münsingen war ihm bereits bekannt. "Vor meiner Stelle im Inselspital war ich fünf Jahre lang Leiter Küche und Gastronomie im Alterszentrum Münsingen und durfte mit meinem Vorgänger Christian Schramer zusammenarbeiten. Jetzt sechs Jahre später bin ich wieder zurückgekommen." 

 

Den Betrieb kannte er bereits, seine neue Aufgabe allerdings noch nicht. "Am ersten Tag habe ich mir auf einem A4 Blatt meine Aufgaben und Ziele notiert. Lustigerweise, brauche ich dieses Blatt heute noch und es ist immer noch sehr akkurat."

 

Mit dabei bei der Meisterfeier

In der Tatsache, dass er ein Branchenneuling war, sieht er auch Vorteile. "In jeder Branche ist es so, dass es Vorschriften und Rahmenbedingungen gibt, die eingehalten werden, obwohl sie nicht immer Sinn ergeben oder einen echten Nutzen haben – auch in der Küche war es so. Ich habe erlebt, dass eine Gesetzgebung so ausgelegt wurde, dass man Bewohnern keine Spiegeleier servieren dürfe. Für mich war dies mehr eine  Ausrede, weil Spiegeleier in grosser Anzahl herzustellen eine Herausforderung ist und man diese so umgehen kann."

 

Als Neueinsteiger in der Pflegebranche, kannte er diese zu Beginn nicht. "Darum stelle ich die Dienstleistungsorientiertheit vor Vorschriften und Rahmenbedingungen und verstecke mich daher auch nicht hinter ihnen." 

 

Seine unorthodoxe Herangehensweise zeigt sich zum Beispiel darin, dass er die Idee des Küchenchefs aufnahm und spontan mit den Bewohnern an einen YB Match ging. Prompt war es das Spiel, bei dem YB nach 32 Jahren Schweizermeister wurde. "Das war ein unglaubliches Erlebnis", sagt Junker. "Mit dabei war zum Beispiel ein schwer dementer Mann, der Tage später noch von dem Match schwärmte."

 

Immer im Moment

Als Zentrumsleiter ist der Familienvater immer auf Sprung, wie schaltet er nach Feierabend ab? "Ich habe das über zwei Jahrzehnte geübt und trainiert. Mir ist wichtig, dass ich den Arbeitsplatz verlassen und mich mit einem guten Gefühl und Gewissen dem nächstem Thema widmen kann."

 

Sein Trick ist es, immer sicherzustellen, dass alles für den nächsten Tag vorbereitet und organisiert ist. "Alles erledigen und abschliessen zu wollen wäre illusorisch. Wichtig ist es, alles auf dem Radar zu haben", sagt Junker. "Und dass man zwischen Wichtigkeit und Dringlichkeit unterscheiden kann, denn nicht alle wichtigen Themen sind auch dringend."

 

Weiter sagt er: "Ich widme meine Aufmerksamkeit immer zu hundert Prozent dem Thema, an dem ich im Moment bin. Ob das nun bei der Arbeit ist, oder zuhause meiner Tochter."

 

"Die Bedürfnisse haben sich stark verändert"

Laut Junker habe sich das Klientel in den letzten Jahren stark verändert, als er 2004 als Küchenchef im Alterszentrum Münsingen tätig war, seien die meisten Bewohner nicht auf Pflege angewiesen gewesen. "Heute hat es in der Stiftung für Betagte nur noch pflegebedürftige Menschen. Die jüngeren Menschen oder solche die nicht auf Betreuung angewiesen sind, wählen Wohnen mit Dienstleistungen."

 

Weiter sei die Generation, die er vor rund 15 Jahren kennengelernt habe, eine Generation, die gelernt hat mit Mangel zu leben. "Sie waren dankbar und zufrieden, wenn sie zwei warme Mahlzeiten am Tag hatten", sagt Junker. Die Leute die jetzt zu ihm kämen, hätten ganz andere Bedürfnisse. "Sie kennen die Welt. Ihre Bedürfnisse werden im Alter nicht geringer sondern eher grösser." Es sei alles lebendiger aber auch anspruchsvoller geworden.

 

Der Umgang mit dem Tod

Der Tod ist für Adrian Junker Alltag. "Als ich 2004 in der Küche begonnen habe, hat mich das fast zermürbt." Auch mit der tristen Stimmung, die teilweise im Altersheim herrschte, hatte er zu kämpfen. "Die Bewohner haben mir um 18:30 Uhr eine gute Nacht gewünscht, das war für mich furchtbar." Er sei fast in eine Depression verfallen und habe sich gefragt, ob dies wirklich das Ziel des Lebens sei.

 

Je mehr er sich mich der Thematik vom Tod beschäftigt hat, habe er allerdings gemerkt, dass es ein wichtiger Teil des Lebens ist. "Diese Endphase braucht es auch - gerade für die angehörigen Kinder, damit sie loslassen können. Wichtig ist es, dieser Phase Sinnhaftigkeit zu geben und sie lebenswert zu machen."


Autor
Lina Schlup, lina.schlup@bern-ost.ch
Nachricht an die Redaktion
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Erstellt: 11.02.2019
Geändert: 11.02.2019
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